Kinder an die Macht!

Kinder an die Macht!

Zum Schutz der Privatsphäre wird der Name des Jungen geändert und ich nenne ihn Daniel. Zuerst stelle ich ihm ein paar kurze Fragen zur Schule. Seine Lieblingsfächer sind Turnen, Handarbeit und Zeichnen. Auch während diesem Interview ist er mit Zeichnen beschäftigt, damit es ihm etwas leichter fällt, sitzen zu bleiben und sich ruhig zu halten. Zudem hat er an diesem Tag ein Medikament gegen seine Hustenanfälle erhalten, welches ihn nicht gerade beruhigt. Doch zurück zum Thema: Mathe ist Daniels unbeliebtestes Fach und lieber als zur Schule zu gehen, würde er zu Hause bleiben und draussen spielen oder Musik hören. Das ist natürlich keine Option, aber man spürt ganz klar seinen unbändigen Drang zur Bewegung, Kreativität und zur Natur. Müsste Daniel selbst Lehrer sein, würde er Zeichnen unterrichten und jeden das zeichnen lassen, was er möchte. Falls jemand keine Lust dazu hätte, würde er ihn kurzerhand vor die Türe stellen. Das klingt ziemlich streng, doch woher mag diese Taktik wohl kommen? Natürlich wurde er auch manchmal vor die Türe geschickt, wenn er nicht gehorchte, doch sein Verhalten hat sich diesbezüglich bereits deutlich verbessert.


Wie das möglich war? Daniel wurde einerseits neben eine ruhige Mitschülerin versetzt und andererseits hat man eine persönliche und sehr kreative Aufgabe ausgearbeitet, die ihn selbst merken lässt, wenn er sich daneben benimmt. Und diese Aufgabe funktioniert! Dass diese kreative Aufgabe an sich funktioniert ist nicht der Grund für mein Erstaunen, sondern Daniels Fähigkeit zur Selbstreflektion. Das bedeutet, dass dieser 8-jährige Junge nicht nur weiss, wie er sich benimmt, sondern auch wie sich sein Benehmen auf sich und sein Umfeld auswirkt. Ich bin davon überzeugt, dass Daniel kein Ausnahmetalent dafür ist, doch stellt sich natürlich die Frage, wie stark den Kindern genau diese Fähigkeit beigebracht wird. Kinder werden grundsätzlich mit Fähigkeiten wie Liebe, Kreativität und Bewegungsdrang geboren, was danach geschieht hängt (leider?) stark von uns Erwachsenen ab. Mit der Fähigkeit zur Selbstreflektion ist ein Kind manchmal viel besser ausgestattet, als einige Erwachsenen. Das mag etwas hart klingen und vielleicht ist es gar nicht so schlimm. Vielleicht ist es «nur» die Fähigkeit, auf seine Selbstreflektion zu hören und danach zu handeln, die wir Erwachsenen vernachlässigen? Wissen wir denn nicht alle, was für uns das Richtige wäre? Ich höre jetzt auch wieder auf meine eigene Selbstreflektion und kehre zum eigentlichen Interview zurück.

Passend zum eben erlebten Umweg in meinem Bericht nimmt auch das Interview eine unerwartete Wende: Als eigentlichen Abschluss grüsst und lobt Daniel seine Lehrer und freut sich bereits auf seinen Ruhm durch die Publikation dieses Berichtes. Ich erkläre ihm, dass keine Namen erwähnt werden und er ist etwas enttäuscht über seine verpasste Chance zu Ansehen und Macht, was uns zu einem sehr interessanten Gebiet führt. Wir stellen uns nun vor, Daniel wäre Bundesrat und könnte so mithelfen, die Schweiz zu regieren. Was würde er dann machen? Seine erste Aussage kommt wie aus der Pistole geschossen: «Alle sollten alle als schön betrachten.» Kurz und knapp, als ob es nichts Logischeres auf der Welt gäbe. Ich bin beeindruckt und hake nach, ob Daniel noch weitere solcher Weisheiten auf Lager hat.


«In der Schule sollte man andere nicht auf den Arm nehmen oder hänseln. Fällt jemand hin und macht sich weh, sollte man nachfragen ob alles okey ist und sie/ihn nicht auslachen.» Stellt euch einmal vor, dass alle Kinder zu Hause so denken würden und es in der Schule nur ein einziges Kind braucht, das anders handelt und so das Handeln einer ganzen Gruppe ändern kann. Das scheint einerseits deprimierend zu sein, doch andererseits braucht es leider auch genau diese Unruhestifter, damit Kinder wichtige Fähigkeiten überhaupt lernen können wie zum Beispiel Konfliktfähigkeit. So paradox und gegensätzlich es auch klingen mag, aber man kann ja nicht wissen, was gut ist, wenn man nie etwas Schlechtes erlebt hat…


«Tiere sollten frei leben und wer eins davon schiesst, gehört ins Gefängnis.» Dieses Thema ist genauso aktuell wie umstritten. Und ähnlich geht es weiter: Daniel war auch schon im Zoo, aber seine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Es war beeindruckend, all diese wilden Tieren zu sehen, doch die Tatsache, dass diese Tiere in Käfige gefangen gehalten werden, hat der ganzen Erfahrung gleich den Wind aus den Segeln genommen. Natürlich hätte Daniel liebend gerne ein kleiner Tiger als Haustier, aber träumen wir nicht alle davon?


Nun geht es um das Thema Geld: Die Reichen sollten arm werden und umgekehrt. Oder so. Doch Daniel sieht schnell ein, dass nach so einer Aktion wieder dieselbe Ungerechtigkeit besteht. «Es sollten alle reich werden», so sähe dann seine Lösung aus. Dann belehrt er mich, dass ich einem Bettler nie Geld geben sollte. Ich bin ein wenig verdutzt und frage nach dem Grund dafür. «Gibt man ihnen Geld, dann kaufen sie damit nur Vodka oder Zigaretten. Daher ist es besser, wenn man ihnen etwas zu Essen gäbe.» Auch diese Einsicht hat ihren Hintergrund: Daniel und seine Mutter waren eines Tages in der Stadt und haben einem Bettler etwas Kleingeld geben, doch anstatt Dankbarkeit zu zeigen, hat dieser Bettler nur noch mehr Kleingeld verlangt. Glücklicherweise hat ein anderer Bettler auf Daniels Spende mit Dankbarkeit reagiert und so seine Erfahrung «gerettet». Seine Einsichten und Schlüsse aus solchen Ereignissen finde ich allemal sehr beeindruckend.


Genau deshalb finde ich die Ansichten von Kindern so unglaublich lehrreich. Sie sind simpel, grundlegend und einfach auf den Punkt gebracht. Natürlich ist es nicht so einfach wie es durch Kinderaugen gesehen wird, aber es gibt schon unglaublich viele Dinge, die wir ach so gebildeten und intelligenten Erwachsenen uns selbst verkomplizieren. Hier ist noch eine kurze Zusammenfassung der Erkenntnisse eines 8-Jährigen: «Versucht, das Schöne in einander zu sehen, unterstützt einander und achtet die Tiere und die Natur.»


Diesen Bericht schliesse ich mit den tiefgründigen und fast schon unangenehm passenden Worten von Khalil Gibran aus seinem Buch «Der Prophet» ab:


«Und eine Frau, die einen Säugling an der Brust hielt, sagte: Sprich uns von den Kindern. Und er (der Prophet) sagte: Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie auch doch nicht.

Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken. Denn sie haben ihre eigenen Gedanken. Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen. Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen. Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen. Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern. Ihr seid die Bogen, von dem eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden. Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit, und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen. Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein; Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt Er auch den Bogen, der fest ist.»

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