Kinder werden zu Italienern erzogen
Bild/Illu/Video: Heidi Troisio

Kinder werden zu Italienern erzogen

Diese Beobachtungen mache ich als Halbitalienerin und Frau eines Vollblut-Italieners immer wieder. Es beginnt schon bei der Schwangerschaft: Die meisten Schweizer und Liechtensteiner verraten ihr süsses Geheimnis erst nach der Routineuntersuchung in der 12. Schwangerschaftswoche. Bei unseren italienischen Verwandten ist es hingegen ganz normal, dass von Anfang alle eingeweiht werden inklusive Arbeitgeber. Sobald das Geschlecht bekannt ist, wird das Kind beim Namen genannt. Hier wird um das Geschlecht und vor allem den Namen oftmals ein grosses Geheimnis gemacht.


Dann bei der Geburt: In Liechtenstein und der Schweiz informieren die frischgebackenen Eltern ihre Verwandte und Freunde nach der Geburt – die einen direkt danach, die anderen geniessen die ersten Stunden, wenn nicht sogar Tage, lieber in trauter Dreisamkeit. In Italien ist das unvorstellbar. Dort stehen - zugespitzt formuliert - Familie und Verwandte alle im Spital vor der Zimmertüre, während die Frau noch in den Wehen liegt. Und selbstverständlich werden während der Wartezeit auf das kleine Wunder alle mit Lasagne der Mutter beziehungsweise der Schwiegermutter versorgt.


Auf der Welt wird das Baby dann sofort in die Mentalität der Italiener eingeführt: Es wird von allen bestaunt, getätschelt und herumgetragen - egal zu welcher Tages- und Nachtzeit! Was wohl der blanke Horror für viele Schweizer und Liechtensteiner sein muss. Dies passiert selbstverständlich immer auf dem Arm. Tragetücher habe ich in Italien bisher noch keine live gesehen. Als ich meinen Sohn zum ersten Mal stolz in Sizilien in meiner stilvollen Kokadi-Trage ausführte, wurde ich auf der Strasse von allen Seiten neugierig gemustert. Eine wildfremde Nonna fragte mich sogar, ob sie mir behilflich sein und das Baby abnehmen könne! :-D


Grosse Unterschiede gibt es auch bei der Schlafens- und Essenszeit: In Liechtenstein und der Schweiz sind Babys und Kleinkinder um halb 8 im Bett. Essen gibt es zirka eine Stunde vorher, also um halb 7. Wollen Mami und Papi gemeinsam ausgehen, wird ein Babysitter organisiert.


In Italien läuft das alles ganz anders. Da essen und schlafen grundsätzlich alle ohne Ausnahme später. Einen Babysitter braucht es auch keinen. Denn der Nachwuchs wird immer und überall mitgenommen - sei es am Abend in der Lieblingspizzeria, an einer Hochzeit oder an einem Geburtstagsfest. Die Kleinen sind immer mittendrin anstatt nur dabei. Und wenn sie irgendwann nicht mehr mögen, dann schlafen sie einfach im Kinderwagen, während Mamma und Papa bis in die frühen Morgenstunden weiterfeiern.


Um dieses Phänomen zu beobachten, muss man übrigens nicht unbedingt bis nach Italien reisen. Die Italiener leben ihre Kinder-Kultur auch hier in vollen Zügen aus. Der beste Beweis dafür ist der Jahrmarkt bei uns im Dorf.


Während die Schweizer und Liechtensteiner Kinder zu Hause in ihrem Bett schlafen und jedes Jahr abwechselnd entweder Mami oder Papi Ausgang hat, reihen sich vor dem Italiener-Zelt die Kinderwagen und Buggys: Dort wird gegessen, getanzt und gesungen - ach ja und das natürlich top gestylt, sowohl Eltern als auch die Kleinen! Mein Junge trägt dabei als einziger ein Lätzchen, damit er sein schönes Hemdchen nicht bekleckert.


Auch ein Phänomen, das ich immer wieder staunend beobachte: Diese Vollblut-Italiener-Kinder scheinen sich nie schmutzig zu machen. Gesicht, Hände, Kleidung: Immer sauber, selbst nach dem Essen – und das selbstverständlich ohne unstylischen Latz!


Zum Schluss noch ein paar Worte zum Bild:

Dieses Foto zeigt den Buggy-Parkplatz vor dem Restaurant unserer Stamm-Ferienanlage in Licata, Sizilien.

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