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«Kreckselkracksel»
Bild/Illu/Video: Marcus Duff

«Kreckselkracksel»

Unter den Wolken über der Schneegrenze schweigt der Fluss, der keiner ist. So viele Grautöne mit Blick auf den Gipfel, so viele Grautöne wie kein trübes Tuschwasser jemals hervorbringen könnte. Wo sprießen die Farne am Wegesrand? Wo ist das Leben jenseits der Tausender? Ist das Wasser nicht Quell des Lebens? Zerschnittene Felsen, gesprengt vom Frost, dem stärksten Dynamit. Platschendes Plätschern, ein Delta bei dünner Luft. Gletschermilch.


Ist das Kahle schön? Was ist denn heute noch schön? Die Kopfhaut eines Gletschers, vom Klimawandel rasiert, ohne Aufsatz und ohne Unterlass - sicherlich nicht. Krecksel, krecksel, krecksel, krakselt das Geröll unter ihren Wanderschuhen. Die Bänder festgeschnürt, der Schaft fest am Knöchel. Steinchen pressen sich in ihre Wandersohlen. Jetzt beginnt das ewige Eis, Spikes.


Tini warnte: Große Hände, ungepflegte Nackenhaare und ein fester Griff am Gesäß. Tini möchte eine Ermittlungskommission gegen Gernot einrichten. Der Lehrstuhl wird wackeln. Tini will ihre Träume Wirklichkeit werden lassen: Ein Eckbüro mit Besprechungstisch, Blick auf den Campus und vorbeispazierenden Studenten – Jalousien und Zimmerpflanzen inklusive. Noch hat er nichts gemacht, aber die Fantasie blüht nicht nur im Frühling. Und ein Hashtag sagt mehr als tausend Worte.


Mit dem GPS-Signal ermittelt Gernot die Messdaten: Wie hoch stand der Gletscher letztes Jahr? Wie viel ist er geschrumpft? Welche Konsistenz hat der Schnee? Wie schnell bewegt sich der Firn? Er sah, dass es schlecht war. Ein alter Herr ist er, sagt Gernot über den Firn. Nur alte Menschen tun schrumpfen, fügt er an. Der Gletscher hat viele Jahre auf dem Buckel verbracht. Als weiße Zunge schleckt er noch immer an den Felsen entlang. Der Speichelfluss hat aber zugenommen. Mittlerweile sabbert der alte Herr gewaltig ins Tal hinab.  


Sie solle eine Anzeige machen, sagte ihr Tini, er habe sie vermehrt belästigt: Bei Messungen, in seinem Büro, habe ihr Nacktbilder von sich auf Whatsapp geschickt. Tini wolle ihr helfen, von ihrem Eckbüro aus natürlich – langfristige Perspektive und so. Wenn sie keine Kinder gekriegt hätte, wäre sie weiter als Tini, meinte Gernot nach ihrer Rückkehr aus dem Mutterschutz. Tini macht nun Karriere. Kinder würden ihr aber gut stehen. Denn Kinder sind schlecht für die Karriere.


Mit Zackenschritten tapsen beide auf dem nassen Eis hinab. Gernot vorne, sie hinten, mit einem Sicherheitsgurt verbunden. Ihr Blick schweift ab, die Gedanken auch. Der Halt ist harmlos, die Wanderstöcke nutzlos. Sie rutscht weg und schreit auf. Gernot dreht sich um, sie fällt in seine Arme. Nichts passiert. Ist das schon sexuelle Belästigung?


Gernot ist Vater zweier Kinder, seit kurzem auch Grossvater. Ausserdem langjähriger Glaziologie und Forscher ohne Grenzen. Seine Frau hält zu ihm - trotz Beschuldigungen und Gerüchte. So ein lieber Mann kann keiner Frau etwas antun, sagen seine Freunde. Aber gerade die unscheinbaren lieben Männer - das sind die Perversesten, sagt Tini.


Unterdessen laufen die Berge aus, ihre kalten Innereien strömen aus allen Öffnungen. Sandiges Süsswasser geht vor die Hunde und die schlaffen Riesen ohne Rückgrat fallen auseinander. Die Schneekanonen werden auch in diesem Jahr aus der Garage geholt, die Ski-Saison wird kurz. Die Erde dreht sich weiter, solange der Akku reicht.


Das E-Auto wartet unten auf dem Parkplatz auf sie, silber-hellblau und mucksmäuschenstill. Schlüssel in der Zündung, nur noch wenige Kilometer im Tank, aber kaum eine Ladesäule auf dem Land. Verzockt mit dem Saft, nur sie beide in der Mitte vom Nirgendwo. Er sah, dass es gut war.


























Zum Autor

Cian Hartung ist 27 Jahre alt und freier Journalist. Ursprünglich kommt er aus Hamburg, ist aber über einige Stationen ins Allgäu nach Kempten gekommen. Er hat bereits für t-online.de, das Hamburger Abendblatt, die Würzburger Mainpost und andere Regionaltitel geschrieben. Vor kurzem hat er ein Volontariat beim Südkurier am Bodensee begonne. Als Autor unterhält er den Blog «Kurzgeschichten handgemacht» und postet regelmäßig Short Stories. Auf Facebook findet ihr ihn unter dem Namen Cian Hartung.

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