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«La, Li, Lalala – der Tod ist da»
Bild/Illu/Video: zVg.

«La, Li, Lalala – der Tod ist da»

Dieses Jahr sollte es etwas ganz Besonderes werden. Es war alles bis ins kleinste Detail organisiert. Um Punkt 8:15 Uhr verliess der bestellte Bus das kleine Städtchen und beförderte den Laienchor Singsang for everyone ohne Zwischenfälle mitten in die schöne Nordeifel.


Ziel der Reise war ein kleines Hotel an einem romantischen See. Sinn und Zweck war jedes Jahr der gleiche: Singen, Saufen, Seele baumeln lassen. Für das Chormitglied Heribert Stichel gehörte allerdings noch etwas anderes mit S dazu. Dummerweise durften wieder alle Partner und Partnerinnen mitfahren. So kam es, dass Heribert seine Frau mitschleppen musste. Das war ihm vor den Anderen äusserst peinlich. Er hatte alles versucht, um es Henriette auszureden, aber sie wollte unbedingt dabei sein. Henriette Stichel war eine mittelgroße Frau mit ungepflegter Haut, struppigem Haar und glänzenden Speckfüssen. Sofort ins Auge fielen allerdings die Wampe und der gewaltige Hängebusen. Beides konnte man schon aus der Ferne bewundern.


«Ihr habt jetzt Zeit, eure Zimmer zu beziehen und euch etwas frisch zu machen. Wir treffen uns pünktlich um 17:05 Uhr unten an der Rezeption», verkündete der Chorleiter noch übers Mikrofon, bevor alle aus dem Bus stürmten.

Heribert ließ seinen Blick schweifen. Freudig erregt betrachtete er den Hintern von Claudia, der Verlobten des Tenors. Auf der letzten Chorfahrt hatte Heribert tatsächlich bei ihr landen können. Claudia hatte damals mehrstimmig alle Register gezogen. Daran dachte er seitdem fast jeden Tag. Er freute sich auch schon auf die heissen Filmchen im Pay-TV auf dem Hotelzimmer. Wenn Henriette schlief und vor sich hin schnarchte, bekam sie sowieso nichts mit.


Claudia hatte Heriberts Blicke, draussen neben dem Bus, sofort bemerkt. Sie zwinkerte ihm zu und schenkte ihm ein verführerisches Lächeln.


Ob er dieses Jahr wieder in den Genuss kommen würde?

«Die Hoffnung stirbt zuletzt», sagte er immer wieder leise zu sich selbst. Heriberts erotische Tagträume zerplatzten wie eine Seifenblase, als Henriette ihren unhandlichen Koffer ungebremst auf seinen Fuss fallen liess.

«Mann, musst du immer mitten im Weg stehen? Du lernst es wohl nie, wah?», maulte Henriette und schubste ihren Gatten einfach zur Seite. Dieser ließ ihren Wutanfall unkommentiert. Er hatte in den letzten Jahren immer wieder festgestellt, dass es in solch einer Situation das Beste war.


«So, Freunde der Musik, auf geht’s zum Altstadtfest!» Mit diesen Worten trommelte der Chorleiter alle zusammen. Claudia, schlank wie eine Gazelle, richtete ihr knappes Röckchen noch einmal, bevor sie in den Bus stieg. Heriberts Augen leuchteten. Die ungelenke Henriette, die schon beängstigend laut schnaufte, wurde vom Busfahrer persönlich an beiden Armen in den Bus gezogen und in den Sitz gewuchtet.


Auf dem Fest wurde viel geboten, beinahe wie auf einer Kirmes. Stände, an denen man tolle Dinge kaufen konnte, zwei Fahrgeschäfte, eine Schiessbude und vieles mehr. Kaum an der Frittenbude angekommen, hatte Henriette sich schon mit Mayonnaise bekleckert. Wenig später klebte fast an ihrem ganzen Körper Zuckerwatte.


«Sie müssen nur sieben Enten treffen, dann gewinnen Sie ein großes Plüschtier», sagte der Mann an der Schießbude.

Heribert liebte solche Spielchen. Er schnappte sich das Gewehr, legte an – sah sehr lässig aus, er musste schließlich Claudia imponieren – und schoss.

«So der Herr, zwei Treffer. Das bedeutet, Sie haben ein Blasrohr gewonnen. Ein robustes aus Holz und sechs Pfeile mit Gummispitze. Die Farbe können Sie sich aussuchen!», jubelte der Mann.

Heribert entschied sich sichtlich beschämt für das Neongelbe. Pink musste wirklich nicht sein. Henriette schaute ihren Ehemann mürrisch an.

«Was für ein Versager! Warum habe ich den bloss geheiratet?», murmelte sie kopfschüttelnd.


Der Abend neigte sich dem Ende zu und die Rückfahrt zum Hotel stand an.

«Ich mach noch einen kleinen Verdauungsspaziergang. Wegen den Frikadellen und dem Schwenksteak mit den ganzen Zwiebeln drauf. Sonst kann ich nicht pennen, kapiert?», rief Henriette, als Heribert im Bad war.


«Ja, hab verstanden», antwortete er schnell. Plötzlich kam ihm eine Idee. Man müsste nur die Spitzen austauschen, und wenn man kräftig genug bläst und nah genug rankommt, muss das doch zu schaffen sein, überlegte Heribert während der sich frisch machte. Wenig später kramte er hektisch in seinem und Henriettes Gepäck.

Damit funktioniert es bestimmt, hoffte er, als er eine der vielen Hutnadeln in ihrem Koffer entdeckte. Er verstaute das Blasrohr und die präparierten Pfeile in seiner Manteltasche und verliess das Hotel.


Heribert suchte überall nach Henriette. Weit konnte das Walross noch nicht gekommen sein. Er entdeckte sie schliesslich am Seeufer in einem kleinen Boot. Kein Zweifel, das war seine Alte! Immer für eine Überraschung gut.

Sie paddelte geradewegs auf ihn zu. Durch den hellen Mondschein konnte man ihren grossformatigen Umriss gut erkennen. Er setzte das Blasrohr an, zielte und traf. Sie fasste sich an den Hals und kippte zur Seite. Heribert freute sich. Vorhin hatte er beim Schiessen versagt, aber jetzt, in diesem entscheidenden Moment, entpuppte er sich als ein hervorragender Schütze. Doch Heribert war nicht allein, er wurde die ganze Zeit beobachtet. Jemand kam schwankend auf ihn zugestapft. Er drehte sich hektisch um, wollte loslaufen, stolperte und fiel zu Boden.


«Hey, stehst du wohl auf! Was machst du denn da? Hier ist dein Handy. Ich hab meins schon wieder verlegt und wollte nicht ohne Telefon aus dem Hotel gehen, man kann heutzutage nie wissen. Claudia hat dir auf die Mailbox gequatscht. Sie wollte dich vor zehn Minuten am See treffen und irgendetwas Geheimes mit dir bereden», erklärte Henriette völlig erschöpft. Sie schnappte keuchend nach Luft und erwähnte noch: «Ach, und die hat meinen Hut, meine Jacke und mein Halstuch gefunden. Hab ich wohl nach dem Mittagessen im Speisesaal liegengelassen.»


Heribert rührte sich nicht. Er würde sich auch nie wieder rühren. Er hatte sich beim Sturz das Genick gebrochen.


Die Polizei konnte sich nicht erklären, warum Claudia eine viel zu weite Jacke getragen hatte, als man ihre Leiche in dem Boot auf dem See fand.


Auch die Sonnenbrille bei Nacht und der viel zu große Hut waren ein Rätsel. Sogar ihr Kopfkissen aus dem Hotelzimmer steckte unter der Jacke. War ihr etwa kalt gewesen, so ganz allein da draussen?


































Zur Autorin:
Wenn ein Toter auf einem Misthaufen gefunden wird, dann kann die Geschichte durchaus von Andrea Neven stammen. Denn die junge Autorin liebt schwarzhumorige Morde und skurrile Figuren.


Seit ihrer Geburt im Jahr 1986 lebt sie in der Vulkaneifel – und genau in dieser mörderisch-schönen Landschaft spielen häufig auch ihre kriminellen Geschichten und Gedichte. Nach einer Ausbildung zur Bauzeichnerin arbeitet sie heute als Technische Produktdesignerin. Seit sie 2009 das Krimischreiben für sich entdeckt hat, vergeht kein Tag, an dem sie sich nicht voller Herzblut mit dem fiktiven Verbrechen befasst. Manchmal am heimischen Schreibtisch und manchmal auf ihren Lesungen, bei denen es immer etwas zum Schmunzeln gibt.


Mehr zu Andrea Neven und ihren Büchern findet ihr hier.

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