Leben im Kunsthaus Klosters
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Leben im Kunsthaus Klosters

In meiner literarischen Arbeit vor Ort befasse ich mich mit den Kunstwerken im Haus, den Prättigauer Künstlerinnen und Künstlern, der 800-jährigen Vergangenheit und der Geschichte des Tourismus‘. Um meinem uferlosen Unterfangen eine Form zu geben, habe ich das literarische Tagebuch gewählt, das in der Publikation «Kunst BERGen» münden soll. Wie eine Katze, die sich erst ans neue Zuhause gewöhnen muss, habe ich mich die ersten Wochen vorwiegend im Haus bewegt – literarisch gesprochen. Natürlich habe ich das alte Schulhaus, indem bis vor drei Jahren noch Kinderlachen erklang, auch verlassen, um einen Kaffee zu trinken, Einkäufe zu erledigen oder einen längeren Spaziergang zur Alp Garfiun zu unternehmen.


Sobald ich also mein Kunstuniversum verlasse, finde ich mich in einer Tourismusdestination wieder, die in diesem Sommer wenig frequentiert ist. Viele Hotels sind aufgrund des Personalmangels geschlossen, Ferienhäuser und Privatvillen sind unbewohnt. Im Café Klatsch unterhalten sich hier und da Engländer in gepflegter Manier. Die Sportgeschäfte warten auf Kundschaft und meine Gedanken laufen ins Leere. Mein innerer Monolog findet keinen Resonanzboden, wenn ich nicht gerade entlang der Diethelmpromenade bis zur Langlaufbrücke und am Doggilochsee zurück zum Silvrettapark flaniere, um mir Skulpturen lokaler Künstlerlinnen und Künstler anzuschauen, die Kunstpromenade, ein Projekt anlässlich des 800jährigen Jubiläums von Klosters.


Die Anlässe und Jubiläumsfeierlichkeiten, welche der Projektleiter Christoph Luzi und sein Team auf eine sehr achtsame und innovative Weise initiiert haben und umsetzten, zwischen Traditions- und Geschichtsbewusstsein und Mut zum künstlerischen Experiment – der Unterstützung des Kunsthauses, lassen keine Wünsche offen. An diesem ausgewählten Jahresprogramm gibt es absolut nichts zu rütteln. Ein solches Engagement, von dem alle Gemeindemitglieder profitieren sollen, das der Vernetzung und dem Zusammenhalt des Dorfes dient, ist einzigartig. Aber man kann halt nicht jeden Tag feiern oder «hengärä», wie man hier so schön sagt.


Nun ist es nicht so, dass ich eine Städterin wäre, eine Gebirgsnovizin, die ständig die Ablenkung braucht, um nicht unruhig zu werden, gepeinigt, von den tiefen ihres Unterbewusstseins, das in der Stille der Bergwelt endlich zu Wort kommt. Als Wahlengadinerin bin ich an den Atem der Berge gewohnt. Da diese Gegend jedoch noch abgeschiedener ist als Klosters, komme ich dort gar nicht erst in die Verlegenheit etwas anderes als die Natur zu begehren. Im Engadin schmiegt sich meine Seele an die Brust des Felsen. Das Engadin und ich, wir sind eins und bedürfen keiner weiteren Bekanntschaften, Abenteuer und Entdeckungen…


Das Prättigau aber hat mit dem weltlichen Begehren einen Pakt geschlossen. Klosters ist nicht nur Natur. Klosters ist Welt. Will ich hier etwas über die Menschen erfahren, muss ich an ihre Häuser klopfen, denn sie üben sich in Zurückhaltung. Sie beherbergen die Reichsten, bleiben dabei aber bescheiden. Zudem erinnern die frisch gemähten Wiesen, die bis in die höchsten Lagen hinaufreichen mit den verstreuten Gaden, den Heuställen, an das entbehrungsreiche Leben der Vorfahren.


In dieser immer noch landwirtschaftlich geprägten Umgebung – die Bauern leisten einen erheblichen Beitrag zur Landschaftspflege, wovon auch der Wintertourismus abhängt – suchen die Menschen nicht unbedingt Kunst. Die Kunst muss zu ihnen kommen.


Das erkannte auch Peter Trachsel, als er Mitte der 80er Jahre nach Dalvazza bei Küblis kam, um fortan das Prättigau mit seiner partizipativen Kunst zu qulturisieren. Mit seiner Hasena – Institut für (den) fliessenden Kunstverkehr, schuf er eine Plattform für performative Veranstaltungen und Vorträge. Regelmässig gab er die Künstlerzeitschrift Veleno heraus. 2005 gründete er in Küblis das Kulturzentrum Passagenhaus mit zwei Aussenbühnen, von 2008 bis 2013 betrieb er das «Museum in Bewegung», als Antwort auf das Umfahrungsprojekt des Prättigaus, das 2016 abgeschlossen wurde. In 14 Ortschaften errichtete er 14 Räume für die Kunst, in denen Künstlerinnen und Künstler zusammen mit Einheimischen Projekte entwickelten. «Es sollte darum gehen, die Sachen, die existieren aufzuzeigen, den eigenen Lebensraum ein bisschen wahrzunehmen. Etliche dieser Dörfer sind am Sterben und einfach nur noch Schlafdörfer. Während der Bauzeit von ungefähr sechs Jahren sollte beim ‘Museum in Bewegung’ pro Gemeinde jedes Jahr ein Künstler für eine bestimmte Zeit präsent sein und dort irgendein Projekt entwickeln. Mit der Gemeinde zusammen», so Trachsel in einem Gespräch mit Bernd Kempker betreffend der Bühne, die er in 2011 in Conters errichtete. (Wir muten ihnen alles zu. Peter Trachsel und die Hasena. Scheidegger & Spiess. S.73) Auf dieser Bühne sollte alles stattfinden, vom Frauentreffen über den Jass-Spielabend oder die Gemeinderatssitzungen. Die Bühne errichtete er über einem Brunnen. Sie konnte geöffnet und im Sommer zur Badeanstalt umfunktioniert werden.


Anlass zur Begegnung bot auch der Künstler Martin Breindl, der sich 2010 auf Trachsels Einladung hin im 1. Stock des Schierser Rathauses für eine Woche installierte, um die Probleme der Bevölkerung zu zeichnen. Eine Schulklasse kam vorbei und erzählte von ihren Wünschen nach einem Hallenbad, einem Pausenkiosk, einem Jugendraum und der Wiederbelebung der Schulhäuser in den Fraktionen. Andere Bewohner mokierten sich über die Verteilung der Hausnummern oder forderten eine zentrale Kompostabfuhr.

Trachsel sah in all seinen Aktionen und Projekten auch immer eine Antwort auf den kapitalistischen, kommerzialisierten Kunstmarkt. «Das Finanzkonzept ist so, dass ich sehr wenig Geld brauche, und das, was ich brauche, noch immer erreicht habe. Ich habe ungefähr im Durchschnitt 40‘000 Franken pro Jahr mit meinem Lebensunterhalt zusammen», antwortete Trachsel im Gespräch mit Muda Mathis auf die Frage, was das Finanzkonzept des Museums sei. (Wir muten ihnen alles zu. Peter Trachsel und die Hasena. Scheidegger & Spiess. S.86)


Derselbe uneigennützige Geist begegnet mir auch im Kunsthaus wieder. Ein Jahr lang hat die Steuergruppe um Annalies Walter, Christof Hegi und Marietta Kobald unzählige unbezahlte Arbeitsstunden in die Vision eines temporären Kunsthauses gesteckt, um das alte Schulhaus mit Werken von 53 professionellen Künstlerinnen und Künstlern in 13 Räumen zu beleben. Einzig die Projektleitung ENZYAN erhält für ihren unermüdlichen Einsatz einen kleinen Sold.


Die Erfahrung, dass hier mit wenig Mitteln so Vieles entsteht, darf wohl alle Beteiligten innerlich reicher machen. Wie gut, dass mein innerer Monolog hier keinen Resonanzboden findet, sondern im Gegenteil, ansetzt zum Dialog.


Xcult.org.: iPad-Archivprojekt mit und zu Peter Trachsel und der Hasena von Bernd und Birgit Kempker und FelixStoerl.


Das Kunsthaus Klosters ist jeweils am Freitag von 17.00 bis 20.00 Uhr und Samstag und Sonntag von 14.00 bis 17.00 Uhr geöffnet. Am 26. August findet um 17.00 Uhr die Midissage unter dem Motto «TRIALOG» statt.

































Mehr Infos zur Autorin gibt's hier:

www.bettinagugger.ch

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