Lesungen in Zeiten von Corona
Bild/Illu/Video: Alice Gabathuler

Lesungen in Zeiten von Corona

Drei Tage später machte die Schweiz ihre Luken dicht. Meine 42 Schullesungen zwischen Mitte März und Ende Juni wurden alle abgesagt. Irgendwann kam die Anfrage für eine virtuelle Lesung. Die erste habe ich kostenlos gemacht, weil sie für mich ein Herantasten an etwas Neues war, ein Versuch, ob so etwas überhaupt geht und falls ja, ob es denn etwas bringt – mir und den Jugendlichen. Zum Glück war meine Versuchsklasse top vorbereitet. Vorgelesen habe ich nicht, sondern Fragen beantwortet und mich mit den Jugendlichen ausgetauscht. (Wer mir beim Vorlesen zuhören will, kann das auf meinem YouTube-Kanal tun. Dort habe ich ein paar Kurzlesungen aufgeschaltet.) Ich war begeistert und habe danach noch zwei Online-Gesprächsrunden mit interessierten Klassen gemacht. Mein Fazit: Mit vorbereiteten Klassen funktionieren virtuelle Lesungen wunderbar. Mit unvorbereiteten Klassen würde ich persönlich keine Online-Lesungen abhalten, weil sie meiner Meinung nach zu wenig bringen (ganz ehrlich: eigentlich gar nichts).


Arbeit hatte ich trotz dieser nur sehr wenigen virtuellen Lesungen genug, denn in unserem Verlag da bux ging alles seinen gewohnten Gang weiter. Und zwar so intensiv, dass ich gar nicht so viel Zeit zum Schreiben hatte, wie ich mir das ausgemalt hatte. Trotz des Ausnahmezustands waren diese Monate vom Frühling bis zum Herbst für mich eine sehr gute Zeit, in der ich meine Familie genossen und viel über mich gelernt habe.


Es wurde Sommer, es wurde ruhiger, die Lesungsagenda war leer, wie immer bei mir in den Sommermonaten. Und dann kippte etwas, langsam zuerst, fast unbemerkt. Ich weiss nicht, wann sich der gehässige Ton einzuschleichen begann, der heute die Diskussionen um Corona vergiftet. Ich weiss nicht, wann sich die anfängliche Solidarität aufzulösen begann. Ich weiss nur, dass ich mich mit jedem Tag etwas unwohler fühlte und mir wünschte, wir würden mehr Rücksicht aufeinander nehmen, denn eigentlich hatten wir das einmal alle miteinander packen wollen. Jetzt schrien plötzlich immer mehr Menschen «Lügen, alles Lügen» oder sie ereiferten sich über «Fake News», und zwar auf eine Art, die weit über ein gesundes und legitimes kritisches Nachfragen hinausgehen.


Mitten in dieser aufgeheizten Stimmung hatte ich im September meine ersten Termine: Lesungen und Workshops. Sie liefen gut, sie machten mir Freude. Dann kletterten die Fallzahlen plötzlich beängstigend schnell hoch, genau auf den Oktober mit seinen vielen Lesungen hin. In einer Phase, in der ich mich am liebsten erneut einigeln würde, bin ich nun unterwegs, vier Tage, jeden Tag mit zwei Lesungen mit jeweils bis zu 66 Jugendlichen. Ich gestehe, ich bin nicht gerne losgefahren, ich bin auch nicht mit der üblichen Freude losgefahren, sondern mit einem bohrenden Bauchgrummeln und einem Instinkt, der zur Flucht geraten hat. Zwar habe ich keine Angst vor Corona, aber ich habe einen gesunden Respekt davor. Deshalb bin ich froh, dass ich für diese Tour das Auto zur Verfügung habe und mich wenigstens nicht in volle Pendlerzüge quetschen muss.

Für die Veranstaltungen habe ich mir einen ziemlichen Sicherheitsabstand ausbedungen, etwas, das mir überhaupt nicht entspricht, denn ich mag den Kontakt und die Nähe. Heute Morgen fanden die ersten beiden Lesungen der Tour statt. Die Lehrpersonen sassen mit Masken in den Rängen, einige Schüler*innen auch, die meisten jedoch dicht an dicht und ohne Maske. Mir war nicht wohl dabei.


Nach dieser Tour stehen weitere Einzellesungen auf dem Programm, im November noch einmal eine ganze Tour. Ob sie stattfinden? Vielleicht. So Corona will. Eine Garantie dafür gibt es nicht. Oder, wie es in der Welt der Wirtschaft heissen würde: Die Planungssicherheit fehlt. Die Regeln können jeden Tag ändern. Gleichzeitig mache ich mir meine eigenen Gedanken. Wo ist der Punkt, an dem ich meine Lesungen nicht mehr verantworten kann? Sage ich ab, bevor Veranstalter absagen, mit sämtlichen finanziellen Konsequenzen? Was mache ich, wenn es zu einem zweiten Totalausfall kommt? Kann oder soll ich als Ersatz virtuelle Lesungen anbieten? Oder will ich mich ganz auf das Schreiben konzentrieren? Eigentlich weiss ich gar nichts, was genau so viel oder so wenig ist wie bei den meisten anderen.


Mein Herz ist bei jenen, die es viel härter trifft als mich: Meine selbständig erwerbstätigen Kollegen aus der Gastronomie, Musikerkolleg*innen, die beste Freundin mit dem Reisebüro, all jene, die ihren Job oder ihre Existenz verlieren könnten. Es sind harte Zeiten, diese Corona-Zeiten. Ich würde mir wünschen, wir würden sie nicht durch Gehässigkeiten noch härter machen, sondern gemeinsam dafür schauen, dass wir alle einigermassen unbeschadet über die Runden kommen.

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