Bild/Illu/Video: Christian Imhof

Liebe und Wahnsinn im Loucy

«Shame on me» war mein erster Gedanke, als ich gestern ins Loucy rein schlenderte. Gut ein Jahr führt Lou Geniuz den Club bereits und doch hatte ich es bisher noch nie geschafft, auf einen Sprung vorbei zu gehen. Zu Unrecht. Wer schon mal im Loucy gefeiert hat, weiss, dass sich die «Zarra Familienbande» extrem viel Mühe gegeben und dem ursprünglich industriellen Club heimeliges Flair eingehaucht hat. Lou ist ein qultureller Ästhet, was sich bisher vor allem bei seinen Musikproduktionen zeigte. Auch seine Eventhall ist keine simple Gelddruckmaschine, die am Wochenende kurz angeschmissen wird; sondern vielmehr ein Mix aus modernem Partytempel, heimeligem Undergroundclub und auch einfach einem Ort für Feste im kleinen Rahmen. Das Ganze ist sehr stimmig gehalten und überzeugt vollends, da hier ein Lokal für die Musikfans und nicht nur für den Kommerz geschaffen wurde.


Auf dem Programm stand die szenische Lesung von «Sie liebt» und mir wurde bereits beim Einlaufen ins Loucy klar, dass ich schon sehr lange nicht mehr in Chur im Ausgang unterwegs gewesen bin. Da ich an den Wochenenden meinen Lebensunterhalt mit Zeitungsaufträgen bestreite, bin ich zumeist im Sarganserland, im Werdenberg oder im Fürstentum Liechtenstein unterwegs. Auch wenn dies mir sehr viel Freude bereitet, wäre ich doch auch ab und zu ganz gerne mehr in den Churer Gassen auf Tour und würde dort mit Weggefährten auf die alten Zeiten anstossen. Glücklicherweise kam dann doch ein wenig Klassenzusammenkunftsstimmung auf, denn dank der vielen bekannten Gesichter auf der Bühne überschnitten sich die Bekanntenkreise von mir und dem Ensemble und es gab diverse unerwartete Wiedersehen, die mir sehr viel Freude schenkten.


Am längsten von allen Darstellern kenne ich sicher Immanuel Siddhartha Giger. Mit ihm habe ich jahrelang Musik gemacht bei Heavy-Bands namens Crossbones oder Godless Creation. Ebenfalls schon eine beachtliche Zeit lang kenne ich den Regisseur Alex Tobisch mit dem ich auch schon Videoclips gedreht habe. Die Hauptdarstellerin Andjela Dinkel war mal für kurze Zeit meine Vorgesetzte bei GRHeute und Karin Hobi ist es indirekt noch heute, da ich beim Driftwood Verlag ja mein letztes Buch veröffentlicht habe. Und Jana Casotti, ja «the Voice» lernte ich an meiner Vernissage kennen und wollte sie sofort als Kolumnistin für Qultur, wo sie jeden Mittwoch für Furore und stetig wachsende Leserzahlen auch im grossen Kanton sorgt. Wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt, ist es doch ein wenig tricky, die Leistungen eines Ensembles zu bewerten, wenn man mit praktisch jeder und jedem eine lange Vorgeschichte hat, doch ich versuche es trotzdem.


Ein Hauch Telenovela

Kurz nach 20 Uhr verdunkelte sich die Bühne und eine Komposition von Immi Giger setzte ein. Jana Casotti betrat selbstbewusst die Bühne und zitierte die Mitwirkenden auf die Bühne. Diese räckelten sich mit von Masken bedeckten Gesichtern über die Bühne, während die Erzählerin sie fragte, was sie denn überhaupt ohne diese seien. Als es dann richtig losging, warfen alle ihre Masken weit von sich. Im Zentrum stand die Geschichte der Lena, welche von Andjela Dinkel verkörpert wurde. Der Vamp und Maneater wurde selbst eiskalt von Lars (Immanuel Giger) sitzen gelassen. Aus diesem Grund tröstete sie sich mit dem hübschen Jürgen, welcher Regisseur Alex Tobisch gleich selbst spielte. Als ob diese Beziehungskiste nicht schon genug wäre, kam da noch Lena’s Freundin Sandy ins Spiel, die mit viel Eifersucht die verschiedenen Erzählstränge aufmischte. Diese wurde von der Autorin Karin Hobi selbst dargestellt und ich hatte im ersten Moment ziemlich viel Mühe damit sie unter der dunkelhaarigen Perücke zu erkennen. Obwohl Lena mit Jürgen ziemlich glücklich schien, versank dieser immer wieder in Melancholie. Die Trauer um seine verstorbene Frau, die zu ihrem Todeszeitpunkt sogar noch schwanger war, trieb ihn in die Arme von Lena, welche sich in der Rolle als ein Trostpflaster nicht wirklich wohl fühlte und sich rasch um den Hals von ihrem neuen Arbeitgeber David, dargestellt von Maic Neurauter, warf. Alles in allem gab die Geschichte genügend Stoff um eine Telenovela damit zu füllen. Dieser wurde aber doch recht verständlich herunter gebrochen und in eineinhalb Stunden erzählt.

Liebe, Tod und Teufel
Da Lena mit ihrem Männerverzehr enorm viel Platz im Rampenlicht einnahm, verschwand das Eifersuchtsdrama von Sandy fast ein wenig in den Hintergrund. Im zweiten Akt rückte jedoch ihre Geschichte als unzufriedene Mutter, Opfer von sexueller Gewalt und Freiheitssuchende erneut in den Fokus. Sie verliess ihren Mann Frank, wundervoll herzlich dargestellt von Lars Scheffelmeier, und ihre beiden Söhne, um mit Lars durchzubrennen. Als sie das Interesse an diesem verlor, heckte sie einen raffinierten Plan aus, wie sie es ihrer ehemaligen besten Freundin Lena, die ihr immer in der Sonne gestanden hatte, heimzahlen könnte. Es wurde klar, dass jede/jeder ihre/seine Maske mit sich herumträgt. Es wurde aber auch aufgezeigt, dass es hinter gewissen Masken gefährlich lange schon brodelt. Besonders Karin Hobi selbst zeigte sich als schauspielerische Entdeckung, die es schaffte mit ihrer emotionsgeladenen Performance die Zuschauer zu schockieren und regelrecht durch zu schütteln.


Ein Spass für die ganze Familie
Das Stück «Sie liebt» ist sehr unterhaltsames, das immer wieder mal überrascht und Tragik federleicht mit Lustigem mischt. Durch die angenehme Erzählstimme Jana, die gemütlich auf der rechten Seite der Bühne Platz genommen hat, verliert das Publikum nie den roten Faden und wartet gespannt darauf, was als nächstes passiert. Neben dem zum Teil harten Stoff des Betrügens und Belügens, sowie expliziten Szenen sorgten die beiden Putzfrauen Miriam Talesa und Kirsten Gross für etwas Auflockerung. Als regelrechte Wundertüte stellte sich Rebecca Crestani heraus, die immer wieder mal, wandelbar wie ein Cämeleon, in Erscheinung trat. Die leidenschaftliche Spielfreude des Ensembles war spürbar, denn ihre Begeisterung für das grosse Gemeinschaftsprojekt war ansteckend. Das Theaterstück, welches federleicht Literaturelemente eingeflochten hat, wurde vom zahlreich erschienenen Publikum mit einem minutenlangen und sehr herzlichen Applaus honoriert, denn denn allen Anwesenden war sofort klar, dass sie hier etwas Magisches erlebt hatten.

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