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Mehr Freiheit für das Nachtleben
Bild/Illu/Video: zVg.

Mehr Freiheit für das Nachtleben

Erneut hat es eine Busse wegen einer Reklamation gegeben. Wie enttäuscht bist du, dass es immer noch keine Lösung für den Nachbarschaftsstreit gegeben hat?

Ja, wir sind etwas frustriert, dass wir die klagenden Nachbarn nicht kennen und wir so auch keine Chance haben, direkt zu kommunizieren oder uns bei einem Gespräch zu finden. So ist es viel schwieriger, zu einer Lösung zu kommen. Es wohnen 24 Familien in dem Block, von wo die Anzeigen herkommen. Ich habe gewisse angeschrieben, sie eingeladen, mich kennenzulernen und die Lokalität zu besuchen, leider haben sie darauf nicht reagiert... Immer wieder gehen die Anrufe direkt zur Polizei, statt dass das Anliegen zuerst zu uns kommt, was sehr schade ist, denn wir wollen keinen Streit.  Ich hoffe nun, dass es auf diesen Wege klappt, an die Kläger ranzukommen, um sie auf unsere Existenzgefährdung zu sensibilisieren und sie auf die Wichtigkeit unserer Tätigkeit aufmerksam zu machen. Wir möchten niemanden ärgern, das ist nicht unsere Philosophie. Wir stehen für Begegnung und Austausch.

Wir sind auch kein gewinnorientierter Club oder eine Bar, die auf Umsatz aus ist, wir machen Kultur. Ich glaub, das ist der springende Punkt, warum wir auch nicht genau gleich behandelt werden können (gerade von der Stadt-Polizei) wie jede andere Bar im Welschdörfli oder im Industriequartier, genauso wie wir auch nicht die gleichen Privilegien haben wie andere Bars. Wir haben eine begrenzte Anzahl an Verlängerungen bis drei Uhr pro Jahr und das sollte auch für die Anwohner tolerierbar sein. Wir haben auch nicht jedes Wochenende geöffnet. Den ganzen Sommer lang hatten wir zu.  Wir bezahlen auch eine gute Summe an Bewilligungsgelder, dann dürfte man doch auch ein Mal mehr eine Verwarnung von der Polizei erwarten, statt gleich eine Verfügung. Oder dann zumindest eine geringfügigere Busse, wenn man bedenkt, dass es für uns als Kulturclub schon so schwierig genug ist. Ich denke, die Polizei könnte in ihrem Ermessen etwas entgegenkommender sein. Wir haben lange gekämpft, um die Kundschaft aufzubauen und die Leute in die Peripherie zu locken. Anscheinend besteht ja auch ein Bedürfnis für einen solchen Kulturschuppen ausserhalb des Zentrums, wo sporadisch auch Mal eine gute Party läuft.  Sonst würden die Gäste ja nicht bis zu uns an die Ringstrasse kommen. Sie kommen nicht, um zu saufen oder sich zu betäuben, unsere Gäste kommen wirklich, um zu tanzen und es sind auch viele ältere Leute dabei.

Auch wenn die Nachbarn euch das Leben schwer machen, gibt es doch einige Lichtblicke nämlich eure Gäste. Wie erleben die eure Probleme?
Ja unsere Gäste schätzen es unheimlich, was wir machen. Und es kommen immer wieder Leute zu uns, um sich zu bedanken, für unsere Arbeit und auch dafür, dass es so einen speziellen Ort in Chur überhaupt gibt. Das ist so schön zu hören und es tut auch richtig gut! Es ist eine grosse Befriedigung und eine Bestätigung, dass man es für viele richtig macht!

So liebe und herzliche Leute verkehren bei uns und sie alle verstehen die Problematik und versuchen zu helfen. Zum Beispiel hat mir vor kurzem ein junger Gast einfach 100 Franken in die Hände gedrückt und gesagt, er möchte sich damit an der Busse beteiligen. Er sei so dankbar, dass er zu uns kommen dürfe und wolle seinen persönlichen Beitrag zur Erhaltung des Lokals leisten.  Er wollte mir seinen Namen nicht sagen.... Das war eine so herzige Geste, die mich sofort zu Tränen gerührt hat.

Immer wieder kommen auch ältere Leute zu uns ins Cuadro und bedanken sich herzlich bei uns für unser Engagement. Wir machen ja, wie gesagt, nicht nur Partys, wir organisieren auch Kunstausstellungen, Konzerte, Performances, Lesungen, Theatervorstellungen und andere Events, vielmals auch in Zusammenarbeit mit anderen Vereinen oder Kollektiven. Wir sind sehr vielseitig und versuchen, ein spannendes, lebendiges und qualitativ hochwertiges Programm für Jung und Alt zu bieten. Das wissen unsere Besucher sehr zu schätzen. Wir haben auch Politiker unter unseren Gästen, Lehrer, sowie Ärzte und die können also auch sehr laut sein... haha:-) Was ich sagen möchte ist, dass das Cuadro wirklich ein Ort für Jedermann ist und deshalb ist es wichtig, dass es bewahrt und toleriert wird, auch wenn es Mal ein bisschen lauter werden kann.

Hast du dir schon mal überlegt, an einen anderen Ort zu wechseln mit deinem Cuadro22?  
Die Idee war ursprünglich, einen Ort für Kunst und Musik in der Peripherie von Chur zu kreieren, wo wenig Geschehen ist und wo Kultur und Subkultur ineinander fliessen. Wir haben das Cuadro in den letzten Jahren mit Liebe und Leidenschaft und viel, viel Arbeit aufgebaut. Unzählige Stunden der Freizeit wurden im Ausbau und Umbau des ehemaligen Industriegebietes reingesteckt und zusätzlich wurde auch viel Eigenkapital investiert, um es so gestalten zu können, wie es jetzt ist: Einzigartig und gerade so schön, weil es eben nicht perfekt ist! Wir verändern es auch immer und bauen stets weiter aus...

Wo anders wäre es nicht das Gleiche, aber es wäre nicht undenkbar! Wenn die Stadt oder eine Privatperson uns zum Beispiel eine passende Lokalität  anbieten würde, wo wir unsere kulturelle Tätigkeit fortsetzen könnten, wären wir auf jeden Fall nicht abgeneigt...

Viele Bussen gehen echt ans Eingemachte und die meisten Qulturschaffenden sind nicht gerade auf Rosen gebettet. Wie kommt ihr klar mit der Ausnahmesituation?
Wir Kulturschaffende sollten mehr zusammenhalten und miteinander für mehr Rechte kämpfen. Wir dürfen nicht mit gewöhnlichen Nachtclubs und Bars verglichen werden, da wir nicht kommerziell ausgerichtet sind. Wir sollten die Polizei mehr auf unserer Seite haben, denn wir bieten viel und machen was «Gutes» für die Stadt und wer was macht, bewegt halt auch was und das ist nicht immer leise. Man sollte uns Kulturleuten nicht die Hände binden und gradlinig spuren mit teuren Strafen und Schikanierungen, als ob man ein Miniverbrecher wäre! Es ist wichtig, dass es Kultur und Subkultur gibt in Chur, wie in jeder grösseren Stadt. Und das möchte die Allgemeinheit in Chur ja «eigentlich» auch. Nur stösst man halt immer wieder auf Intoleranz und Verständnislosigkeit seitens anderer Bürger und Mitmenschen und meistens sind es nur wenige Einzelne. Die scheinen aber eigenartigerweise immer die Oberhand zu haben… Man fühlt sich dann so richtig ausgenommen und machtlos, obwohl man so viel gibt... Das ist wirklich traurig und ich verstehe auch nicht, warum das Gesetz so streng gegen das Nachtleben reagiert.

Was sind die nächsten Schritte, die ihr unternehmen werdet?
Wir bleiben dran mit Gesprächen mit der Polizei, dem Stadtpräsidenten und den Nachbarn. Wir werden baulich weitere Massnahmen zur Verbesserung des Lärmpegels draussen vornehmen. Auch die Bässe gehen zurück, obwohl wir eigentlich dieses Problem schon recht im Griff haben... Wir sind positiv eingestellt, dass es Lösungen für alles gibt, wenn alle Beteiligten auch bereit sind, Kompromisse einzugehen. Es wäre schön, wenn es für alle ein Nehmen und Geben wäre.

Ich habe auch vor, eine Mieterversammlung oder ein Apéro zu organisieren, und die Nachbarn einzuladen, uns und unsere Lokalität kennenzulernen ...


Weiter wünsche ich mir einfach, dass es für Alle Einwohner der Stadt Chur mehr Verständnis für den Nächsten gibt, sowie mehr Freiheit für das Nachtleben, dass es auch Mal nachts einen lachenden Schrei geben kann, ohne dass man gleich rapportiert wird...

Das Bundesgesetz über die Nachtruhestörung ist meiner Meinung nach auch veraltet. Da müsste man politisch was unternehmen und längerfristig Revisionen anstreben. Dass man zum Beispiel in einem Minergie-Haus mit dreifacher Verglasung das Fenster geöffnet haben und dann auch noch wegen Lärm reklamieren darf, wenn man an einer stark befahrenen Strasse wohnt, finde ich absurd!

Junge Leute wehrt Euch auch dagegen! Ihr könnt das alles noch ändern, wenn Ihr Eure Stimmen hören lässt! Es braucht mehr Aktion, statt Konsum!

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