5 Kino Apollo 5 CDC
Musikperlen: «Dachs – Dr Buab vom 2. Stock» (2010)
Bild/Illu/Video: Mosillus

Musikperlen: «Dachs – Dr Buab vom 2. Stock» (2010)

Es war eine wilde Zeit damals 2008: Nach meiner abgebrochenen Lehre als Mediamatiker bei der Swisscom, flog ich natürlich auch noch hochkant aus der Rekrutenschule, worauf ich einen letzten Ausbildungs-Anlauf beim Elektronikriesen Media Markt startete und ganz nebenbei mit Virus of the Cactus und Godless Creation an jeder «Hundsverlocheta» spielte. In der Retrospektive dünkt es mich immer ziemlich imposant, was damals in so kurzer Zeit alles passiert ist, aber inzwischen bin ich doch auch froh, dass die Dinge heute weniger chaotisch sind…


Warum ich das alles erzähle?

Es war Wouso’s Album «Schattakrieg», welches mir Marcel Beeli Anfang 2008 per Post zukommen liess und welches mein Interesse für seine musikalische Bubble weckte. Damals war ich noch hobbymässiger Musikredaktor beim Magazin High5 der Südostschweiz und irgendwie mochte ich den Rapper sofort. Als ich dann in Chur mit meiner Lehre begann, lernte ich rasant neue Leute kennen. An die erste Begegnung mit Wouso und auch mit Dachs erinnere ich mich nicht mehr so wirklich, dafür an diejenige mit seinem Beatfabrikanten Toni White, welchen ich heute noch zu meinen Freunden zähle, was mich auch ein wenig stolz macht. Es könnte im Cubitus Felsberg gewesen sein, doch meine Erinnerung verschwimmt da ein wenig. Die Geschichte über das erste Treffen mit Toni, die ich jetzt relativ gross angekündigt habe, ist eigentlich gar nicht wirklich so spektakulär: Er hat bei mir damals einen Drucker gekauft.

Auf jeden Fall waren Wouso, Dachs und Toni neben Livty die ersten aus der Rapszene Graubünden, die ich persönlich kannte. Sie hatten damals gerade mit dem Kollabo-Album Jukebox einen gröberen Hype und ich bekam den Überhit «Nai Meitli» für meine erste Kompilation «Bock uf Rock». Daniel Brehm, wie Dachs damals mit richtigem Namen hiess, war für mich von Anfang an eine faszinierende Persönlichkeit. Düster und mystisch in einem. Er verwandelte freudige Beats in dunkle Manifeste und traf mich tief im Herzen mit seiner Melancholie. Sein Album «Drehendi Zeiger» frass ich förmlich. Doch das beste Werk, welches der Churer jemals verfasst hat, ist für mich immer noch sein Solo-Abschlussalbum «Dr Buab vom 2. Stock» aus dem Jahr 2010.


Und um dieses Album, dass der Emser Toni White komponiert und Lou Geniuz produziert hat, geht es heute bei dieser Bündner Perle.


I löscha mini Tonbänder

Das Album beginnt mit hackendem Klavier und minimalistischer Instrumentierung. Dann folgen die ersten, traurigen Reime von Dachs. Der Beat setzt ein und auf die Hook folgt ein Gänsehautmoment, denn die Stimme im Hintergrund läuft mir jedes Mal eiskalt den Rücken hinunter. Der Song setzt sich auseinander mit der Musiksucht, die einem in den Wahnsinn treiben kann. Den Track höre ich gerne, wenn es mir mit dem ganzen Musikzeugs ein wenig zu viel wird. Ein sehr gelungener Opener.


Richtig Höll

Es geht nahtlos weiter. Mit einem souligen Sample geht Dachs auf seine Reiseleidenschaft ein und kratzt am Sinn des Lebens. Irgendwie gehört der Track zum Opener, da das Konzeptalbum durchgehend weiter geht.


Z‘ Rad dreht sich

Etwas ruhiger ist die dritte Nummer. Es scheint sich anzulehnen an ein literarisches Werk, das ich leider nicht kenne. Eine feine Sciencefiction-Story, die einem zum Nachdenken anregt und auch ein wenig verwirrt. Der Mensch ist machtlos gegen die Zeit.


Glichgwicht

Eine Brücke zu den nächsten Tracks, der schwebt und vor lauter Melancholie trieft. Ein Vorakt zum ersten grossen Hit des Longplayers…


Dr Buab vom 2. Stock

Die Audiobiografie eines Scheidungskind, die einem ein mulmiges Gefühl in den Magen wirft. Es nimmt einem mit in das Jugendzimmer des Churers und drückt einem tief in den Sumpf der Depression. Der Kinderchor im Refrain gibt einem dann schlussendlich den Rest. Es ist eine Hymne für alle Scheidungskinder, die sich sicher in diesem Werk wiederfinden. Es geht um zerbrochene Träume, Armut und Dämonen, die einem jagen. Dies klingt sehr epochal emotional, sowie grundehrlich und vermittelt dadurch die Message, dass auch wenn es so scheint, niemand wirklich alleine ist.


Mis Gheimnis

Der Versuch Battlerap in das melancholische Werk einzubinden, ist phasenweise witzig, aber dieses Lied hier skippe ich eher weiter. Musikalisch sehr abwechslungsreich, lyrisch ein bisschen fehl am Platz.


A Fläscha Whisky (feat. Marten und Sniff)

Es macht mich immer ein wenig stolz ein paar Lieder der Hesse-Brüder zu hören, denn wie auch ich stammen Marten und Sniff aus Jenaz. (Was machen die eigentlich?) Das Lied bietet Weltschmerz pur und der Mond ist dabei Zeuge. Hier trifft Sozialkritik elegant auf tieftraurige Melancholie. Schöne Bilder von einem Strand werden gemalt und laden zum Verweilen ein. Interessante Gäste und gegen den Schluss gibt’s einen witzigen Kinderreim obendrauf.


I khör di

Oh Gott, wie viele Male habe ich den Track inzwischen wohl gehört... Dachs widmet seinem Tinnitus eine nie ausklingende Ode. Zum Glück machte ich nie die Bekanntschaft mit diesem Phänomen, auch wenn im Ausgang an jedem Ecken die bittersüsse Versuchung durch laute Musik lauert. Das Pfeifen im Ohr wird hier poetisch als laute Begleiterin umschrieben und wenn man nicht so richtig hinhört, versteht man es zu Anfang gar nicht wirklich.

Ein wunderbarer Song, der zur Vorsicht vor Lautstärke mahnt. Dachs trat ja wegen der Erkrankung zurück von seinen Konzertreisen…


I zeig dr schweba

Ein weiterer genialer Song, in der Dachs als Droge zu einem Mädchen spricht. Den durfte ich auf Bock uf Rap 1 verwenden, was mir heute noch sehr viel Freude bereitet.


Im Johr 2309 (feat. Wouso)

Dieser Song hat mir irgendwie nie so wirklich gefallen. Seine Kollabos mit Wouso, wie zum Beispiel auf dem Album «Jukebox» sind zum Teil sehr gelungen. Doch dieses Stück hat mich nie wirklich gepackt.


Interlude

Das Instrumentalstück hört sich zerbrechlich und traurig an, leitet aber perfekt vom Vorgängertrack zum zweitletzten Lied der CD.


Nochrichta us Gaza

Die Flüchtlingsgeschichte ist tragisch und doch so real und zeitlos. Durch die Abstumpfung der Kriegsberichtserstattung der Medien vergisst man vielfach, dass das auch Menschen wie du und ich sind, die in diesen Geschichten ihre Liebsten verlieren. Diese Geschichte hier nagt einem am Herz, denn es zeigt einem, in welch kalter Zeit wir doch leben.


Miar gsehn üs wieder

Etwas versteckt am Schluss ist mein persönlicher Favorit von Dachs versteckt. Beim Song über seinen Grossvater und die letzten Stunden mit ihm, läuft es mir jedes Mal eiskalt den Rücken runter. Es ist seine Ehrlichkeit, die diesen Moment so bildhaft und greifbar machen. Ich hatte beim ersten Mal wirklich Tränen in den Augen, als ich den gehört habe, da alles so bekannt vorkam. Wahnsinnstrack!


Schlussfazit:

«Dr Buab vom 2. Stock» lässt keine Fragen offen. Es ist ein düsteres Konzeptalbum, welches in dunklen Stunden immer wieder gerne in meinem CD-Player läuft. Ein Abschieds- und Aufbruchsalbum hat der Churer Rapper Dachs hier gezimmert, das wie ich finde, sehr durchdacht ist. Auch wenn gewisse Songs nicht immer perfekt sind, hinterlässt es doch Bilder im Kopf, die einem in Melancholie suhlen lassen. Ein sehr stimmiges Werk, musikalisch aus einem Guss und leider, in meinen Augen, zu wenig beachtet. Toni White und Dachs, produziert vom grossartigen Lou Zarra, das hat einfach gepasst. Schade, kommt da nichts mehr.

Themenverwandte Artikel

Musikperlen: «No Future – Wohri Fründschaft» (2008)
Bild/Illu/Video: zVg.

Musikperlen: «No Future – Wohri Fründschaft» (2008)

Musikperlen: «Tyte Stone – Figga!» (2004)
Bild/Illu/Video: zVg.

Musikperlen: «Tyte Stone – Figga!» (2004)

Musikperlen: «Breitbild – Legenda» (2006)
Bild/Illu/Video: Cover

Musikperlen: «Breitbild – Legenda» (2006)

Musikperlen: «OBK -America is back!» (2008)
Bild/Illu/Video: Cover

Musikperlen: «OBK -America is back!» (2008)

Musikperlen: «Pirates of Skalanda» (2008)
Bild/Illu/Video: Cover

Musikperlen: «Pirates of Skalanda» (2008)

Empfohlene Artikel