Nachgefragt bei Stephan Sigg
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Nachgefragt bei Stephan Sigg

Eine Woche ohne Handy? Am Ende der Schweiz? Und das alles nur, weil Gians Eltern finden, er sei zu viel online. Vergiss es! Bei der erstbesten Gelegenheit haut Gian ab. Zusammen mit Laura. Blöd nur, dass ihre Handys null Empfang haben - eine abenteuerliche Wanderung beginnt ... «Null Empfang» ist ein Jugendbuch über den Alltag in einer digitalisierten Gesellschaft, Handysucht, Reizüberflutung, Konzentrationsfähigkeit, ständige Verfügbarkeit und «Digital Detox».


Ab welchem Alter macht für Sie der Besitz eines Handys Sinn, und
wieso? Macht Handybesitz überhaupt Sinn?

Ich würde das nicht an einem konkreten Alter festmachen, sondern an der Frage, wie Kinder / Jugendliche ihr Handy benutzen beziehungsweise was sie damit machen. Das Handy ermöglicht ja auch viele sinnvolle Dinge und eignet sich als auch als Lern-Tools. Aber egal ob Jugendliche oder Erwachsene, wir setzen uns fast alle zu wenig mit der Frage auseinander, welche Rolle Smartphones heute in unserem Alltag spielen: Wofür nutzen wir sie? Wie sehr lassen wir uns von ihnen unter Druck setzen? Wie viel Zeit «fressen» sie? Wie gut können wir auch mal auf das Smartphone verzichten? Ich denke, es wäre wichtig, dass wir auch Kinder und Jugendliche dafür sensibilisieren und ihnen zeigen, dass sie es selber in der Hand haben, welcher Stellenwert das Smartphone in ihrem Leben spielt. Ich bin auch überzeugt, dass wir das Handy noch viel mehr nutzen können, um uns gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Oder auch in Sachen Umweltschutz wäre mit dem Handy total viel möglich: Es gibt ja inzwischen auch Apps, die helfen, den Foodwaste zu verringen.

Weshalb haben Sie sich genau für das Thema Handy in der Jugend
entschieden?

Unser Alltag ist heute ohne Smartphone kaum mehr denkbar. Er beeinflusst unseren Alltag, aber auch unsere Beziehungen, Freundschaften ... Wir machen total viel mit diesem Gerät: Wir checken die News, wir können mit anderen Kontakt aufnehmen, wir fotografieren, filmen, hören Musik. Aber ich habe noch kein Jugendbuch gesehen, dass das Handy zum Thema gemacht hat. Und gerade deshalb hatte ich Lust, eine Geschichte darüber zu schreiben.


Haben Sie selbst schon einmal eine Woche Handyfrei gemacht? Wenn ja, wie ist es Ihnen dabei ergangen?
Eine ganze Woche? Nein, das habe ich noch nicht geschafft (lacht). Aber ich gönne mir schon regelmässig Smartphone-freie Zeiten. Wenn ich mich bewusst dafür entscheide, dann ist es eigentlich auch gar nicht so schwer. Das einzige Problem ist: Wie auch für Jugendliche erfüllt mein Handy für mich total viele Funktionen - zum Beispiel ist es auch meine Uhr - ich trage keine Armbanduhr - und auch meine To-do-Liste ist darauf abgespeichert. Oder wenn ich im Alltag eine Idee für eine Geschichte sehe, dann fotografiere ich sie, damit ich sie nicht vergesse. Manchmal wenn ich beim Schreiben bin und mich nicht konzentrieren kann, dann schalte ich auch mal bewusst das Handy in den Flugmodus.

Wie sehen Sie die Zukunft der Jugendlichen im Zusammenhang mit Unkonzentriertheit, immer verfügbar sein, nicht abschalten können?

Denken Sie dass die Krankheit Demenz einen Zusammenhang haben und ihr typisches Alterserscheinen weit nach vorn rücken könnte?
Ich bin da nicht so pessimistisch. Ich glaube, man sieht wohl erst in ein paar Jahren, was das langfristig macht. Wie ich mitbekomme, merken einige Jugendlichen inzwischen schon selber, dass wir bewusst mit diesem Gerät umgehen sollten und dass wir auch mal bewusst darauf verzichten können. Ich kann mich gut an meine eigene Jugend erinnern: Damals waren SMS und Chatten gerade total neu und wie viele andere in meinem Alter habe ich nächtelang durchgechattet - irgendwann war der Reiz verflogen und es hat sich auf eine normale Dosis eingependelt. Aber sicher: Viele lassen sich von ihren Handys unter Druck setzen - wenn eine Nachricht kommt, dann hat man das Gefühl, gleich reagieren zu müssen. Umgekehrt wird man ungeduldig, wenn man nicht immer gleich eine Antwort bekommt. Oder dass wir ständig mit News geflutet werden. Ich denke schon, dass es gut tun würde, sich zwischendurch einfach mal zu langweiligen und nachdenken zu können - ohne dass wirklich schon nach ein paar Augenblicken von einer Nachricht unterbrochen werden.

Was möchten Sie Jugendlichen mit Ihrem Buch vermitteln?
Es war mir wichtig, die Realität der Jugendlichen wahr und auch ernst zu nehmen: Viele Erwachsene haben den Eindruck, alle Jugendlichen sind mit Handys überfordert oder sie sehen nur die Gefahren, mit denen Jugendliche konfrontiert werden. Die Geschichte ist keine Warnung vor Smartphones. Sie soll auch nicht zeigen, dass man doch besser ohne Handys leben soll. Jeder Mensch muss selber entscheiden, welche Rolle das Handy in seinem Leben spielt. Die Geschichte soll Jugendlichen bewusst machen, wie wichtig Handys heute sind - und wie es wohl wäre, wenn wir mal ohne Handy auskommen müssten: Unser Alltag wäre gleich viel komplizierter - und wer bisher alles mit Handy gemacht hat, muss sich da echt umgewöhnen. Mit der Geschichte zeige ich, dass wir alle wohl ziemlich aufgeschmissen wären, wenn wir plötzlich ohne Handy - oder eben ohne Handy-Empfang wären: Wie kann ich mit Freund*innen Kontakt aufnehmen? Wie finde ich heraus, wann mein Zug fährt? Mit diesen und weiteren Herausforderungen wird meine Hauptfigur Gian in «Null Empfang» plötzlich konfrontiert. Denn er steckt in einer Situation, die heute für viele total gruselig ist: An einem Ort sein, an dem es kein Handy-Netz und kein W-Lan gibt - man ist nicht erreichbar, man kann niemanden erreichen und man hat auch keinen Zugriff auf das Internet und die Apps ... Ich möchte mit dieser Geschichte die Leser*innen auf humorvolle Weise zum Nachdenken bringen. Wenn ein paar Jugendliche während oder nach dem Lesen sich überlegen, wie das bei ihnen mit dem Handy ist, dann habe ich mein Ziel erreicht.


Herzlichen Dank für diese spannenden Einsichten.

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