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«Neue Liebe gesucht»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Neue Liebe gesucht»

«Vielleicht solltest du doch noch einmal über eine Beziehung nachdenken?», gab Patricia, meine beste und einzige, Freundin zu bedenken und versuchte zum wiederholten Male die Aufmerksamkeit des Kellners auf uns zu richten, da wir bezahlen wollten.

«Mann, der hat auch die Ruhe weg», stöhnte Patricia und wurde sichtlich nervöser.

«Pah, eine Beziehung», gelangweilt rührte ich in der leeren Kaffeetasse.

«Du sagst das so einfach. Woher nehmen, wenn nicht stehlen.»

«Naja weisst du, deine Tochter ist mittlerweile auch schon sechszehn und kein kleines Kind mehr. Ich glaube, du könntest sie am Abend sicherlich schon allein lassen. Oder noch besser, du gehst mit ihr zusammen in die Disco. Wirst sehen, Sophia besorgt dir schneller einen Mann, als dir lieb ist.»

«Na vielen Dank», argwöhnisch blitzte ich Patricia an.

«Nur, weil deine Ehe gescheitert ist, musst du doch nicht für immer enthaltsam leben. An Gelegenheiten kann es dir doch nicht mangeln. Du stehst in der Blüte deines Lebens, bist unabhängig. Also, wo ist das Problem?»

«Das Problem besteht darin, dass weit und breit kein Mann zu sehen ist», genervt, wollte ich das leidige Thema beenden, doch Patricia war heute besonders hartnäckig.

«Die meisten Paare finden sich am Arbeitsplatz. Das haben wissenschaftliche Studien ergeben», behauptete sie vehement.

«Oh ja, du hast Recht, dass ich darauf noch nicht selbst gekommen bin. An manchen Tagen gehen gleich mehrere «Ungebrauchte» durch meine Hände und einigen von ihnen darf ich auch noch auf den Po klopfen. Von Berufs wegen, du verstehst.»

Meine Freundin verdrehte vielsagend die Augen.

Aber nun war ich so richtig in Fahrt und setzte natürlich gleich noch eins oben drauf: «Und die Besucher der jungen Herren – was meinst du wohl, für wen die frisch gebackenen Väter, auf unserer Station wohl Augen haben? Na? Für ihre Babys und deren Mütter, logisch?» mit hochgezogenen Augenbrauen musterte ich meine Freundin.

«Ich kann mich doch schon glücklich schätzen, wenn ich überhaupt eines Blickes gewürdigt werde.»

Patricia atmete förmlich auf, als der Kellner kam und die Rechnung brachte. Sichtlich erleichtert verliessen wir beide das Café.

«Bummelst du mit mir noch ein bisschen durch die Geschäfte?», fragte ich.

«Nein, geht heute wirklich nicht», meine Leute warten, «sei mir nicht böse. Aber nächste Woche zu unserem Kaffeeplausch sehen wir uns.»

Vielleicht hatte Patricia ja doch Recht und ich brauche wieder einen Mann. Doch woher?  Gedankenversunken lief ich durch die Geschäftspassage. In den letzten fünf Jahren nach meiner Trennung hatte ich nicht eine Beziehung gehabt. Zuerst wollte ich Sophia keinen neuen Mann präsentieren und nun, wo sie alt genug und fast selbstständig war, ergab sich irgendwie keine Situation.

Wehmütig dachte ich an meine Jugendzeit zurück. Damals war es kein Problem gewesen, einen Freund zu finden. Doch wenn man heute an einem Mann Gefallen fand, musste man mühselig herausfinden, ob er verheiratet, sich zu jung oder zu alt oder zu schade für eine Beziehung fühlte - und bei einer versehentlichen Berührung lief man Gefahr, dass diese als Anmache oder tätliche Beleidigung eingestuft wurde.

Zuallererst musste natürlich erst einmal ein Mann in die engere Wahl gezogen werden, was sich selbstverständlich mit zunehmendem Alter als immer schwerer für die Herren erwies. Denn die Messlatte lag hoch, vielleicht zu hoch?

Ich ertappte mich tatsächlich, wie ich neidisch den jungen verliebten Paaren hinterher schielte.

Da fiel mein Blick auf eine der bunten Frauenzeitschriften. In großen bunten Lettern prangte dort: «So finden Sie Ihren Traummann – 10 Tipps, die garantiert zum Erfolg führen.»

Rasch kaufte ich die Zeitschrift und fuhr heim. Sophia schlief heute bei einer Freundin und wie konnte ich mir den langen Singleabend besser vertreiben, als mit bombensicheren Tipps.

Zu Hause angekommen kuschelte ich mich mit einem Glas Wein und meinem neu errungenen Wissen in die Sofaecke. Voller Spannung suchte ich nach den vielversprechenden Seiten.

Na bitte, da stand es schwarz auf weiß, die moderne Frau lässt sich nicht einfach ködern, sie ergreift die Initiative und nimmt ihr Glück in die eigenen Hände.

Tipp 1: Joggen oder walken Sie nach Feierabend im Park!

Entsetzt starrte ich auf das Blatt Papier. Nicht im Traum wäre ich bei dem Thema Männerfang auf so eine Idee gekommen. Das letzte Mal war ich in der Schule gelaufen und das auch nur mit mässigem Erfolg. Wenn ich jetzt damit beginnen würde, riskierte ich höchstwahrscheinlich einen Kreislaufzusammenbruch und ob sich das Rufen des Notarztes wirklich als Beginn einer neuen Beziehung so gut eignete, bezweifelte ich doch sehr. Selbst, wenn ich die ersten Laufrunden heil überstehen und dann vielleicht einem hübschen Mann begegnen würde, wären die Erfolgsaussichten, dass sich jemand in eine Anfang vierzigjährige Frau mit hochrotem, verschwitztem Gesicht verlieben könnte, gering. Auch meine ausgeblichene, ausgebeulte, aber enorm bequeme Jogginghose, die ich vor ein paar Jahren im Sonderangebot ergattert hatte, wirkte eher mitleiderregend, als aufreizend.

Das war es also schon einmal nicht.

Tipp 2: Führen Sie einen Hund im Park spazieren

«Wie viel schlimmer kann es denn nun noch kommen?», fragte ich mich.

Die Sache mit dem Hund schied komplett aus – unvorstellbar. Ich erinnerte mich noch genau, wie ich mich vor ein paar Monaten zum Hundesitten für meine Cousine bereit erklärt hatte. Ich hatte die Hundeaufsicht für drei Stunden übernommen, drei Stunden, in denen ich die kleine Hundedame nur einmal ausführen musste.

Bei der kleinen Hundelady handelte es sich um einen Yorkshireterrier. Meine Cousine hatte mich belehrt, dass der kleine Hund möglichst nicht die Treppen hinunterlaufen solle. Das wiederum bedeutete, dass ich sie tragen musste. Mühsam versuchte ich, das kleine Bündel auf meinen Arm zu nehmen, aber immer, wenn ich das kleine Knäul vom Boden aufnehmen wollte, sprang es mit einem Satz vom Arm. Nach einer halben Stunde Tortur gab ich schwitzend auf, mit dem Erfolg, dass die kleine Hundelady, völlig entkräftet, ihr Geschäft auf meinem Teppich verrichtete. Nicht auszudenken, falls ich mit einem größeren Hund unterwegs wäre. Im Idealfall würde das Tier bellend und triumphierend im Park auf mir liegen, im schlimmsten Fall würde es mich zuerst hinter sich her zerren, um mich dann schließlich abzuhängen und auf Nimmerwiedersehen davon zu laufen. Nein, das schien nicht der richtige Weg zu sein.

Vielleicht brachte mich ja der nächste Tipp weiter.

Tipp 3: Fahren Sie am Wochenende mit der letzten Strassenbahn und setzten Sie sich in die letzte Reihe. Sie werden sehen, eine andere einsame Seele wird sich zu Ihnen gesellen.

Oh, so etwas Ähnliches hatte ich doch erst am letzten Wochenende erlebt, aber eher unabsichtlich und ohne den Hintergedanken einen Mann zu finden.

Ich war mit einigen Kollegen im Theater und nach der Vorstellung fuhr ich allein mit dem Nachtzug nach Hause. Der Zug war fast menschenleer. Ein Mann erklomm mit Müh und Not die Stufen ins Abteil und sackte kurz darauf in einen tiefen Schlaf. Der Hals einer Schnapsflasche lugte aus seiner Manteltasche. Nach zwei Haltestellen erwachte er mit einem beängstigenden Hustenanfall, der mit starkem Erbrechen endete. Ich sah mich genötigt rasch das Abteil zu wechseln. Im nächsten fand ich ein schmusendes junges Pärchen und einen ebenso benebelten Kerl.

Sehnsüchtig wartete ich auf meinen Zielbahnhof, um erleichtert den Zug zu verlassen.

Beim Aussteigen hatte mich dann doch das schlechte Gewissen ergriffen und ich schaute im ersten Abteil nach, ob dem Mann mit dem Erbrochenen nichts geschehen sei. Aber wieder einmal bewahrheitete sich der Spruch: «Betrunkene haben immer einen Engel bei sich.» Er hing in seinem Sitz und pöbelte mir freche Sätze hinterher. Ich hätte mich ohrfeigen können, noch einmal dieses Abteil betreten zu haben.

Nein, für diese Art der Abwrackprämie war ich mir dann doch zu schade. So einen Mann, den anscheinend keiner mehr haben wollte, brauchte ich auch nicht.

Immer noch kopfschüttelnd wandte ich mich dem nächsten Ratschlag zu.

Tipp 4: Nehmen Sie Kontakt per Internet auf.

Oh, da hörte ich doch wieder Patricia. «Moderne Menschen lernen sich per Internet kennen. Das ist unverfänglich. Man schreibt sich ein paar Mails, schickt sich dann ein Bild und wenn es passt, macht man einen Termin und trifft sich. Falls die Chemie doch nicht stimmt, war’s das. Du hast keinen Kennenlernstress. Musst dir keinen Kopf über den ersten Eindruck machen, denn den hast du ja schon hinter dir. So läuft das erste Date völlig entspannt und relaxt.»

Wenn Patricia davon so erzählte, klang es so einfach. Einmal hatte ich mich auch heimlich an Sophias Computer gesetzt und war problemlos ins Internet gekommen. Dann war ich auch schon auf einer Partnerseite, aber dort mussten gleich so viele Daten angegeben werden und ich sollte ein Foto von mir einstellen – da habe ich kalte Füsse bekommen. Ausserdem musste ich mir ehrlich eingestehen, dass ich absolut nicht in der Lage wäre, ein Foto im Internet einzustellen. Sophia würde ich um keinen Preis um Hilfe bitten, das wäre mir dann doch peinlich.

Dieser Tipp musste zurückgestellt werden, aber eines stand unumstösslich fest, demnächst melde ich mich zu einem Computerkurs in der Volkshochschule an, unbedingt.

Dafür klang Tipp 5 unkompliziert und vielversprechend: Gehen Sie an einem Wochentag nach 18 Uhr oder samstags - nach dem Mittag - in den Supermarkt. Halten Sie sich in der Nähe der Tiefkühltruhen, genauer bei den Pizzen auf. Sie werden sehen, dass Sie mit vielen einsamen Männerseelen ins Gespräch kommen.

Dieser Tipp hörte sich doch wirklich sehr verlockend an. Er schien ohne grossen Aufwand in die Praxis umsetzbar zu sein. Morgen hatte ich dienstfrei, das war doch die ideale Möglichkeit, den Tipp auf seine Praxistauglichkeit zu prüfen. Der Zeiger der Uhr zeigte bereits weit nach Mitternacht, so beschloss ich mich vor meinem morgigen Auftritt im Supermarkt erst einmal richtig auszuschlafen.

Schon nach dem Aufstehen war ich aufgeregt.

«Wie sollte ich nur den Tag bis 18 Uhr verbringen?», fragte ich mich immer wieder.

Endlich wurde es 17.00 Uhr vor zwei Stunden hatte ich mich bereits umgezogen, betont sportlich, in Jeans und legerem Pullover. Zum wiederholten Mal sah ich auf die Uhr, es war jetzt genau 17.10 Uhr. Wenn ich gemütlich die Treppen hinunter ging und dann langsam die Strasse bis zur Ecke, dann gemütlich über den Supermarktparkplatz schlenderte, müsste mein Zeitplan in etwa stimmen. Noch ein kurzer Blick in den Spiegel, die Lippen nachziehen und auf ging es. – Vielleicht würde ich ja heute den Mann fürs Leben finden?

Im Supermarkt war es rappelvoll. Mühsam bahnte ich mir den Weg durch Menschen und Einkaufswagen. Es dauerte einige Minuten, bis ich mich zu den Tiefkühltruhen durchgekämpft und mir den geeigneten Platz, mit dem notwendigen Überblick, ergattert hatte. So unauffällig wie möglich schielte ich in die Einkaufswagen der Männer, die ahnungslos an mir vorbeizogen. In einem lag eine Packung Damenbinden im anderen nur Schnaps und Bier, ohne Zweifel schieden diese Herren sofort aus. Langsam wurde ich ungeduldig, ich harrte auf meinem Posten nun schon fast eine halbe Stunde aus und noch immer war kein passender Mann in Sicht.

«Wo bleiben denn die erfolgreichen, aber einsamen Männer, die sich auf dem Rückweg vom Büro noch rasch ein Fastfoodessen besorgen müssen, weil daheim keiner mit einer warmen Mahlzeit auf sie wartet?»

Verstohlen blickte ich noch einmal die langen Gänge entlang. Mittlerweile wurde es zunehmend ruhiger. Das Gedränge in den Gängen hatte glücklicherweise nachgelassen und niemand rempelte mehr gegen meinen Wagen. Auch die Luft verlor an Stickigkeit. Ich wagte einen letzten resignierten Blick in die fast leeren Einkaufsgänge, in die sich nur noch ein paar genervte Hausfrauen verirrten, die Brot oder Butter vergessen hatten. Ich freundete mich gerade mit dem Gedanken an, Sophia und mir ein Tiefkühlgericht zu kaufen und den Versuch als gescheitert zu erklären, als mir ein wirklich gut aussehender Mann im Anzug entgegen kam. Tatsächlich, der Mann schritt genau auf mich zu und je näher er mir kam, umso besser gefiel mir sein Äusseres, Grösse, Alter und Auftreten.

«Ja, der wäre genau nach meinem Geschmack», murmelte ich leise vor mich hin.

Mein Herz schlug schneller und ich fühlte, wie das Blut in meinen Adern pulsierte. Rasch zog ich meine Jacke glatt und begann möglichst verführerisch zu lächeln.

Und da stand er auch schon, mir wurde flau im Magen, doch ich lächelte.

Er reichte mir seine Hand mit den Worten: «Guten Abend».

Seine männlich kräftige Stimme klang wie Musik in meinen Ohren.

Dann umfasste er behutsam und doch mit Nachdruck meinen Oberarm und sagte wenig charmant: «Ich bin der Ladendetektiv und beobachte Sie schon eine geraume Zeit. Würden Sie mir bitte in mein Büro folgen!»

Nach einem ausgiebigen Verhör und dem Leeren aller Taschen betrat ich neunzig Minuten später wutentbrannt meine Wohnung.

Sophia kam mir aufgeregt entgegen: «Mensch Mama, wo warst du denn so lange? Ans Handy bist du auch nicht gegangen. Ich habe mir echt Sorgen gemacht!»

Sauer drückte ich ihr die Zeitschrift in die Hand: «Hier, lies Tipp fünf. Ich habe versucht, einen Mann zu finden. Schon, weil du und Patricia immer so gedrängelt, haben.»

Sophia quietschte beim Lesen des Artikels lauthals vor sich hin.

«Wirf bloss die blöde Zeitschrift weg, bevor ich mich heute total vergesse», zischte ich.

«Ich glaube, ich muss dir da mal ein paar Tipps geben.», feixte Sophia. «Was gibt es überhaupt zu Abendbrot?»

Der Kühlschrank gab leider nur Joghurt her, denn zum Einkaufen war ich ja nicht gekommen.

Nachdem ausgiebigen Mahl gab mir Sophia die erste Stunde in Sachen Computertechnik. Wie sie meinte, wäre das wohl der sicherste Weg für Menschen in meinem Alter einen Partner zu finden.

Im Gegenzug erklärte ich mich bereit, für meine Tochter am nächsten Tag ein fürstliches Mittagessen zu kochen.

Wieder einmal hatte mich meine Gutmütigkeit dazu gebracht, einen Vorsatz aufzugeben. Denn natürlich hatte ich mir geschworen, nie wieder diesen Supermarkt zu betreten. Doch, wenn ich für Sophia kochen will und auch noch pünktlich zum Spätdienst erscheinen wollte, blieb mir keine andere Wahl.

«Na los, in der Psychologie konfrontiert man Angstpatienten auch direkt mit ihren Problemen. Das schaffst du», feuerte ich mich an.

Ich nahm allen Mut zusammen und stürmte im Galopp über den Parkplatz. Sofort erspähte mein wachsames Auge einen verlassenen Einkaufswagen.

«Den schnappe ich mir glatt», dachte ich. Während ich den Einkaufszettel überflog, griff ich nach dem Wagen und wollte ihn mitziehen. Doch unerwartet spürte ich einen Widerstand und schaute auf. Direkt neben dem Wagen stand ein hochgewachsener Mann, der mich stirnrunzelnd musterte.

«Sie wollen doch nicht etwa meinen Wagen stehlen, den ich mir ehrlich mit einem Euro Pfand geholt habe?»

«Stehlen», hallte das Wort in meinen Kopf nach und wieder aus dem Munde eines hübschen Mannes.

Sekundenlang starrte ich den Mann an.

«Geht es Ihnen gut?», fragte mein Gegenüber und schaute auf meine Hände, die krampfhaft den Wagen umklammerten.

«Stehlen, ja. Äh nein, stehlen wollte ich natürlich nicht», stammelte ich.

«Was rede ich da nur für ein dummes Zeug? Nun reiss dich mal zusammen», ermahnte ich mich.

«Ist alles in Ordnung mit Ihnen?», hörte ich den Mann fragen.

«Warum? Na klar.»

«Gut, dann können Sie ja bitte meinen Wagen loslassen.» Er grinste mich höhnisch an.

«Ja, ja, kein Problem.», entgegnete ich und konnte meinen Blick kaum von ihm wenden.

«Na dann los. Es wird nämlich Zeit für mich. Ich muss noch zur Arbeit.»

«Warum schaut der mich nur so fordernd an?», fragte ich mich. «Sollte ich etwa Eindruck auf ihn gemacht haben?»

«Ich hole Ihnen einen neuen Wagen, wenn Sie meinen loslassen oder geben Sie mir einen Euro, dann sind wir quitt», versuchte er es erneut.

Erschrocken stellte ich fest, dass ich noch immer mit allen Kräften versuchte, den Wagen festzuhalten, als ob er ohne mich umkippen würde.

«Nein», murmelte ich. «Ich brauche keinen. Ach nein, ich meine, ich hole mir selbst einen!»

«Oh Gott, was erzähle ich denn?», wütend auf mich selbst, ergriff ich die Flucht.

Im Dienst war ich doch ganz anders, da galt ich eher als resolut und energisch. Aber hier und heute in der Umgebung dieses Supermarktes und dann in der Gegenwart eines gut aussehenden Mannes, stammelte ich wie eine Zweijährige mit einem Nuckel im Mund.

Mit erhobenem Kopf zog ich meine Jacke glatt, während ich mich von dem schönen Unbekannten mit einem «Ich wünsche Ihnen einen guten Tag», verabschiedete.

Als ich endlich einen eigenen Einkaufswagen durch die Gänge schob, beruhigte ich mich langsam wieder.

«Wie konnte ich mich nur so blöde anstellen?», dachte ich, als ich zu Butter, Milch und Käse griff. Hoffentlich läuft er mir nicht noch einmal über den Weg. Das wäre mir dann doch unangenehm.

Als ich mir den Arm voll genug mit Lebensmitteln gepackt hatte, steuerte ich gedankenversunken in meine Einkaufsliste um die Ecke, wo ich meinen Einkaufswagen geparkt hatte und warf alles hinein.

Da hörte ich die mir wohlbekannte Stimme: «Sie wollen doch nicht schon wieder meinen Wagen klauen?»

Ich erstarrte vor Schreck. Verstohlen sah ich mich um, denn bei dem Wort «klauen», läuteten sofort die Alarmglocken in meinem Gehirn. Erst dann besah ich mir den Einkaufskorb. Unter meinen Nahrungsmitteln lugten eine Tiefkühlpizza, Wurst und Toast hervor – alles Dinge, die ich nicht gekauft und schon gar nicht in meinem Korb deponiert hatte.

«Ihr Wagen steht da vorn.», unterbrach der Mann neben mir meinen Gedankengang. Er deutete mit der Hand auf das andere Ende des Ganges.

«Tut mir leid. Irgendwie bin ich heute nicht ganz bei der Sache.», entschuldigte ich mich und fischte die Produkte aus dem falschen Einkaufskorb.

«Das habe ich schon auf dem Parkplatz bemerkt.», lächelte er mich an. «Aber lassen Sie mal, alle guten Dinge sind drei. Wenn Sie heute noch einmal versuchen, mir mein Eigentum zu entwenden, müssen sie einen ausgeben. Ich glaube an den Zufall.» Seine grossen grauen Augen strahlten mich herausfordernd an.

«Oh gut, dass ich jetzt weiss, was Sie erwarten. Aber diese Blösse werde ich mir auf gar keinen Fall geben.», antwortete ich ungewollt kurz angebunden und schob mit dem Einkaufwagen davon.

«Der Mann muss mich doch wirklich für vollkommen blöd halten. Da will ich einmal einen guten Eindruck hinterlassen und dann geht aber auch alles daneben.», grübelte ich der vermasselten Situation noch hinterher, als mein Blick plötzlich auf die Uhr fiel.

Hastig spurtete ich los, um die letzten Zutaten für Sophias Menü zu besorgen. Schnell schoss ich zur Kasse und kontrollierte dabei meinen Einkaufszettel.

«Hoffentlich habe ich auch alles.», flüsterte ich leise, als es lautstark knallte.

Ich war mit einem anderen Wagen frontal zusammengestossen. Als ich hochschaute, um zu sehen, wem der Wagen gehörte, lief ich puterrot an.

«Das darf doch wohl nicht wahr sein», schoss es durch meinen Kopf.

Wie durch einen Schleier registrierte ich, dass mich meine «Neueroberung» kopfschüttelnd tadelte: «Das war jetzt aber eindeutig Nummer drei. Sie wissen ja, was Ihnen jetzt blüht.»

«Ich weiss wirklich nicht, was heute mit mir los ist.»

«Sie brauchen sich gar nicht zu rechtfertigen, aus der Sache kommen Sie nur mit einem Kaffee heraus. Und deshalb lasse ich Sie auch nicht vor, wenn sie nach mir bezahlen, können sie nicht auf und davon.»

Er schob seinen Korb in Position und lachte mich triumphierend an.

«Ist schon o.k.», gab ich kleinlaut zurück.

«Nun mal nicht so traurig», schwungvoll half mir der Mann an meiner Seite die Lebensmittel auf dem Band zu platzieren. «Mich werden Sie jetzt erst einmal nicht los. Ich kann auch hartnäckig sein.», zwinkerte er mich an.

Nachdem wir alles in Tüten verstaut hatten, schlenderten wir in das kleine Café gegenüber und suchten uns ein ruhiges Ecktischchen.

«Ich heisse Sven Degner. Nachdem ich in der letzten Stunde zum wiederholten Male von dir beraubt und attackiert wurde, habe ich doch nun das Recht dich zu duzen oder?»

Lächelnd nickte ich.

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Mehr zur Autorin

Geboren am 24.04.1966 in Magdeburg. Studium der Germanistik/Slawistik an der Otto von Guericke Universität Magdeburg, Referendariat, Lehramt für Haupt- und Realschulen. Von 1993 bis 2006 an der Kreisvolkshochschule des Ohrekreises zunächst Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, dann als Fachbereichsleiterin für die Bereiche Grundbildung (auch mit Menschen mit Behinderungen), Sprachen und Gesundheitsbildung tätig.

Seit 2007 an der Evangelischen Fachschule für soziale Berufe in Wolmirstedt als Fachschullehrerin tätig.

Stolze Mutter von zwei Söhnen.


Publikationsverzeichnis

7. Die Schneekugel, Eine Weihnachtsgeschichte, Kindle eBook auf amazon.de 2016, 33 S.
6. Renald, der Ritter, Dorise-Verlag, Erfurt 2013, 43 S.

5. Renald, der Ritterknappe, Dorise-Verlag, Erfurt 2011, 45 S.

4. Renald, der Ritterpage, Dorise-Verlag, Burg 2010, 46 S.

3. Gefühlschaos, docupoint Verlag, Magdeburg 2008, 141 S.

2. Chaos der Gefühle, docupoint Verlag, Magdeburg 2006, 135 S.

1. Schritte aus der Dunkelheit - Eine Suchtkarriere, VNL Verlag Neue Literatur, Jena Plauen Quedlinburg 2004, 111 S.


Herausgeberschaft

2. Haldensleben durch Kinderaugen gesehen, Meiling Druck, Haldensleben 2016, 27 S.

1. Mit Spürnasen unterwegs. Texte junger Autorinnen und Autoren aus Sachsen-Anhalt, Dorise-Verlag, Erfurt 2015, 75 S.

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