Reisen oder Wohnen?
Bild/Illu/Video: Milena Rominger

Reisen oder Wohnen?

«Ich halte es nicht für eine Täuschung. Eher für eine Persönlichkeitsentwicklung.» Erklärt mir Sandra, Mitte vierzig, während eines Spaziergangs am See. Die quirlige Frau mit den roten Haaren, bringt schon einiges an Lebenserfahrung mit sich. Sie erzählt mir von ihrer tiefsten Leidenschaft, dem Reisen.


Mit gerade einmal einundzwanzig Jahren machte Sandra eine Weltreise. Nicht irgendwie, nein, mit dem Fahrrad ging es von der Schweiz in Richtung Osten, bis sie wieder im Westen ankam.

«Ich mag nicht nur das Reisen an sich, ich liebe es, Velo zu fahren und dabei ganz genüsslich den Kulissenwechsel geschehen zu lassen. So habe ich viel mehr von der Welt entdeckt, als wenn ich mit dem Auto daran vorbeigesaust wäre.»


Über zwei Jahre brauchte sie, bis sie wieder in der Schweiz ankam. Sandra liess das Reisen nie mehr los. Kaum hatte sie ihre Weltreise beendet, buchte sie schon den nächsten Flug in den Norden.

«In meinen Zwanzigern kam ich nur nach Hause, um als Drogistin zu arbeiten. Ich arbeitete ein halbes Jahr hier, ein paar Monate dort und verschwand dann wieder irgendwo auf dem Globus für mehrere Wochen oder Monate. Reisen war für mich wie eine Sucht. Wie die Sehnsucht nach der nächsten Zigarette. Das ging gut, bis ich einen Freund hatte.»


Dieser war etwas anders gestrickt als Sandra. Er fühlte sich Daheim am wohlsten, machte nur Sandra zuliebe Fernreisen.

«Irgendwann haben wir aber gemerkt, dass wir einfach zu verschieden sind und sich unsere Wohlfühloasen nicht miteinander vereinbaren liessen.»


Sandra und ihr Freund trennten sich. Danach war das Reisen für Sandra etwas anderes geworden.

«Als mein Freund damals mitkam, nach Indien und nach Südamerika, da machte es mir soviel Spass, diesen Kulturschock mit jemandem teilen zu können. Es war aber auch nicht dasselbe, wie wenn ich mit einer Freundin auf Reisen war. Die Liebe sieht alles noch bunter als es sowieso schon ist.»


Und plötzlich fehlte Sandra eben genau diese Liebe auf Reisen.

«Mittlerweile ging ich auf die dreissig zu und war die einzige aus meiner Klasse, die noch keine Familie gegründet hatte. Was mir in meinen anfangs Zwanzigern egal war, fühlte sich Anfang dreissig irgendwie einsam an.»

Obwohl Sandra seit ihrer Jugend nie etwas auf die Meinung von anderen gab, schmerzte sie jedes Mal dieser Stich, wenn sie ein Paar mit Kindern sah.


«Ich hätte niemals daran gedacht, Kinder haben zu wollen, doch allmählich konnte ich es mir wirklich gut vorstellen.»

Doch Sandra ging weiter auf Reisen, alleine und einsam, wie sie es damals empfand. Schliesslich hatte sie kaum ein Netz in der Schweiz.

«Natürlich hatte ich meine Familie, die ich jedes Mal besuchte, wenn ich wieder daheim war, von Freunden konnte man zu dem Zeitpunkt aber nicht sprechen. Dafür war ich einfach mehr im Ausland als daheim.»


Dann, bei ihrer letzten grossen Reise nach Skandinavien, fühlte sie, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie verliebte sich in die rot gestrichenen Häuser in Finnland, die so urchig eingerichtet waren.

«Innen war stets alles hell gestrichen, und so urgemütlich eingerichtet. Mit Schaffellen vor dem Kamin, mit diesen typischen Ikea Sofas, welche aussehen, als hätte man ihnen ein weisses Laken übergeworfen. Dazu kam der Duft nach gekochtem Essen, welcher sich im ganzen Haus verbreitete. Da merkte ich plötzlich, wie sehr ich mich nach einem zu Hause sehnte.»


Für Sandra war klar, dass sie in der Schweiz sesshaft werden wollte.

«Erst suchte ich einen Job in der Umgebung meines Heimatdorfes. Ich wollte tatsächlich wieder nach Hause. Da leben, wo ich aufgewachsen bin. Auf all den Reisen wurde mir plötzlich bewusst, wie sehr mir meine Familie am Herzen lag und wie wichtig Familie doch ist, wenn man sonst niemanden hat.»


Mit vierunddreissig fand sie dann den Mann ihres Lebens und gründete mit ihm eine Familie.

«Jetzt lebe ich plötzlich genau in so einem roten Häuschen, welches in Finnland stehen könnte. Es ist genau so eingerichtet, wie ich es mir damals eingeprägt hatte. Und wir haben zwei Kinder, 9 und 8 Jahre alt.»


Sandra lacht mich an, während sie erzählt.

«Ich hätte es niemals für möglich gehalten, aber heute kann ich tatsächlich sagen, dass ich gesättigt bin vom Reisen. Jetzt geniesse ich einfach nur mein Familienleben. Habe ich mich etwa so in mir getäuscht? Ich dachte, ich würde mein Leben lang reisen, aber momentan kuschle ich mich lieber daheim in mein Lammfell.»

Sandra wird sich nicht getäuscht haben, sondern wie sie es beschrieben hat; weiterentwickelt.


*Name geändert.

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