Bild/Illu/Video: zVg.

Schreiben in Island stell ich mir idyllisch vor

Ja, dieser Bündner Autor – aufgewachsen in Thusis – ist tatsächlich nach Island ausgewandert! Gemäss Wikipedia lebt und arbeitet er als Journalist, Autor und Touristenguide in Reykjavik.


Konzentrierte Studierende als Ansporn

Na das stell ich mir idyllisch vor, so zwischen Schafen, Bergen und Fjorden. Von den Nordlichtern inspiriert. Gemütlich eingekuschelt in Decken. Aus dem Fenster eines dieser zauberhaften Holzhäuschen guckend, in die verschneite oder saftig grüngedeihende Natur, während drinnen das Feuer des Kamins flackert. Okey, ganz so idyllisch ist es dann vielleicht doch nicht. Denn Schmidt schreibt am liebsten in der Nationalbibliothek in Reykjavik, umgeben von konzentrierten Studierenden, was ihm die nötige Fokussierung und den Ansporn gibt. Obwohl, es gibt auch Momente, in denen er im idyllischen Sommerhäuschen mit Meerblick schreibt. Wusste ich‘s doch!


«Moosflüstern» mag ich

Schmidt wurde 2010 bei einem Schreibwettbewerb entdeckt. Drei Jahre später erschien sein erster Roman «Küstennähe», kurz danach bereits der zweite mit dem Titel «Am Tisch sitzt ein Soldat». Diese beiden Bücher gehören zu den Exemplaren, denen ich gerne zukünftig noch Zeit widmen möchte. Denn: Schmidts Roman «Moosflüstern» hat mir richtig gut gefallen. Ich mag Stories, die mehr oder weniger auf wahren Geschichtshintergründen beruhen. Wie auch in diesem Buch, in dem 1949 der isländische Bauernverband über 300 deutsche Frauen und Männer anheuerte, sie nach Island verschiffte und sie auf Bauernhöfen rund um die Insel verteilte. Unter ihnen auch die Mutter des in Felsberg wohnhaften

Hauptprotogonisten Heinrich Lieber, die ihren Sohn zurückliess. Er erfährt zu Beginn des Buches, dass seine Mutter gestorben ist. Was ihn dazu bewegt, nach Reykjavik zu reisen, das Grab seiner Mutter zu besuchen und herauszufinden, weshalb sie ihn damals kurz nach Kriegsende zurückgelassen hat. Spannend und mit unerwarteten Wendungen. Genau, was ich mag.


Arno macht Mut

Leider wird das Bündnerland in Schmidts nächstem Roman nicht vorkommen. Er sagt sogar, dass sein nächster Roman nicht isländischer sein könnte, was natürlich auch seine Integration in der isländischen Volksseele widerspiegle. Er konzentriert sich sogar vorwiegend auf isländische Autoren. Umso erfreulicher ist es aber, dass er vorhat, irgendwann ein Buch auf Bündnerdeutsch zu schreiben und ihm unter anderem die Bücher des Bündner Autors Arno Camenisch Mut dazu machen. «Bitte liked mich!», schreibt Schmidt auf seiner Webseite bei der Angabe seiner Facebook-Seite hinzu. Aber sicher doch! Habe ich schon längst getan. Und wir dürfen uns freuen. Denn auf meine Frage, ob wir hier wieder mit einer Lesung von ihm rechnen können, sagt er: «Lieber früher als später!»


6 WIE-FRAGEN an den Autor:


Wie reagier(t)en die Bündner auf deine Auswanderung?

Mit Jubelrufen und spontanen Freudentänzchen! Nein, im Ernst: Über 99 Prozent der Bündner wissen ja gar nicht, dass es mich gibt. Diese haben also gar nicht reagiert. Wer mich oder die «Schmidlis» aus Cazis kennt, war über mein Auswandern nicht überrascht. Meine Eltern haben es vorgemacht, wanderten in den 60ern nach Australien aus, lernten sich da auch kennen. Meine Schwester lebt in Neuseeland und einer meiner drei Brüder in Brasilien. Ein weiterer Bruder wäre wohl fast in Amerika hängengeblieben. Ein Isländer ist da noch im grünen Bereich. Mein Auswandern hat niemanden vom Sockel gehauen.


Und wie reagierten die Isländer auf deine Einwanderung?

Schweizer sind in Island sehr willkommen. Sie haben eine ähnliche Insel-Mentalität, sind gut ausgebildet und zuverlässig. So hatte ich nie Schwierigkeiten, Arbeit zu finden oder Kontakte zu knüpfen. Wenn man sich die Mühe macht, die Sprache zu lernen, ist man schon fast integriert. Eine Isländerin, die mich an der Bar bemerkte, hat es besonders gefreut, dass ich nach Island ausgewandert bin. Heute haben wir zwei Kinder.


Wie sind denn die Isländer so drauf – im Vergleich zu «uns Bündnern»?

Zu dieser Frage könnte man einen ganzen Roman schreiben. Wie erwähnt sind sich Bündner und Isländer nicht so unähnlich. Beide Völker haben eine Bauernseele und zogen die Abgeschiedenheit in der garstigen Natur dem Tumult der europäischen Grossstädte vor. Aber sie sind eben doch sehr anders. Die Isländer als «Italiener der nordischen Länder» zu bezeichnen, ist zwar salopp, aber nicht ganz falsch. Isländer quatschen viel, Familie wird grossgeschrieben, sie arbeiten viel, nehmen es aber während der Arbeit ziemlich locker. Und sie lieben guten Kaffee.


Wie siehst du die Zukunft von Büchern?

Das Buch wird überleben. Dass die Leute weniger lesen als vor zwanzig Jahren, ist indes nicht erstaunlich. Die Leute gucken und hören mehr – ich ja auch. Das Buch hat Konkurrenz bekommen. Das Positive daran ist, dass auch ein Film oder eine Netflix-Serie auf dem geschriebenen Wort basiert. Auch wenn in Zukunft weniger gelesen wird, so wird der Bedarf an Schriftstellern weiterhin bestehen.


Wie heisst dein Lieblingsautor?

Gunnar Gunnarsson. Sein «Advent im Hochgebirge» und seine «Schwarzen Vögel» sind Juwelen. Und Markus Werner lese ich regelmässig und wiederholt.


Wie wäre dein Leben ohne Schreiben und Lesen?

Ich schreibe aus einem Zwang, meine Geschichten erzählen zu wollen; auch wenn es mich gelegentlich fast in den finanziellen Ruin treibt. Ich schreibe Bücher, weil ich das kann. Dieser Zwang führt leider dazu, dass ich fast keine Zeit zum Lesen habe. Es ist peinlich, wie wenig ich lese. Und ich lese nur, was mich auch sofort packt. Dann empfinde ich Bücher als Bereicherung.

Themenverwandte Artikel

Doris Büchel: «Ich bleibe dem Papier treu.»
Bild/Illu/Video: Ingo Rasp Photography

Doris Büchel: «Ich bleibe dem Papier treu.»

Ladina Bordoli und die Welt der Mysterien
Bild/Illu/Video: zVg.

Ladina Bordoli und die Welt der Mysterien

kunterLITERATURbunt: «Was ist ein gutes Buch?»
Bild/Illu/Video: Marcus Duff / cascadas

kunterLITERATURbunt: «Was ist ein gutes Buch?»

Der Zauber von Kinderbüchern
Bild/Illu/Video: Karin Hobi - Pertl

Der Zauber von Kinderbüchern

Empfohlene Artikel