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Schweizer Filme im Test: «Platzspitzbaby» (2019)
Bild/Illu/Video: zVg.

Schweizer Filme im Test: «Platzspitzbaby» (2019)

Das Buch «Platzspitzbaby» ist mir schon unzählige Male begegnet, da ich häufig in Buchläden und Brockenhäusern herumlungere. Doch obwohl das Schicksal von Michelle Halbheer mich emotional berührt, gekauft habe ich mir nie ein Exemplar davon, da ich wie es bereits mal in einem Bericht erwähnt habe, ein recht langsamer Leser bin. Doch als ich letzthin im Exlibris in Mels stand und dort die Bluray sah, griff ich sofort zu. Ich weiss nicht, ob aus Zeitmangel oder weil es schlicht einfacher ist, warte ich häufig die Verfilmung ab und führe mir diese zu Gemüte.


Zur Inhaltsangabe:

«Der Film beginnt mit einem Prequel, in dem die elfjährige Mia vor der Auflösung der offenen Drogenszene am Platzspitz zu sehen ist. Dort wird die in die Brüche gehende Beziehung ihrer Eltern angedeutet und wie Mia diese Erlebnisse mit ihrem imaginären Freund Buddy verarbeitet, der sie in solchen Situationen mit seiner Mandoline begleitet. Mit Beendigung der offenen Drogenszene am Platzspitz und der drei Jahre später folgenden Schliessung der offenen Szene am Bahnhof Letten wurden die Drogensüchtigen im Frühling 1995 in ihre Heimatgemeinden zurückgeschickt. Mia entscheidet sich, mit ihrer Mutter ins Zürcher Oberland zu ziehen, wo diese eine ihnen zugewiesene Wohnung bezieht und die eigentliche Handlung beginnt.»


Drogen bestimmen alles
Als das Mädchen Mia (Luna Mwezi) und ihre Mutter Sandrine (Sarah Spale) in dem neuen Zuhause ankommen, scheint alles seinen geregelten Lauf zu nehmen. Bis zum Zeitpunkt als zufällig wieder ein ehemaliger Kollege auftaucht, geniesst das Mutter-Tochter-Gespann schöne Momente zusammen. Aber eben: Kaum ist das Gift wieder im Haus, wird das arme Mädchen alleine gelassen. In der neuen Schule verspottet, findet sie vor allem Rückhalt in der Phantasiegestalt von Buddy (Delio Malär), der immer wieder dieses eine Lied von Sloop John B. singt und ihr gute Tipps mit auf den Weg gibt. Während sie von den Malediven träumt und versucht mit Rubbellosen genug Geld anzuhäufen, um die eigene Junkiemutter aus der Sucht zu ziehen, rutscht diese immer tiefer rein. Authentisch wird aufgezeigt, wie Süchtige lügen und alle bescheissen, nur um an Drogen zu kommen. Das stimmt einem beim Zuschauen doch recht melancholisch, denn als Mia die Möglichkeit hätte zu ihrem Vater zu ziehen, entscheidet sie sich trotzdem wieder für ihre Mutter, da sie diese nie wirklich aufgibt. So spendet sie ihrer Mutter ihr Urin für Drogentests, geht Zigaretten und Schnaps klauen, um an Stoff zu geraten und verteidigt ihre Mama sogar gegen aussen…


Wenn die Behörden nichts unternehmen
In anderen Reviews habe ich gelesen, dass die Darstellung der Mutter in diesem Film nicht authentisch genug sei, da man keine Einstichwunden und Abszesse an ihren Armen sehe. Ich für meinen Teil fand die Allgegenwärtigkeit der Sucht genug erdrückend und beängstigend, dass ich auf die zusätzlichen optischen Gräuel gerne verzichte. Es gibt eine Szene, in der ein Mann einen epileptischen Anfall während eines Trips hat und sogar Kinder dabei zuschauen… Wenn der ganze Film in diesem Stil gehalten worden wäre, hätte er mir wahrscheinlich deutlich weniger gefallen. In dieser jetzigen Machart zeigt der Streifen eindrücklich und fast für jeden zugänglich, wie überfordert Ämter und Aussenstehende bei Familien mit Drogensüchtigen sind. Obwohl sogar ein Blinder es erkannt hätte, dass Mia bei ihrer Mutter am falschen Ort ist, unternahmen sie nichts. Im Nachhinein ist es sicher schwierig, nur einer einzelnen Person den schwarzen Peter zuzuschieben, da sicher an vielen Orten Fehler gemacht wurden, ähnlich übrigens wie bei den Verdingkindern.

Schlussfazit:
«Platzspitzbaby» ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Krass, dass solche Geschichten mitten in der Schweiz passiert sind und leider immer noch passieren. Es wird als Aufklärungsfilm und Präventionsmassnahme an Schulen hoffentlich bald Pflichtstoff und ersetzt den schon in die Jahre geratenen Film «Christiane F. – Wir Kinder von Bahnhofzoo». Neben den aufwühlenden Situationen mit einer drogensüchtigen Mutter zeigt der Streifen auch eindrücklich, wie stark das Band zwischen Mutter und Tochter sein kann. Hin und wieder gibt es sonnige Momente, die ein wenig Farbe ins Spiel bringen, doch schneller als man sie geniessen kann, gewinnt das Gift wieder Oberhand. Ich hätte der Hauptfigur den Moment der Klarheit früher gewünscht, denn es ist starker Tobak, den Sandrine ihrer Tochter immer wieder aufs Neue zumutet. Wenn die Sucht sogar wichtiger ist als das eigene Fleisch und Blut, dann gibt es nur eine Person, die einem aus dem Sumpf ziehen kann, nämlich man selbst.  

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