Sonntagsgedanken: Heimweh
Bild/Illu/Video: Marcus Duff / cascadas

Sonntagsgedanken: Heimweh

Kürzlich an einer Bushaltestelle. Ein junger Mann blickt um sich, sein Blick traurig. Was er wohl für Kummer hat? Am nächsten Tag die gleiche Szene. Auch am übernächsten. Soll ich ihn ansprechen? Aber was, wenn er mir von seinen Sorgen erzählt, die ich doch nicht lösen kann?


Tage vergehen. Immer wieder erblicke ich den Mann. Irgendwann fasse ich den Mut und spreche ihn an. Der junge Mann beginnt zu erzählen, dass er seit zweieinhalb Jahren hier in den wunderschönen Bergen lebe und sich hier sehr wohl fühle. Er habe eine gute Arbeit und seine Gastfamilie unterstütze ihn bei allem. Er habe alles, was man sich Wünschen könne. Es fehlen ihm materiell an nichts. Auch Freunde habe er gefunden. Er sei in einem Verein aktiv.


Ich spreche ihn auf seinen traurigen Blick an. Der junge Mann erzählt weiter. Jetzt, in denen es Frühling wird und Ostern vor der Tür stehe, da erinnere er sich an seine Heimat, seine Eltern und Geschwister. Es schmerze ihn und er vermisse sie so sehr. Die Traditionen an Ostern könne er teilweise zwar auch hier in der Schweiz leben, aber immer wieder erinnere er sich an seine Eltern. Und kürzlich habe er Bescheid bekommen, dass es seiner Grossmutter nicht gut gehe. Er mache sich grosse Sorgen, ob er sie nochmals sehen werde.


Ich rede noch eine ganze Zeit mit ihm. Irgendwann kommt der Bus. Er verabschiedet sich und steigt ein.


Einige Tage später sehe ich ihn wieder. Komme wieder mit ihm ins Gespräch und frage nach, weshalb er sich nicht eine Auszeit gönne und seine Familie besuche. Er erklärt, dass die Situation nicht einfach sei. Er sammle Geld damit er sich ein Flugticket leisten könne. Zudem müsse er noch einiges klären. Ich beschliesse spontan zu helfen. Schliesslich hat doch jeder das Recht seine Familie ab und zu besuchen. Gegen Heimweh kann man doch Abhilfe schaffen. Oder nicht?


Tage später übergebe dem jungen Mann Geld für ein Flugticket. Noch nie habe ich ihn so glücklich gesehen. Ein Strahlen, dass ich nie vergessen werde. Zum Abschluss knipse ich mit meinem Smartphone ein Foto von uns zwei. Wir verabschieden uns, der Flug sollte am nächsten Tag gehen. Nur für wenige Tage, sonst sei es zu gefährlich, meint er noch, als er davonspringt.


Tage vergehen, Wochen vergehen. Immer wieder laufe ich an der besagten Haltestelle vorbei. Eigentlich hätte er längst wieder zurück sein müssen. Aber niemand wartet auf den Bus.


Mir fällt auf, dass ich weder Name noch Adresse von dem jungen Mann kenne. War alles nur eine Masche? Wollte er einfach an mein Geld kommen? Ich erinnere mich an das gemeinsame Foto. Ich beschliesse an der Bushaltestelle ein Hinweis anzubringen: «Wer hat diesen jungen Mann gesehen?»


Tage vergehen. Eines Morgens sitzt eine ältere Dame an der Haltestelle. Sie hat Tränen in den Augen. Immer wieder blickt sie auf das von mir aufhängte Foto. Ich frage nach. Sie beginnt zu erzählen: Sie habe ihn aufgenommen, wie ihren eigenen Sohn. Alles konnte sie ihm geben. Sogar eine gute Arbeit. Aber das Heimweh habe ihn krank werden lassen. Eines Tages habe er erzählt, dass er Geld für einen Flug in seine Heimat habe. Er wisse um die Gefahren, aber er müsse es einfach tun. Alles sei gut gegangen. Am Telefon erzählte er, dass er von seiner sterbenden Grossmutter Abschied nehmen konnte und er seine Eltern endlich umarmen konnte. Er erzählte davon, dass er sich endlich entschuldigen konnte. Damals – in einer klaren Nacht – war er einfach von zu Hause abgehauen, ohne Nachricht – ohne Abschiedsworte.


Die ältere Frau erzählt weiter, er sei ohne Probleme über die Grenzen gekommen und im Heimatland nicht aufgefallen. Aber als sie ihn am Flughafen abholen wollte, da wurde er von der Polizei abgefangen und abgeführt.


Ich verstehe nicht. Anscheinend hatte der junge Mann eine grosse Last zu tragen, dass er sich nie seinen Eltern erklären konnte. Er musste ihnen einfach ins Gesicht schauen und um Vergebung bitten. Aber warum wird man deshalb verhaftet?

Die Frau zeigt auf den gegenüberliegenden Wohnblock. Da wohne ein Mann, auch er habe von den Reiseplänen gehört und die Polizei informiert.


Ich verstehe noch weniger.


Der junge Mann war vor vielen Jahren aus Afrika geflüchtet. Sein Kummer war so gross, dass er einen Aufenthalt in seinem Ursprungsland buchte – im Wissen alles aufgeben zu müssen, was er hier hatte. Er fiel dem Regime nicht auf und konnte nach einigen Tagen das Land wieder verlassen. Aber für den Nachbarn auf der anderen Strassenseite war klar: Dieser Mann ist nicht gefährdet. Wenn er «Urlaub» zu Hause machen kann, dann hat er hier nichts verloren. Er gehört nicht hierher.


Jetzt verstehe ich gar nichts mehr...


Wie gesagt, eine frei erfundene Geschichte. Aber sie soll uns etwas

zum Nachdenken anregen. Wenn wir jetzt in den Urlaub verreisen, können wir froh darüber sein, dass wir uns so frei bewegen dürfen.


Lars Gschwend, Religionspädagoge

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