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Stefan Millius veröffentlicht «Schreib!»
Bild/Illu/Video: Christian Imhof

Stefan Millius veröffentlicht «Schreib!»

«Bücher schreiben ist meine eigentliche Berufung, aber ich habe sie vernachlässigt, weil ich in den vergangenen Jahren mit so vielen anderen Dingen beschäftigt war», sagt Stefan Millius und doch habe es ihn im Sommer 2021 wieder mal so richtig in den Fingern gejuckt. «Ich wusste, ich muss dringend ausbrechen aus der aktuellen Nachrichtenlage rund um Corona, über die ich derzeit dauernd schreibe und stattdessen den Menschen, die mir zuhören wollen, etwas ganz anderes geben. Ich wollte eintauchen in meine eigene Vergangenheit in der Hoffnung, dass diese für viele Leserinnen und Leser ein Ansporn sein kann, selbst zu schreiben. Es klingt banal, aber das will ich mit «Schreib!» erreichen: Dass Menschen, die selbst schreiben wollen, den Mut dazu finden.»


Ein kleines Stück Unsterblichkeit
An Ideen mangle es ihm selten, doch man dürfe es nicht unterschätzen, sich auf einen Roman einzulassen sei immer eine grosse Mission. «Das sollte man nicht mal so nebenbei beschliessen. Ich habe eine eigene Firma, ich habe Kinder, ich habe eine Beziehung. Das alles ist wichtiger als irgendein Buch. Aber irgendwann wurde mir bewusst: Das Schreiben ist auch ein wesentlicher Teil meiner Existenz. Also musste ich damit wieder beginnen. Seien wir ehrlich: Wenn ich weg bin, ist es das, was von mir übrigbleibt: Ein Buch in irgendeinem Antiquariat. Es ist mein einziger Weg zu einem kleinen Stück Unsterblichkeit. Und das suchen wir doch alle.» Im Vergleich zu seinen anderen Werken «Himmelfahrtskommando», «Rättigen» und «66 Motive für Mord» sei «Schreib!» sehr viel persönlicher. «In der Regel tauche ich ja ein in pure Fiktion. Ich erfinde meist völlig neue Welten, die nichts mit mir selbst zu tun haben. «Schreib!» hingegen ist sehr autobiografisch, und das ziemlich schonungslos. Ich gehe ja auch sehr deutlich auf alle meine persönlichen Niederlagen ein, und das bewusst. Mir ist diese ganze positive Selbstdarstellung auf den sozialen Medien zuwider. Warum hat niemand mehr den Mut, zu seinen schlechten Seiten zu stehen?» Aber auch Millius hatte hin und wieder Hemmungen bei diesem Buch. «Ich habe nicht die Illusion, dass die ganze Welt wissen will, was in meinem Leben gut gelaufen ist und was nicht, ich bin ja keine Berühmtheit. Ich hoffe aber, dass einige dieser Erlebnisse einen Aha-Effekt auslösen können in Bezug auf das Handwerk des Schreibens. Ich wünsche mir, dass bei aller Ich-Zentriertheit, die das Buch ausstrahlen mag, meine Absicht klar wird: Dass mich sehr viele Leute beim Schreiben überflügeln.»

Wir brauchen mehr Geschichten
Die Anstiftung zum Schreiben ist im 261-Seiten starken Werk omnipräsent. Schreiben sei immer auch ein Kampf gegen Oberflächlichkeit. «Wir versinken alle in Youtube, TikTok und so weiter. Wir schauen zu, wie alle möglichen anderen Leute aus ihrem Leben erzählen. Meistens ziemlich belanglos und immer in Rosarot gefärbt. Wir werden allmählich alle zu reinen Konsumenten.» Millius befürchtet, dass dadurch die wahre Kunstform verloren geht: Geschichten zu erfinden. «Das ist eine Gabe, die wir alle mit der Geburt mitbekommen, aber irgendwann geht sie verloren. Ich möchte Leute inspirieren, dieses Geschenk wieder hervorzuholen. Wir nutzen unsere Erfindungsgabe viel zu wenig. Wir brauchen mehr gute Geschichten, dringend.» Im neuen Buch wird auch die Laufbahn von Millius als Journalist beleuchtet. Rückblickend würde er gar nichts auslassen. «Alles, was war, hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Das ist weit entfernt von perfekt, aber müssen wir denn perfekt sein? Heute strebt alles nach dem Idealbild, alle wollen sich vor den Zuschauern im Idealzustand präsentieren. Ich mag Brüche im Lebenslauf, ich mag das Unperfekte, denn das ist das, was uns zu Menschen macht. Wir würden alle gern dauernd vieles ungeschehen machen, aber die Frage ist doch: Sind wir dann noch wirklich wir? Mir fällt keine Station ein, die ich auslassen würde, nein. Ich habe auch aus dem gelernt, was schief ging.» Ähnliche Tipps gibt er auch jungen Journalisten mit auf den Weg. «Der jungen Generation wird gerne vorgegaukelt: Du kommst vorwärts, wenn du dich anpasst. In Wahrheit wird man damit einfach einer von vielen. Es ist ein harziger Weg, wenn man sich selbst bleibt, aber nur so sticht man aus der Masse heraus. Mein Aufruf auch in meinem Buch ist der zu einer eigenen Haltung. Schonungslos, auch wenn es manchmal weh tut. Wir denken zu oft darüber nach, was die anderen Leute von uns halten. Damit sollten wir aufräumen. Sich selbst treu zu sein ist die grösste Qualität.»

Corona ist nur eine Fussnote
Obwohl Stefan Millius selber einen Verlag besitzt, ist das Buch «Schreib!» beim Bündner Qultur Verlag erschienen. Das habe diverse Gründe. «Ich mag Leute, die etwas wagen. Ein junger, regionaler Verlag: Das gefällt mir.» In der Hochphase der Coronasituation habe er viele Anfragen von grossen Verlagen gehabt, die auf den Zug aufspringen wollten. «Die hätten gerne gehabt, dass ich einfach die aktuelle Situation abbilde. Keine Frage, damit könnte man aktuell viel Geld verdienen. Aber mir ist es wichtiger, echt zu bleiben und zu sagen, was ich wirklich sagen will. Ich wollte meine Geschichte erzählen, und der Qultur Verlag hat mir diese Möglichkeit geboten. Ich musste deshalb nicht lange darüber nachdenken.» Im neuen Buch geht es nur in einem kleinen Kapitel um Corona. Dies sei bewusst so, da er im Sommer des vergehenden Jahres einen Überdruss bei diesem Thema hatte. «Mich gibt es bald 50 Jahre, und plötzlich war ich nur noch Mister Corona für viele. Daran bin ich nicht unschuldig, ich habe mich ja auf das Thema gestürzt, weil ich es für wichtig hielt. Aber Ich mag mich nicht darauf reduzieren lassen. Das Thema Corona ist nur ein Stellvertreter für alles, an das ich glaube: Die Freiheit des Individuums, den Staat als notwendiges Übel. Dieses Buch soll das deutlich machen. Corona ist, so sehr es mich beschäftigt hat, nur eine Fussnote in meiner Geschichte.» Nochmals zehn Jahre auf das nächste Werk muss die Leserschaft übrigens nicht warten, denn er habe jetzt Blut geleckt. «Es gibt nichts Schöneres als den Geruch von frisch bedrucktem Papier.» Sein eigenes Buch wirke ausserdem ziemlich motivierend. «Ich kann ja schlecht der ganzen Welt verkünden, man solle Geschichten erfinden und es dann nicht selbst tun. Es wird deshalb in Zukunft sehr viel schneller gehen mit dem nächsten Buch. So viel Zeit bleibt mir ja nun auch wieder nicht.» Das Buch «Schreib!» von Stefan Millius kann auf www.shop.qultur.ch oder direkt in der Drucki Schiers erworben werden.

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