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Tankred Kiesmann und der politische Vampir
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Tankred Kiesmann und der politische Vampir

Gratulation zum neuen Werk. Wie happy bist du, dass es endlich erschienen ist?

Natürlich sehr happy. Man steckt doch eine gehörige Menge an Zeit und Energie in so ein Projekt und bis zum Schluss hat man ganz viele Gedanken im Kopf, was auf den letzten Metern noch alles schiefgehen kann. Deshalb ist die Geburt, das Erscheinen des Buches, etwas Befreiendes und die Freude darüber riesig.

Welche Geschichte wird in deinem neuen Buch erzählt?

Es geht um zwei unsterbliche Wesen, einen Vampir und einen Gargoyle, die in gewisser Weise der Menschheit zugetan sind. Beide haben unterschiedliche Auffassungen davon, wie sich die Menschen am besten entwickeln können. Und diesen in gewisser Weise moralischen Kampf fechten sie immer dann aus, wenn sich gerade ein großer Konflikt der Menschheitsgeschichte im Hintergrund abspielt. Der Vampir verabscheut jedwede Art von Ideologie und stellt sich in dem jeweiligen Konflikt auf die vermeintlich «gute» Seite, um den menschlichen Entwicklungsprozess zum Positiven zu beschleunigen. Dabei geht er jedoch auch über Leichen. Der Gargoyle glaubt eher an die Selbstlernfähigkeit der Menschen und möchte den Vampir an seiner Einflussnahme hindern. Mal hat er dabei Erfolg, mal nicht. Der Roman ist ein Episodenroman, eine Zeitreise durch verschiedene Epochen. Die erste Episode spielt im frühen Mittelalter, es gibt Episoden zum ersten Kreuzzug, zum schottischen Unabhängigkeitskrieg, zur Inquisition, zur NS-Zeit und einige mehr. Einige Episoden sind actionreicher und auch blutiger, andere Episoden sind eher stiller und ein kleiner Schuss Romantik ist auch mal drin. Der Konflikt der Protagonisten führt auch manchmal dazu, dass sie zusammenarbeiten und sich im Lauf der Jahrhunderte näherkommen.

Was fasziniert dich an diesen mystischen Wesen?

Die Unsterblichkeit. Ich bin fasziniert von dem Gedanken, wie es mir selbst ergehen würde, wenn ich diese Eigenschaft hätte. Würde ich lethargisch werden oder würde ich aktiv werden und versuchen, mich auf vielfältige Weise zu entfalten. Es gibt Leute, die meinen, es ist richtig, dass der Mensch sterblich ist, so erkennt er den Wert des Lebens. Das mag stimmen, doch trotzdem kann ich mich der Faszination des Gedankens nicht entziehen. Das Thema wird ja auch in der anspruchsvolleren Literatur (Mary Shelley «Der letzte Mensch», Simone de Beauvoir «Alle Menschen sind sterblich») aufgegriffen, da sogar mit allerletzter Konsequenz. Vampire können immer noch gepfählt, Gargoyles immer noch zerschmettert werden. Aber die Hauptperson von de Beauvoir ist unkaputtbar. Was macht das mit einem Menschen, wenn er sich der absoluten Unverletzbarkeit bewusst wird? Das ist natürlich alles spekulativ, aber für mich immer schon eine interessante Fragestellung gewesen.


Zum Gargoyle gibt es noch ein zusätzliches Faszinosum und das ist das Steinerne. Ich interessiere mich beispielsweise sehr für die Großstein- und Hünengräber aus der Jungsteinzeit. Im Urlaub besuche ich diese Stätten und frage mich, was die Menschen in der damaligen Zeit dazu getrieben hat, mit einfachsten zur Verfügung stehenden Mitteln solche aufwändigen Bauwerke zu errichten. Es sind Gräber, Stätten der Ahnenverehrung, die Jahrtausende überdauert haben. Auch heute noch strahlen diese Orte Ruhe und Kraft aus. Auf meinen Social Media Accounts habe ich eine Reihe, wo ich regelmäßig Beiträge über diese Stätten poste. Und um zum Gargoyle zurückzukehren: Ein jahrtausendealtes Steingrab und eine lebendige, uralte Steinfigur, da muss es doch Gemeinsamkeiten geben.


In den 90ern waren die Vampire düster. In den 00ern waren sie eher romantisiert. In welche Kategorie ordnest du deine Figur ein?

Romantisch sehe ich ihn nicht wirklich. Der Vampir in meinem Buch ist wütend, ungeduldig, hat aber schon einen guten Kern. Er ist sogar eher ein politischer Vampir. Es kommen auch ein paar seiner Artgenossen in dem Buch zur Sprache, und wenn ich mir die so anschaue, dann sind wir eher in den 90er Jahren.


Wie wichtig ist dir das phantasievolle Schreiben als Ausgleich zu deinen Sachtexten?

Es ist wichtig. Es verschafft den Gedanken Freiheit. Fantasy zu schreiben eröffnet mir mehr kreative Möglichkeiten. Ich habe deutlich mehr Gestaltungshoheit als bei Sachtexten, ich kann Welten erschaffen und mir Charaktere ausdenken. Ich muss aber auch dazu sagen, dass die Unterschiede im Prinzip nur im Inhaltlichen liegen. Genauso, wie bei einem Roman geplottet wird und es eine gewisse Struktur mit einem Handlungs- und Spannungsbogen braucht, muss ein Sachtext auch einen roten Faden haben und einem Konzept folgen. So gesehen befruchten sich beide Schreibweisen auch etwas.

Wie hat das damals bei dir angefangen mit dem professionellen Schreiben?

Geschrieben habe ich schon in der Jugend, hauptsächlich schlechte Gedichte und ein, zwei Novellen. Das hatte aber nichts mit Profession zu tun. Dann kam das Studium und der Beruf und ich habe mich eher auf das Lesen verlegt. Vor knapp zwei Jahren kamen im Beruf dann ein paar Dinge zusammen, so dass ich mich entschlossen habe, meinen Arbeitgeber unter Annahme eines Abfindungsangebots zu verlassen. Ich hatte mehrere Optionen im Kopf, was ich machen wollte. Schreiben war eine davon, weil ich wusste, dass ich es kann. Wir alle wissen, dass dann Corona kam, was naturgemäss einige der anderen Optionen stark eingeschränkt hat. Ich bin also auch etwas in die Thematik hineingeschlittert, habe es aber nicht bereut, den Schritt dann offensiv gegangen zu sein.


In der Regel schreiben Autoren, wenn ein neuer Roman von ihnen erscheint, schon am nächsten. Wie sieht das bei dir aus?
Ich falle auch unter diese Regel. Ich bin sogar schon einen Schritt weiter, weil ich meinen zweiten Roman kürzlich schon fertiggestellt habe. Aber wie das halt so ist, so ganz zufrieden ist man nie, ich schleife noch etwas daran herum. Wann und wie er seinen Weg in die Öffentlichkeit finden wird, ist noch vollkommen offen. Was ich allerdings sagen kann, ist Folgendes: Der Roman hat mit dem «Steinernen Gewissen» nichts zu tun, auch wenn Unsterblichkeit darin wieder ein Thema sein wird. Ich sitze parallel dazu schon am übernächsten Werk, zu dem ich jetzt aber wirklich noch nichts Genaueres sagen kann.

Mehr zu Tanrek Kiesmann findet ihr auf seiner offiziellen Webseite.

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