«Tekles Entscheidung»
Bild/Illu/Video: Christian Imhof

«Tekles Entscheidung»

An diesem Tag war das Meer ruhig, fast schon gelangweilt rollte eine kleine Welle nach der anderen den Sandstrand hoch. Tekle sah den Möwen zu, die sich um eine Muschel stritten. Er ist auch heute wieder den weiten Weg gelaufen, bis runter in den Hafen, dort wo sich die Männer treffen und sich einen freien Platz in den Booten erkauften, Hoffnung erkauften. Der Handel muss schnell gehen, wenn das Militär kommt soll er wegrennen, hat einer zu ihm gesagt.


Tekle hat Angst, er ist kein guter Schwimmer und das Meer ist tief. Eigentlich möchte er doch nur Leben und nicht ohne Hoffnung untergehen. Es bleibt heute sonnig, dass Meer ist ruhig, hat einer zu ihm gesagt. Obwohl er den Preis runterhandeln konnte, ist ein Platz im Boot für ihn noch immer zu teuer. Ein anderer sagt, er borge ihm das Geld, er könne es dann in Europa abarbeiten. Tekle aber hadert, hadert mit seinem Schicksal und über seine unendliche Armut. Eine Möwe fliegt über ihn hinweg aufs offene Meer hinaus und es ist für ihn schier unbegreiflich, aber Europa ist so nah. Er beobachtet die Männer um ihn herum, sieht Hoffnung, Mut und fühlt jenes Ziehen, dass er bis jetzt nicht gekannt hat. Alle gingen den denselben Weg, alle sahen die Hölle. Er steht vor diesen Menschenschmugglern mit den dunklen Augen. Ausgeliefert. Es ist still geworden.


«In Europa soll es auf den Feldern Arbeit geben» sagt einer.

«Ich habe gehört, in der Schweiz sind wir willkommen.» ,sagt ein anderer.


«Da soll es kalt sein» entgegnet ein weiterer.

«Kälter als hier – wohl kaum! Afrika ist tot!» sagt der erste.


Jetzt muss er sich entscheiden, für ein Leben fernab von Mila und einem Leben in Europa, dass Suchenden wenig zu lässt.


«Bald sind wir Treibende zwischen zwei Kontinenten» sagt einer.

Tekle hat sich entschieden und nimmt das Geld, denn er hat nichts mehr zu verlieren als das wenige, das er besitzt. Sein Herz aber gehört Mila, er wird es an diesem Ort zurücklassen.

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