10 Wilson 10 Maramber 10 Hendrik Freischlader
«Unbedeutende Zufriedenheit»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Unbedeutende Zufriedenheit»

Es gibt Zusammenhänge und Zusammenhänge. Manche sind offensichtlicher, manche werden kaum beachtet. Trotzdem bleiben es Zusammenhänge. Klar ist, ohne Milch kein Käse, weniger klar ist, dass es ohne Buchstaben keine Sätze gibt. Wer denkt darüber nach? In der Sprache spielen Sätze eine zentrale Rolle, sie sind die Möglichkeit Gedanken in Texten oder Gesprächen zu formulieren. Einzelne Worte werden bereits häufig gedanklich übergangen, obwohl ein Wort bei einer Aussage entscheidend sein kann – eben der Unterschied zwischen einem Blitz und einem Glühwürmchen. Wer denkt da noch an Buchstaben, die alleine für sich keinen Sinn ergeben? Sie sind kein Thema, obwohl sie – bei genauer Überlegung - die Grundlage von Worten, Sätzen und der Sprache sind.


Nicht immer ist eine Sache, die sie nach aussen zu sein scheint. Es stellt sich die Frage nach dem Sein, nach der echten Identität, nicht der Rolle oder dem Namen – dem Schein. Bei näherer Betrachtung werden aus Giganten Zwerge und umgekehrt. Mit solchen Gedanken befasste sich auch eine abendliche Runde von Buchstaben in ihrem Stammlokal nach Feierabend. «Ein Auto ist nicht einfach ein Auto, ein Auto sind Räder, Chassis, Bremsen, Motor und so weiter», sagte F zu K und E stimmt zu. «Warum wird es als Auto bezeichnet und alle Elemente, welche es erst nutzbar machen, als selbstverständlich betrachtet?», fragt F weiter. Ob dieser Frage stockt das Gespräch und alle beginnen darüber nachzudenken, was ihre Rolle ist. Danach geht die Runde auseinander, das Thema ist aber nicht vergessen.


Lange sprechen die Buchstaben nicht mehr darüber. Sie erfüllten ihre Pflicht, denken sich zwar gelegentlich ihren Teil, aber sie sagen – nichts. Nicht jeden drängt es ins Rampenlicht und Verantwortung kann man auch übernehmen, ohne alle zu übertönen, basierend auf dem aufgeblähten Ich. Dieses Denken führt zu Unzufriedenheit und Problemen, da Ich der wichtigste Standpunkt wird. Viele Buchstaben wissen das, von den Worten noch einige und von den Sätzen niemand mehr. Zugegeben: Es ist schwierig sein Ich auf ein gesundes Mass zu reduzieren, wenn man ständig im Vordergrund und im Rampenlicht steht. Man verliert den Bezug zur Realität.


Eines Tages geraten einige Worte und Sätze aneinander. Der Grund ist schnell vergessen, offenbar spielte er keine entscheidende Rolle. Jedenfalls fühlen sich die Worte in ihrer Bedeutung zurückgesetzt und die Sätze sind nicht bereit, etwas von ihrer Aufmerksamkeit abzugeben. Für die Sätze ist die Hierarchie gegeben, aus dem übersteigerten Ich wurde Gewohnheitsrecht. So stossen die Angst an Bedeutung zu verlieren und die Unzufriedenheit seine Bedeutung nicht mehr steigern zu können aneinander. Es kommt zur emotionalen Frontalkollision. Von da an ist das Verhältnis zwischen Sätzen und Worten getrübt. Diese Neuigkeit macht so schnell die Runde, dass auch die Buchstaben davon hören.


Doch wie Buchstaben nun einmal sind, mischen sie sich nicht in die Unstimmigkeit ein. Sie werden am Endes ohnehin weder von Worten oder Sätzen besonders beachtet. Sollten diese ihr Problem alleine lösen. Zwar haben die Buchstaben Ideen, wie man ein solches Dilemma aus der Welt schaffen konnte, doch ungefragte Ratgeber sind meist ungehörte Ratgeber oder die berühmten, einsamen Rufer in der Wüste. Sie leben weiter ungestört und unbeachtet ihr Leben. Gestört werden Ruhe und Frieden einzig durch gelegentliche Einflüsse, die auf den Konflikt zurückzuführen sind. Aber das ist nicht bedeutend. Keine Bedeutung zu haben, ist auch ein Vorteil, man steht nicht in der Verantwortung.


So lange die Geschichte auf sachlicher Ebene abläuft, ist alles in Ordnung. Aber wie so oft kommt es bald anders, Politik wird ins Spiel gebracht. Spätestens dann sind Probleme traditionell vorprogrammiert. Worte und Sätze beginnen «auf den Mann zu spielen» und hätten sich dabei als Verstärkung die Buchstaben gewünscht. Ob diese das allerdings auch wollen, interessiert beide nicht, es geht ja schliesslich nicht um deren Interessen. Bei einigen Buchstaben löst das ein unangenehmes Gefühl aus, andere erkennen bereits jetzt, wohin das führen könnte. Frieden ade.


Die Meinungen, wie sie damit umgehen sollte, gehen bei den Buchstaben auseinander. Einige sind der Meinung, dass man diese neue Rolle als Königsmacher nutzen sollte, um die eigene Position zu stärken - sich nachhaltig in Erinnerung zu rufen. Andere haben dabei kein gutes Gefühl, wie gesagt: nicht jeder steht gern im Rampenlicht und schätzt es, wenn er in Ruhe seine Arbeit machen kann. Es gibt eben auch jene, denen die Aufgabe genug ist sich zu motivieren, ohne Fremdvergleich und Geltungsdrang.


Nach mehreren Anfragen beider Streitparteien und zahlreichen internen Diskussionen entscheiden sich die Buchstaben eine Versammlung einzuberufen. Mit eingeladen sind die Umlaute, welche sich ihnen verbunden fühlen. Zahlreiche Voten liegen bald vor, mit Lösungsvorschlägen in alle Richtungen und teilweise widersprüchlich. Vielleicht ist es doch keine so gute Idee gewesen. Letztlich setzt sich der Vorschlag einer anfänglichen Minderheit durch, ihr gehörten F, L, V und Z an. Die Vereinigung der Sprachen soll schlichten und die Buchstaben sollen sich nicht direkt einmischen. Aber wenigstens einen brauchbaren Lösungsansatz wollen sie so präsentieren.


F, L, V und Z erklärten sich bereit den Kontakt herzustellen und die Idee zu präsentieren. Im Namen aller Buchstaben. A und O boten ihre Unterstützung an, die dankbar angenommen wird. Die Delegation erläuterte der Vereinigung Idee, Problem und die eigene Position, die nicht dazu geeignet ist, diese Verantwortung zu übernehmen.


Erleichtert wird den Buchstaben die Aufgabe durch erste, negative Erfahrungen auf Grund des Konfliktes. Gemeinsam wird die Strategie entwickelt, wobei sich die Buchstaben bewusst im Hintergrund halten, ohne ihren Beitrag zu vernachlässigen. Zufrieden geht man auseinander, mit einem guten Gefühl und einer grossen Erleichterung.

Worte und Sätze sind mit dem Vorschlag nicht glücklich. Beide hatten sich mehr erhofft. Doch der Vernunft wollen beide nicht im Wege stehen, denn wer immer das täte, hätte sich kaum als grosser Gewinner gezeigt. Wie sagte einst Loriot? «In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen, Idioten suchen nach Schuldigen.» Ja, den grossen Loriot kennen Sätze, Worte und Buchstaben bestens, immerhin hatte er sie humorvoll ins beste Licht gerückt. Sie vermissen seinen gekonnten Umgang mit der Sprache, angesichts zahlreicher Comedians, welche für oberflächliche Inhalte einen enormen Aufwand betreiben.


Tatsächlich ist die Einigungskonferenz der Vereinigung der Sprachen ein Erfolg. Schritt für Schritt bringen sie Worte und Sätze an einen Tisch und lösen das Problem, dessen Ursache beidseitig längst vergessen ist. Das Treffen endet mit dem Auftrag an die gemeinsame Delegation einen neuen Zusammenarbeitsvertrag zu entwerfen, dem beide Parteien unabhängig voneinander zustimmen sollten. Das war zwar ist die schnellste Lösung, aber sie ist solide und sollte eine Weile halten. Darauf legen Vereinigung der Sprachen und Buchstaben grossen Wert.


Die Rolle der Buchstaben als Ideengeber und Vermittler ist zu Anfang präsent und wird verdankt – mit Worten. Doch je länger der Prozess dauert, umso mehr rückt das in den Hintergrund. Aber da diese ohnehin nicht auf die Sammlung von Pokalen, Titeln oder Lorbeerkränzen aus sind, empfinden sie diesen Zustand als angenehm. Nach einiger Zeit ist der Vertrag von beiden Seiten ratifiziert worden, und alles geht wieder seinen gewohnten Gang. Eines hat sich jedoch geändert: Die Buchstaben erinnern sich an ihren wertvollen Beitrag zum Frieden. Das gibt ihnen ein Gefühl von Bedeutung und Zufriedenheit und diesen Zustand empfinden sie als Gewinn.



















Persönliche Bio des Autors:

Was bleibt, wenn man sich ein Leben lang mit Journalismus, PR, Kommunikation befasst? Die Antwort auf die Frage lautet: ein literarisches Werk. Also habe ich begonnen Bücher zu schreiben. Dabei greife ich als langjähriger Medienschaffender gerne auf den wichtigsten Wert zurück, der mich schon immer fasziniert hat – es ist der Mensch. Mein Weg war so nicht vorgezeichnet. Zum Journalismus kam ich über eine Ausbildung zum Maurer und Büroangestellten. Es folgten verschiedene Weiterbildungen und ein Abstecher in die Werbebranche, der sich als krachende Bruchlandung erwies, denn in der Welt des Scheins bin ich nicht zu Hause. Meine Heimat ist das Sein. Dazwischen lagen ungewöhnliche Lebensepisoden, zum Beispiel beim Zirkus. Ich blicke auf keinen geraden Lebenslauf zurück und das empfinde ich als Vorteil. Die Leidenschaft für das Wort ist der rote Faden in meinem Leben. Geboren in Österreich und eingebürgert in der Schweiz, lebe ich heute in Appenzell. Herbert Grönemeyer hat das Leben treffend beschrieben: «Bleibt alles anders.» Hinschauen, hinhören, Zeit zum Nachdenken und geistige Offenheit sind besonders wichtig. Damit kann man zwar anecken, aber daraus kann wieder eine Geschichte entstehen, die unbedingt erzählt werden sollte...


Weitere Erläuterungen:

Sein neues Buch, «Aus dem Leben eines Sensenmannes», sollte noch dieses Jahr erscheinen. Das Datum steht aber noch nicht fest.

ISBN-Nummer:

978-3949255052

Link zum Autor:

www.thomas-riesen.ch und www.instagram.com/riesen.thomas/

Link zum Verlag:

www.info-verlag.de/

Themenverwandte Artikel

«Alles Liebe - XXX»
Bild/Illu/Video: Andrys Stienstra

«Alles Liebe - XXX»

«Feuer»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Feuer»

«Traumtänzerin»
Bild/Illu/Video: Annette Sutter

«Traumtänzerin»

«Endloses Warten»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Endloses Warten»

«Der Hypnotiseur»
Bild/Illu/Video: Milena Rominger

«Der Hypnotiseur»

Empfohlene Artikel