Väterliche Entfremdung
Bild/Illu/Video: Lucas J. Fritz

Väterliche Entfremdung

Es gibt Geschichten über Väter und Söhne, die sich lieben trotz aller Widrigkeiten. Geschichten darüber, wie der Sohn den Vater oder der Vater den Sohn vor dem Übel und den Gefahren der Welt rettet. Süchtige Väter werden von ihren Söhnen nicht verstossen, die sie trotz allem zu lieben scheinen. Kaltherzige Kinder, Kinder ohne Verlangen nach Liebe und Geborgenheit, werden von ihren Vätern in aller Liebe erzogen und errettet. Diese Geschichten handeln von Sehnsucht und Zuneigung. Selten wird die Kehrseite der Münze erzählt. Kaum einer erzählt davon, wenn Vater und Sohn einander fremd werden oder es schon immer waren.


Die Verschiedenartigkeit von menschlichen Individuen kann glühendes Glück und Liebe oder tiefste Abneigung, Furcht oder Hass in den Beziehungen zwischen den Menschen hervorrufen.


Dazwischen scheint mir die absolute Gleichgültigkeit zu liegen. Und Entfremdung entsteht aus Gleichgültigkeit heraus. Vielleicht entsteht die Gleichgültigkeit auch aus der Entfremdung durch Veränderung und Zeit. Gleichgültigkeit ist als ob man sich ohne Wasser und Nahrung mitten in der Wüste befindet, man stirbt langsam und qualvoll daran. Doch soll dieser Prozess des sich Fremdwerdens künstlich aufgehalten werden, weil es sich um die Familie handelt?


Soll nicht aufgegeben werden, sich umeinander zu sorgen, auch wenn nichts einem verbindet ausser die Gegensätzlichkeit? Ist nicht das Leben ein ständiges Auf und Ab, sich kennenlernen und fremdwerden, ausgerechnet wenn es sich um die Familie handelt, darf es nicht sein, weil es gesellschaftlich vor allem von älteren Generationen nicht akzeptiert wird.


Früher hielten Familien zusammen, wider aller Widrigkeiten, denn anders ging es nicht. Die Menschen waren aufeinander angewiesen. Scheidungen wurden nicht gern gesehen, auch fehlten die Mittel um zwei Haushalte zeitgleich zu führen. Das Kind, das zwischen Mutter und Vater entstand, wem ist es eher zugehörig? Der Mutter, weil es in ihrem Leib heranwuchs? Dem Vater, weil er genauso seinen Teil dazu beitrug?


Ist ein Mann überhaupt noch ein Vater, wenn er sich nicht um das Kind kümmert? Distanz, Abwesenheit und Veränderung lassen die Liebe vergehen. Doch muss Liebe begründet werden? Liebe ist existentiell für ein menschliches Wesen. Was geschieht mit der Liebe, wenn sich niemand um sie kümmert? Fehlt der Wille ganz, so ist die Entfremdung vollkommen.


Wieder ergibt sich die Frage nach der Schuld. Hätte der andere, … dann hätte ich gewusst, … Eine tiefe Erkenntnis, die mir ausgerechnet bei der Armee zuteil wurde lautet: Es gibt keine Schuld. Sie ist ein Konstrukt von Moral und ebendiese erleichtert zwar das Leben, indem es unserem Verhalten Grenzen setzt, doch es zerstört die Ursprünglichkeit von richtig und falsch, erlaubt und verboten oder gut und böse. Doch, was ist schon nur schwarz oder weiss.


Ausgerechnet an einem Ort, an den ich ging, weil ich mich dem eigenen Land verpflichtet, ja sogar schuldig gegenüber fühlte, fand ich heraus, dass dies alles bloss Trug war. Niemandem gebe ich die Schuld, auch nicht dem mir so fremden Vater, der diese Gedanken und dieses Gefühl in mir erweckte… wie könnte ich auch.


Wir sind alle schuldig und doch sind wir es nicht.

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