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Vom Clown, der nicht nur glücklich ist

Der Tollpatschige. Der Lustige. Der, der fast immer lachte. Oder vielleicht auch nicht?


Erinnert ihr euch an den Bilderbuchklassiker «Die dumme Augustine» von Otfried Preussler? Auch da bestaunte ich das bunte Zirkusleben. Ich war überrascht, als ich das Kinderbuch etliche Jahre später meinen Kindern erzählte und die Geschichte aus einem völlig anderen Blickwinkel verstand.


Geteilter Applaus

Da ging‘s ja gar nicht nur um das schöne Zirkusleben zwischen Wohnwagen, Tieren, Zirkuszelt und Lustigtrallala. Da war ja eine dreifache Mutter und Hausfrau, die damit nicht glücklich war, sich ausschliesslich um Haushalt und Co zu kümmern. Doch ihr Wunsch nach Selbstverwirklichung wurde von ihrem Mann, dem Zirkusclown, weder akzeptiert noch verstanden. Erst als der «dumme August» wegen Zahnschmerzen einen Zirkusauftritt nicht wahrnehmen kann, nützt sie die Situation aus, ihn in der Manege zu vertreten, und erhält Applaus im Rampenlicht. Und gleichzeitig das Eingeständnis ihres Ehemannes, sie komplett unterschätzt zu haben, und seinen Willen, mit ihr von nun an das Rampenlicht sowie die Hausarbeit und Kinderbetreuung zu teilen.


Joker

Ein Clown ist halt eben nicht nur ein Clown. Wie «clownig» ist sein Leben denn wirklich? Und wann ist sein Lachen ein Lachen? Da gehe ich noch ein paar Schritte weiter und erinnere an den Clown des Schweizer Nationalcircus Knie, der sich vor rund einem Jahr das Leben genommen hat. Ein Mensch, der sich fast sein ganzes Leben lang als Clown präsentierte und anscheinend nach seinem Bühnenauftritt nicht viel zu lachen hatte. Das erinnert mich an den kürzlich gestarteten Kinofilm «Joker», den ich auf Empfehlung eines guten Freundes angesehen habe. Ein Clown, der trauriger wohl nicht sein kann und von einem Schicksalsschlag zum nächsten geworfen wird. Bis er sogar zum Mörder wird. Menschen in Anzügen grinsen in diesem Film mit vermeintlich unbeschriebenen Westen selbstgefällig in die Kamera. Preisen die Menschen, die sich dem System anpassen und «es zu etwas gebracht haben». Sie nehmen sich das Recht, über die anderen, die «Randständigen», zu lachen, sich über sie lustig zu machen. Fühlen mit ihresgleichen mit, während sie «die Minderwertigen» ignorieren oder vergessen.


«Stopp» schreien

Ich glaube nicht, dass es sich bei diesem Film um Gewaltverherrlichung dreht, wie so manche befürchten. Das Töten stellt für mich sinnbildlich das Erlangen des Glaubens an sich selbst dar. Das «Stopp» schreien und Grenzen zeigen.  Es geht meiner Ansicht nicht darum, anderen das Leben zu nehmen, sondern sich selbst eines zu geben. Ich beobachte den Aufstand und wie sie – auch wenn sie die Kriterien der Gesellschaft nicht erfüllen – in ihre eigene Kraft kommen und «Ich bin auch da – ich bin es auch wert, gesehen zu werden!» schreien und sich auf einmal auf Augenhöhe mit den anderen wiederfinden. Gar nicht so weit weg von der «dummen Augustine», die ihre Chance ergreift, um sich und ihren Wert zu zeigen und selbst zu erkennen. Ohne Gewalt. Aber mit viel Mut und Selbstwert. Und dem Glauben an das Gute.

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