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Von der Unsicherheit des zweiten Schweizer Frauen*streiks
Bild/Illu/Video: Lisa Leu

Von der Unsicherheit des zweiten Schweizer Frauen*streiks

Doch aller Unsicherheit zum Trotz kommt der Tag, an dem gestreikt werden soll, welch unglaubliche Überraschung. Auch hier zeigt sich meine Unsicherheit. Darf ich einen Abstecher an den Oberen Letten machen an meinem Streiktag? Sünnala gegen das Establishment, sozusagen? Auf dem Weg dahin treffe ich Gruppen von Frauen, die Eistee verteilen, singen, gemütlich am Strassenrand sitzen, sich die Nägel lackieren, überall sind sie und doch ist dies noch nicht so eindrucksvoll, irgendwie. Unfeministische Zweifel steigen in mir hoch.


Vor der Demo dann ein Apéro mit meinen lieben Mitarbeiterinnen, man soll sich schliesslich mit seinen Arbeitsgspöndli zusammentun zum Streik, und Apero hat sowieso noch nie geschadet. Doch das Idyll des Gartens und die Qualität des Champagners im Glas helfen nicht, diesem Tag das erwartete Gewicht zu verleihen. Kann eine Revolution tatsächlich so gemütlich sein? Und darf sie das?


Irgendwie erleichternd, als wir dann zum Marsch aufbrechen. Das hat offiziellen Charakter. Endlich macht man was! Und mit man meine ich natürlich meine Frauen*gruppe, wohlgekleidet, mit Sonnencreme eingecremt und mit Champagnergläser bewaffnet. «Smashing the patriarchy with style and foresight», jawohl!


Spätestens im Getümmel der geschätzt 160’000 (!) Frauen* schmilzt jedoch all die Unsicherheit dahin. Gänsehaut. Tausende, die durch die Strassen ziehen, Tanzen, jubeln, mit ihren vielfältigen Forderungen, solidarisch, ohne Gewalt, vom Kleinkind bis zum Nani, gemeinsam, ein violettes Meer, ohne sich gegenseitig den Platz zu nehmen – politisch als auch wortwörtlich - und ohne Berge von Müll zu hinterlassen.  Eine Utopie, wie ich, und die meisten Frauen am Event, sie noch nie erlebt haben. Und so spülen wir durch die Strassen, 160'000 Menschen gemeinsam und ich denke mir dabei, dass das alles schon ziemlich abgefahren ist.


Und jetzt?


Zeit Tacheles zu reden liebe*r Leser*in. War dies eine unglaubliche Erfahrung? Ja! War dies ein historisches Ereignis? Absolut. Aber hat es denn überhaupt etwas gebracht? Jein. Und bevor Sie sich jetzt über diese Aussage erzürnen, frech so was, was ich mir wohl erlaube, so etwas zu sagen, lassen Sie mich erklären. Was ich damit meine: Der Frauenstreik wird nicht die Welt verändern. Er wird auch nicht die Schweiz verändern. Und wenn doch, dann geht das bestimmt noch viele, viele Jahre, direkte Demokratie halt, kännsch? Und trotzdem war dieser Tag so, so wichtig, für das Zeichen, das wir gesetzt haben, für all die Gespräche, die über Wochen vor dem Streik geführt wurden und für das kollektive Wiederentdecken der Kraft des Weiblichen.


Und selbst wenn man das Politikum aus dem Frauen*streik nehmen sollte, was doch gern getan wird, schliesslich “weiss (man) nicht, was diese Frauen* noch wollen, sie haben doch schon alles” wie Truman Capote schon anfangs 80er zu Journalist Lawrence Grobel gesagt hat, selbst wenn man all die diversen Forderungen ignoriert, sich sowohl dem Thema des Veganismus als Schutz von Muttertieren, des verlängerten Mutter- & Vaterschafturlaub oder aber der Forderung nach der Pille für den Mann verweigert, ja selbst wenn man der felsenfesten Überzeugen ist, dass Frau* einfach einen Tag frei haben wollte, kann man die Macht dieses Frauen*streikes nicht leugnen. Und das sollte Grund genug sein, es wieder und wieder zu tun. Viva La Vulva!

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