Wählst du die rote oder die blaue Pille?
Bild/Illu/Video: Claudia Bucheli

Wählst du die rote oder die blaue Pille?

Ah! Stopp! Langsam kommen gewisse Erinnerungsbruchstücke zurück. Da war doch «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo», mit dem uns die Lehrer während des Schulunterrichts «die Augen öffnen» wollten. In mir löste das Schicksal von Christiane F. eine Mischung aus Neugierde, Faszination und Abschreckung aus.

Bücher und Filme, in denen ich mich wiedererkennen wollte
Ansonsten war ich wohl mit «Mädelsgeschichten» beschäftigt. Mit «La Boum», wo ich die 13-jährige Vic, gespielt von der schönen Sophie Marceau, bewunderte. Oder ich schaute mir die Familienferien von Frances, genannt «Baby», an, die zuerst scheu und zurückhaltend «eine Wassermelone trug» und die Vorschriften ihrer Eltern brav eingehalten hat. Bis sie sich in den schönen Tanzlehrer der Ferienanlage verliebte und er sich - *hach* - natürlich auch in sie. Beziehungsdramen waren zu der Zeit wohl sehr prioritär für mich. Ich verschlang sie in Unmengen. Bücher, in denen ich mich als junge Frau wiedererkennen wollte. Und zum Ausgleich durften es dann ein paar Krimis sein. Von Agatha Christie.

Liebe. Spannung. Gewalt.
Wie sieht Jugendliteratur heute aus? Welche Werte wollen vermittelt werden? Kaum habe ich mir diese Frage gestellt, wird mir Einblick in das neuste Werk der Ostschweizer Jugendbuchautorin Alice Gabathuler geboten. «Krawallnacht» heisst das im September erschienene Buch. Auch da geht es um die Liebe (wo nicht?). Verpackt und eingebettet in eine Geschichte mit viel Spannung und Action und der Konfrontation mit dem Thema «Gewalt». Entscheidungen müssen getroffen werden. Mit dem Hin-und-Hergerissen-sein und der Frage «Habe ich den Mut dazu, ganz aufrichtig zu handeln und zu sein?».


Freitag bis Montag
Alina und Linus lernen sich in einem Chat kennen und verabreden sich in Luzern zu einem Blind-Date. Und zwar genau an dem Tag, an dem die Stadt von Randalierern heimgesucht wird, die «das System lahmlegen wollen». Währenddessen versucht sich Kilian von seiner Vergangenheit zu lösen und zu sich zu finden. Um seine Träume möglich zu machen. Die Geschichte beginnt an einem Freitag. Mit Neid, Traurigkeit und «Nicht-gesehen-werden» bei Alina und dem Ehrgeiz von Kilian. Und sie endet am Montag. Mit Verantwortung übernehmen. Dem «Sich öffnen». Klaren Worten. Und: Der Wahrheit.

Das eine Buch sind zwei
Was ich ganz besonders finde an diesem Buch: Es sind zwei! Ja, ihr habt richtig gelesen: Das eine Buch sind zwei. Weil die Autorin eine Geschichte aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt. Was in mir schon fast den Drang auslöste, auch die Sichtweisen der anderen involvierten Personen beleuchten zu wollen. Besonders die der «Übeltäter» und wie es zu dieser grossen Wut und Gewaltbereitschaft gekommen ist. Und wie sieht es aus mit der Gefühlswelt von Alinas Schwester, die in diesem Buch als Gewinnertyp dargestellt wird? Ob sie das auch so empfindet? Ich bin ja mal gespannt, ob hier noch Buch drei, vier oder sogar fünf entstehen.

Bleiben oder befreien?
Im Übrigen macht die Autorin die jungen Menschen in diesem Buch aufmerksam auf Neo und Trinity. Die Welt von Matrix, dem Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1999, der den wichtigen Entscheid auf folgende Fragen enthält: Nimmst du die blaue Pille, um in deinem bisherigen Leben zu bleiben, in einer simulierten, computergenerierten Traumwelt, der «Matrix», in der du ein gefangener Sklave bist? Oder entscheidest du dich für die rote Pille, die für die Befreiung steht, für die Wahrheit? I like! Denn ist der erste Schritt zur Wahrheit nicht der erste Schritt zur Liebe?


Buchinfo

Krawallnacht von Alice Gabathuler
Verlag: Da Bux
ISBN 978-3-906876-14-6
1. Auflage 2019
60 Seiten

Infos zu den Büchern gibt's hier.


Alice Gabathuler ist seit Oktober 2019 im Kanton Graubünden «on tour» und stellt ihr Buch bei Lesungen an Bündner Schulen vor.


FRAGEN an die Autorin

Sie haben schon einige Jugendbücher geschrieben. Wieso wollen Sie genau die jungen Leute ansprechen?

Fast nichts ist so spannend wie die Schwelle zwischen Kind- und Erwachsenenleben. Es ist eine herausfordernde Zeit, in der man auf der Suche nach der Person ist, die man gerne werden möchte. Vieles erlebt man zum ersten Mal und deshalb sehr intensiv. Geschichten für junge Leute zu schreiben bedeutet, ein Stück des Weges mit ihnen zu gehen, ihnen nicht zuletzt auch die Möglichkeit geben, sich mit den Romanfiguren zu identifizieren.


Wie schaffen Sie es, sich so gut in die Jugendlichen, deren Themen und Sprache hineinzuversetzen?

Wahrscheinlich, weil ich mich sehr gut daran erinnere, wie es war, jung zu sein. Zudem mache ich jedes Jahr mehr als hundert Lesungen bei Jugendlichen und kann hautnah miterleben, wie sie miteinander umgehen, wie sie sich verhalten, wie sie reden, was ihnen wichtig ist.


Wieso die Idee von zwei Perspektiven einer Geschichte?

Wie oft hören wir den Satz: Es gibt immer mehr als eine Seite einer Geschichte. Also habe ich die Chance gepackt und genau das gezeigt. Es war übrigens eines der spannendsten Schreibexperimente, die ich je gemacht habe.


Es geht in diesen neusten Büchern unter anderem darum, die Wahrheit auszusprechen, zu sich zu stehen und für das eigene Ziel zu kämpfen. Weshalb möchten Sie die Jugendlichen genau mit diesen Themen konfrontieren?

Weil mir diese Werte wichtig sind. Mir ist es ein Anliegen, die Jugendlichen zu ermutigen, sich selbst zu sein. Ihnen zu zeigen, dass sie in Ordnung sind, auch wenn sie vielleicht als sperrig oder als «anders» gelten.  Und ich möchte, dass sie entdecken und erleben, was Antoine de St. Exupéry geschrieben hat: Man sieht nur mit dem Herzen gut.


Sie machen mit diesen Büchern – so wie ich vermute sehr bewusst – aufmerksam auf den Film Matrix. Weshalb ist das für Sie wichtig?

Der erste der drei Matrix Filme ist mein Lieblingsfilm. Ich mag die Figuren, vor allem die starke Trinity. Und natürlich mag ich die Aussage des Films – und die Szene mit der roten und der blauen Pille. Es gibt Leute, die wandern durchs Leben, ohne sich je wirklich für etwas zu entscheiden; ich finde es wichtig, dass man Entscheide trifft. Sie dürfen auch mal falsch sein, das gehört dazu.


Wie kommt es, dass Sie sich für eine Story mit sehr viel Gewalt und Konfrontation entschieden haben?

Gewalt ist überall. Verborgen im Privaten, öffentlich, in Konflikten, in Kriegen. Mich interessiert die Alltagsgewalt. Die Art, wie wir sie erleben und hinnehmen oder ihr uns entgegenstellen. Mich interessiert, was sie mit uns macht und wie wir mit ihr umgehen.


Wie erleben Sie die jungen Menschen bisher bei Ihren Lesungen von «Krawallnacht»? Wie sind die Feedbacks?

Die beiden Geschichten sind erst gerade herausgekommen. Ich kann deshalb noch nicht viel dazu sagen. Ausser: Es sind schon viele Klassensätze gekauft worden. Ich interpretiere das so, dass ich nicht die Einzige bin, die das Thema umtreibt.

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