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«Wann?»

«Wann?»

Wieder ein Tag um.

Wieder liege ich im Bett und Gedanken stürmen meinen Kopf.

Müdigkeit hatte sich schwer auf allen Fasern meines Körpers verteilt. Jegliche Bewegung erzeugt Widerstand. Die Augen brennen. Ruhelos winde ich mich hin und her. Keine Position will die geeignete sein. Minuten, Stunden verstreichen. Schlafen. Einfach nur schlafen.

Doch der Kopf hat andere Pläne. Bilder, Töne, Lebensereignisse feuert er in endlosen Salven. Alles gleichzeitig. Ein Konvolut aus Vergangenheit, Gegenwart und Ereignissen, die eventuell kommen mögen. Dabei stellt sich die Frage nach der Dringlichkeit dieser Gedankenfetzen und Ideensplitter nicht einmal im Ansatz.


Nur zu gut kannte ich diesen Zustand aus dem Krankenhaus. Ein Dämmerzustand ohne Struktur. Tage verschwammen zu einem Brei, wie auch die Nächte. Leben im Halbschlaf.


Die Ärzte meinten, es läge an fehlenden Eindrücken und Aktivitäten. Dem konnte ich nur zustimmen. Zwei Monate Krankenhaus und Reha. Zu Hause ging es weiter. Erst nach Wochen zeigten sich Fortschritte. Voller Ungeduld arbeitete ich auf «Normalität» hin, wieder am Leben teilhaben, wenn auch mit Einschränkungen. Buchmesse besuchen, Freunde treffen, das Hirn mit neuen Bildern und Eindrücken füttern, Vorfreude auf Theater, Konzerte, Märkte und Reisen.


Dann verhängte man den ersten Lockdown.

Das Warten gewann an Substanz.

Freunde treffen nur mit Einschränkungen, Reisen ebenfalls, Veranstaltungen fanden nicht mehr statt. Es begann nun für alle das lange Warten auf Leben.


Dann erreichte mich die Mitteilung, es müsse noch einmal operiert werden. Wieder im grossen Umfang, einschliesslich Koma, Ende September. Ein Freund formulierte es sehr treffend:

«Das Gute ist, du weisst, was auf dich zukommt,

das Schlechte ist, du weisst, was auf dich zukommt.»

Die Angst vor der Operation wuchs, je näher der Termin rückte. Ab August wurde sie greifbar, breitete sich in alle Bereiche des Lebens aus. Antrieb und Perspektive gingen in den freien Fall über.


Meine Grossmutter sagte immer:

«Warten auf den Tod bringt einen um,

warten auf Leben auch.»


Nie verstand ich diesen Spruch so gut wie jetzt.

Auch wenn man gern allein ist und dabei gut mit sich selbst im Einklang ist: Einsamkeit ist eine schwere Bürde. Freunde und Familie unterstützten mich, so gut es möglich war, selbst die Hunde spürten die Veränderung. Eine innere Unzufriedenheit griff um sich, Unruhe nistete sich in Herz und Hirn ein, nicht können und nicht dürfen steigerte dies täglich.


Sechs Tage vor der Operation meldete sich die Klinik und verschob aufgrund der aktuellen Lage den Termin um zwei Monate. Zwei Monate mehr bangen und schlaflose Nächte. Zwei weitere Monate ohne Qultur und Reisen. Vor allem zwei Monate, die im nächsten Jahr an Leben fehlen würden. Digitale Kontakte und Telefonate kompensierten dies ein wenig, dennoch blieb ein großes Loch in der Seele. Die Sehnsucht nach neuen Erfahrungen und Bildern wuchs. Eben all die kleinen Farbtupfer, die das Leben bereichern, ausfüllen, einfach lebenswert machen.


Ob im Alltag oder einer Beziehung, ich glaube, genau die Unterbrechungen des Alltags sind es, die uns begeistern, für etwas brennen lassen, den Wert des Daseins erhöhen, und wenn man das dann noch mit jemandem teilen kann, ist es einfach unbezahlbar!

Routine ist der Tod der Fantasie, oder wie es Paulo Coelho so treffend formulierte:

«Wer denkt, Abenteuer seien gefährlich, der sollte es mal mit Routine versuchen: die ist tödlich.»


Es sind die Dinge am Wegesrand, Begegnungen und Erlebnisse, die uns mit Begeisterung füllen, schwärmen lassen, zeigen, dass wir leben. Eintönigkeit tötet nicht nur das Sein, auch Freundschaften und Beziehungen werden auf eine harte Probe gestellt. Niemand berichtet, wie spannend sein Alltag ist. Es sind Reiseeindrücke, Konzerte, Besuche und die nicht alltäglichen Erlebnisse, die uns schwärmen lassen, uns und anderen zeigen, wie erfüllt und lebenswert unsere Existenz ist.


Mach aus einem «Bald» ein «Jetzt», bevor es ein «Nie» wird.

Mitte November kam der Anruf, dass die Operation wieder um zwei Monate verschoben werde. Ende Januar sei der neue Termin.

Ende Januar meinte man dann, Ende März sei besser.

Und der Lockdown dauert an.


























Mehr zum Autor

Lernen, Qultur und Reisen sind elementare Grundprinzipien. Erst Begegnungen und Entdeckungen zeigen, wie wertvoll das Dasein ist.

Im Leben von Thoran W. gibt es eine Konstante: die Abwechslung. Selbst sagt er über seine Vergangenheit: «Es ist einfacher, das aufzuzählen, was ich noch nicht gemacht habe.»


So verteilte sich ein typisches Jahr auf Mittelaltermärkte, Buchmessen und Lesungen, Live-Rollenspiel, Reisen, Fotografie und die Arbeit als Dozent.


Anfang November 2019 änderte sich sein Leben drastisch. Freunde und Bekannte halfen ihm die Veränderung zu überstehen. Seither schreibt er vermehrt.

Und wartet.

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