Wann sind Schriftsteller richtig kreativ?
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Wann sind Schriftsteller richtig kreativ?

Wann ist ein Schriftsteller richtig gut? Genau in diesen Momenten im Kämmerchen? Oder dann, wenn er (oder sie) ganz unnahbar und in sich gekehrt, beobachtend, am Rande des Geschehens steht und alles in sich aufsaugt? Oder während der Zugfahrt, wenn das Leben an einem vorbeisaust? Oder sind es vor allem die Momente, in denen gefühlsmässig alles zusammenbricht, das Herz unglaublich berührt – ja vielleicht sogar verletzt – ist und schmerzt?

Das Leid als Rohstoff
Ich habe kürzlich das Buch «Vincent» von Joey Goebel gelesen. Und das war richtig, richtig gut. Ein Buch, bei dem ich mal wieder gedacht habe: Wieso, verdammt nochmal, ist diese Idee nicht aus mir entsprungen? Vincent ist ein Junge, der in armen Verhältnissen aufwächst. Sein Talent zum Schreiben ist offensichtlich. Und so wird er von seiner Mutter – ohne sein Wissen – quasi verkauft an Menschen, die davon profitieren wollen. Und was tut der für ihn verantwortliche Mann? Er gibt sich als «Freund» und Vaterfigur aus, der für ihn sorgt. Seine wesentliche Aufgabe besteht aber darin, dafür zu sorgen, dass Vincent immer wieder etwas Schreckliches zustösst. Seine grosse Liebe verlässt ihn Hals über Kopf. Sein geliebter Hund stirbt. Und auf einmal soll er unsterblich krank sein. Vincents Talent soll aus seiner Melancholie, Trauer und Angst entstehen. Das Leid soll der Rohstoff sein, aus dem die Schreibkunst entsteht. Dafür wird Vincents Glück jeweils geopfert, um ihn in seinem von Menschenhand gesteuerten Leben von einem Leid ins andere zu stossen und damit kreativ zu puschen.

Und dann Loslassen
Ob das auf Dauer reicht, wie erfolgreich Vincent wird und ob er in seinem Unglück damit jemals glücklich sein kann, verrate ich euch natürlich nicht. Ich sage nur: Was für ein grandioses Buch! Und es zeigt auf, dass ein guter Schriftsteller mit viel mehr ausgestattet sein darf als nur einer ausgesprochen grossen Fantasie. Es braucht Gefühl. Den Mut, sich auf Geschichten, Menschen – auf das Leben – voll und ganz einzulassen. Und den unsäglichen Drang dazu, den aufgesaugten und in dir gespeicherten Inhalt neu zu gebären. Neu zu formen. Sich darin wälzen, winden und drehen. Es umarmen, küssen und schütteln. Und dann loslassen. Ein fast schon orgastisches Gefühl. Ob es das einsame Kämmerchen dazu braucht, sei dahingestellt. Das könnte für den einen oder anderen vielleicht der Glücksfall sein. Aber wer wirklich schreiben will – beziehungsweise sich dazu berufen fühlt – der tut dies, wo auch immer er gerade ist. Und wenn es – wie bei mir so oft – der Küchentisch ist, wo grad kleine Kinder schreiend darum herumrennen und das Wasser in der Pfanne auf der Herdplatte grad überkocht. Denn sie entstehen überall. Die Gefühle.


«Vincent» von Joey Goebel
Joey Goebel, 1980 in Henderson, Kentucky, geboren, ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Musiker – ein weltweit gefeiertes Multitalent. Seine Romane «Vincent», «Freaks» und «Heartland» wurden in 14 Sprachen übersetzt. Joey Goebel hat einen kleinen Sohn und lebt in Henderson, wo er englische Literatur unterrichtet.

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