Warum wir bei Schweizer Filmen gähnen

Warum wir bei Schweizer Filmen gähnen

Der beliebteste Schweizer Film bis heute – und das mit grossem Abstand – stammt aus dem Jahr 1978. «Die Schweizermacher» brachte fast eine Million Menschen in die Kinosessel. Das ist natürlich auch dem Umstand geschuldet, dass weder Youtube noch Netflix noch soziale Medien damals eine Konkurrenz bildeten. Auf den weiteren Top-10-Plätzen finden sich vor allem Verfilmungen bekannter Literatur oder wahrer Ereignisse wie «Schellen-Ursli», «Mein Name ist Eugen» und «Grounding» über das Ende der Swissair. Mit «Achtung, fertig, Charlie» liegt ein Streifen auf Platz 3, der mehr eine (erfolgreiche) Marketinggeschichte als ein sehenswerter Kinofilm war: Damals, 2003, strömte einfach jeder Rekrutenschüler und WK-Absolvent ins Kino. Und fands dank viel Alkohol lustig.


Mit anderen Worten: Um die Schweizer ins Kino zu bewegen, muss man einen Buchbestseller verfilmen oder ein Thema wählen, das die Menschen auch ausserhalb des Kinosaals bewegt. Eigenständige Geschichten sind nicht gefragt. Beziehungsweise: Sie wären es natürlich. Wenn sie gut gemacht sind. Dem steht aber die Produktionslandschaft Schweiz im Weg. Die hiesigen Filmproduzenten haben eine geradezu irrationale Sehnsucht nach Sicherheit. Mit «Mein Name ist Eugen» kann man nichts falsch machen, mit dem Swissair-Grounding auch nicht. Storys ohne solche Sicherheitshaken: Davon lassen sie die Finger.


Ähnlich sieht es bei den Förderstellen aus. Sie wünschen sich typische Schweizer Stoffe, bei denen es aus jeder Ecke entweder jodelt oder jammert. Und deshalb sind die meisten Schweizer Filme irgendwelche sperrigen Sozialdramen, die verzweifelt versuchen, unterhaltsame Elemente zu vermeiden und stattdessen Betroffenheit auszulösen. Mit dem Ergebnis, dass nun wirklich niemand darauf wartet. Der einstige Versuch des Bundesamts für Kultur, den Schweizer Film zu einer internationalen Marke zu machen, darf als grandios gescheitert angesehen werden. 1991 holte die Schweiz mit «Reise der Hoffnung» von Xavier Koller den ersten und letzten Oscar, und auch über solche Preisverleihungen hinaus elektrisiert die Marke «Made in Switzerland» keinen Zuschauer im Ausland.


Dass wir ein kleines Land sind, darf nicht als Entschuldigung dienen. Die Iren können es, die Dänen können es, aus Belgien kommt Spannendes. Aber dort versucht niemand, die Leinwand als Ode an die Heimat zu missbrauchen oder den Zuschauer zu belehren. Es werden einfach gute Geschichten spannend erzählt. Und sie werden verfilmt, weil die Produktionsfirmen ein Auge für starken Stoff haben. Bei uns legen Filmproduzenten wohl eine Art Raster an jedes Drehbuch und überprüfen es schon fast mathematisch. Neue Erzählweisen, schräge Figuren, pointierte Dialoge: Das sind Ausschlusskriterien. Schliesslich sind wir in der Schweiz. So entstehen solide Filme. Und solid ist das Schlimmste, was der Kunst geschehen kann.

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