Was ich aus der Pflege gelernt habe
Bild/Illu/Video: Milena Rominger

Was ich aus der Pflege gelernt habe

Nun ja, damals empfand ich es nicht als bewundernswert, sondern als etwas, das eben getan werden musste, das sich natürlich für mich anfühlte. Ich war eine Pflegerin. Heute bin ich es nicht mehr. Was ich aus meiner Arbeit mit verschiedensten Menschen lernte, prägt mich heute.


Vor allem etwas habe ich gelernt. Die Person die ich pflege, die gerade mit mir spricht, mit mir schimpft, weil ich fünf Minuten zu früh oder zu spät bin, die sich über mein Äusseres äussert, mir ein Kompliment macht oder eben auch nicht, anzunehmen wie sie ist. Annehmen. Akzeptieren. Egal wie es kommt. Auch wenn die Empathie noch so widerwillig winzig ausfällt. So sei es.


Nummer zwei auf der Liste meiner Wesensverändernden Karriere: Anpassungsfähigkeit. Oh ja, und das sollte hier dick und fett angestrichen werden. Denn, der Kunde ist König und der Pfleger sein Untertan. Oftmals musste ich mich zurücknehmen, mir einen imaginären Reissverschluss über den Mund zippen, und hoffen, dass meine Meinung nicht rausplatzt. Manchmal kam es aber eben doch so, dass das anpassungsfähigste Chamäleon zündrot wurde und Feuer spuckte, aber das machte nichts. In den prekärsten Lagen, stand meine Chefin immer hinter mir, was ich toll fand. Und in zwei Prozent der Fälle entschuldigte sich der König sogar bei seinem Untertanen.


Ja, über was streitet sich denn der gepflegt Werdende und der Pfleger? Darüber könnte ich ein Buch schreiben. Das alltäglichste aber, war immer die Ankunftszeit. Auch wenn diese nur fünf bis zehn Minuten vom Einsatzplan des Kunden abwich, so kam es unumgänglich und mit voller Wucht in achtzig Prozent der Fälle zu einem Wahnsinns Tohuwabohu. Schliesslich sollten wir getimte Roboter sein. Schliesslich gibt es keine andere Bedürftige. Schliesslich waren die meisten der Kunden Rentner. Und die haben bekanntlich keine Zeit.


Es sind gute Eigenschaften, die man im Wandel der Zeit da so entwickelt. Sie helfen einem im späteren Leben offen zu sein, Menschen zu nehmen wie sie sind und sich nicht über ihre Makel aufzuregen. Schlussendlich bringt es nichts. Und wenn ich darüber nachdenke, taten mir die schlimmen Finger unter den Kunden leid. Ihnen fehlte offensichtlich etwas. Und das versuchten sie auszugleichen. Denn in vielen Fällen waren wir Pfleger die einzigen, die die Kunden zu Hause in der Betreuung sahen. Da bahnt sich schon mal eine Lawine des Grauens an. Verständlich. Oder eben auch nicht. Sei es wie es wolle.


In der Pflege zu arbeiten, bedeutet sich selber zurückzunehmen, die Ohren manchmal zu schliessen, wenn man angeschimpft oder sogar beleidigt wird, und seine Arbeit trotzdem auszuführen. Es bedeutet sich manchmal klein zu machen, damit andere sich für ganz gross halten dürfen. Es bedeutet psychologische Fähigkeiten zu entwickeln, dem Gegenüber zuzuhören, auch wenn einem nicht danach ist. Es bedeutet eine Schutzmauer zu errichten, vor all den gegenwärtigen Sorgen und Gefühlen, die einem von einem Haushalt zum nächsten entgegenwehen. Pfleger zu sein bedeutet wach und verantwortungsbewusst zu handeln, stets präsent zu sein für andere. Damit es anderen gut geht. Es bedeutet Liebe für jeden noch so unbekannten Mitmenschen zu entwickeln. Freund zu sein. Zu lächeln, und seine eigenen Probleme für ein paar Stunden runterzuschlucken. Selbstlosigkeit.


Wenn man in diesem Beruf nicht mit dem Herzen dabei ist, opfert man sich für des anderen Wohl.

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