Wenn Bücher brennen
Bild/Illu/Video: zVg.

Wenn Bücher brennen

Angefangen hat es letzte Woche mit einem Tweet eines jungen Menschen, den ich sehr mag und sehr schätze. Er stellte die Frage, warum 36 seiner Follower*innen immer noch der transphoben Joan. K. Rowling folgen und sie noch nicht blockiert haben. «Was.Soll.Das?», dachte ich genervt.


Ich mag keinen Gruppendruck, ich mag mir nicht sagen lassen, wem ich folgen und wen ich blocken soll, vor allem finde ich dieses neue Dingens namens Cancel Culture einfach nur grässlich. Ich will selber entscheiden, wer in meiner Timeline erscheinen darf und wer nicht. Ja, manchmal entfolge ich jemandem, weil er oder sie sich mehrmals völlig im Ton vergriffen hat. Und nein, ich folge nicht nur Menschen, die genau gleich denken wie ich (das wäre ja steinlangweilig). Meine Devise: Solange sich die Menschen in meiner Timeline auf den Social Media anständig und mit Respekt vor dem Gegenüber äussern, sehe ich keinen Grund, ihnen die virtuelle Freundschaft zu kündigen, nur weil sie eine andere Ansicht vertreten als ich.

Also habe ich dem jungen Menschen zurückgeschrieben, dass ich nicht gedenke, Joan K. Rowling zu entfolgen. Erstens, weil sie sich immer – bei politischen, gesellschaftlichen und sozialen Themen – direkt und furchtlos äussert, oft mit Ansichten, von denen sie weiss, dass sie aneckt. Sie könnte sich ihr Leben wesentlich einfacher machen, wenn sie nur übers Schreiben und ihre Erfolge twittern würde, doch sie hat sich für den weniger bequemen Weg entschieden. Zweitens, weil ich kaum jemanden kenne, der so viele Kinder und Jugendliche fürs Lesen begeistert hat wie J.K. Rowling. Ihre Harry Potter Bücher haben Millionen von Kindern und Jugendlichen verzaubert und zu Leseratten gemacht.


Nun ist es jedoch tatsächlich so, dass J.K. Rowling wegen ihrer Äusserungen zu Transmenschen schon eine Weile in der Kritik steht. Da ich der Autorin zwar folge, aber ewig lange keine ihrer Tweets mehr in meiner Timeline gesehen habe (die lieben Algorhitmen!), begann ich mich zu fragen, was das Fass so zum Überlaufen gebracht hatte, dass selbst der junge Mensch, den ich für sehr tolerant halte, nicht versteht, warum ich und 35 andere seiner Follower*innen J.K. Rowling noch nicht entfolgt sind.


Also ging ich der Sache nach und las Tweets, die zum Teil über mehrere Monate zurückgehen. Ich fand keinen Hass in den Tweets von J.K. Rowling, sondern ein schon fast verzweifeltes Bemühen, sich und ihre Ansichten zu erklären. Ich nehme ihr ab, dass sie persönlich nichts gegen Transmenschen hat, doch ich kann mir auch vorstellen, wie sehr ihre Aussagen betroffene Menschen verletzen und wütend machen. Verletzende Aussagen sind – für mich ganz persönlich – tatsächlich ein Grund, jemandem zu entfolgen, nicht laut, nicht unter Druck, sondern still und leise.


Nur leider ist die Sache nicht ganz so einfach, eindeutig und klar, denn was ich bei meiner Suche auch fand: übelste, nicht zitierfähige Hass-Tweets gegen die Autorin. Eine verbale Angriffslawine auf ihr neustes Buch, das wohl die meisten gar nicht gelesen haben. Buchläden, die dieses neue Buch vom Regal verbannen. Den Hashtag #RIPJKRowling, und das von Menschen, die jedes Wort von ihr auf die Goldwaage legen und als persönlichen Angriff empfinden, selber aber keine Mühe damit haben, die Autorin schon mal vorsorglich niederzuschreien und totzuschreiben. Und dann gab es noch jene, die begannen, ihre Bücher zu verbrennen. Hallo? Bücherverbrennungen??? Wo waren diese Menschen während des Geschichtsunterrichts?


Irgendwann beim Durchwaten dieses endlosen virtuellen Sumpfes an Wut und Hass fragte ich mich, wann wohl der Aufruf folgen würde, die schreibende Hexe gleich auf dem brennenden Bücherhaufen mit zu verbrennen. Das war der Punkt, an dem ich entschied, J.K. Rowling nicht zu entfolgen. Das war auch der Punkt, an dem ich mich zu fragen begann, was ich online noch schreiben soll und darf und will, wenn ich mich keinem Shitstorm aussetzen möchte. Das war zudem der Punkt, an dem ich merkte, dass ich still wurde und mir jeden weiteren Kommentar zum Thema auf Twitter verkniff, weil ich nicht in diesen Sturm mithineingezogen werden wollte. Damit nicht genug: Irgendwann gelangte ich zu meinem Entsetzen an den Punkt, an dem ich realisierte, dass ich mich zum Schweigen bringen lassen hatte. Etwas, von dem ich nie gedacht hätte, dass mir das einmal passieren würde. Und das beschäftigt mich. Sehr viel mehr als mir lieb ist.  


PS: Die geplante Kolumne zu jugendlichen Leser*innen und Schreiber*innen folgt in zwei Wochen.

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