Bild/Illu/Video: Bettina Gugger

Wenn die Erinnerungen neue Geschichten erzählen

Den Besucherinnen und Besuchern raten wir jeweils, den Rundgang durch die Ausstellung zuoberst im dritten Stock zu beginnen. Schaut man sich die Kunstwerke Stockwerk für Stockwerk in aufsteigender Reihenfolge an, könnte der Eindruck entstehen, sich an der Ausstellung abarbeiten zu müssen, Ausdauer zu beweisen, um den Gipfel der Ästhetik zu erreichen. In absteigender Reihenfolge hingegen wird der Museumsbesuch zum inspirierten Kunstspaziergang durch die Räume des alten Schulhauses, man konsumiert die Kunst en passant. Man darf nicht zu konzentriert schauen, nicht zu viel denken dabei, denn dann flieht der Zauber. Das Stockwerk sagt übrigens nichts über die Qualität der ausgestellten Arbeiten aus. Auffallend ist einzig, dass im Parterre Winter ist, aber nicht nur. Denn in jeder Jahreszeit ist auch immer die vorangehende und die folgende enthalten.


Das erste Stockwerk ist ein Ort, der aus der Wahrnehmung fällt.

So passt auch die Installation «Walserworte» von Erich und Beatrix Bernegger gut hierher. Das Künstlerpaar brachte alte ausgediente Prättigauer Wörter an der Wand an. Eine Audioaufnahme holt die alten Ausdrücke auch akustisch in die Gegenwart zurück. Von der Decke hängen gefüllte Abfallsäcke, Sinnbild für die überflüssig gewordenen Wörter, die auf der Sprachhalde lagern, bis die Zeit sie ihrem Sinn beraubt.


Wörter wie «ärgudärän» für schütteln/erschüttern oder «mürschlä» für stark drücken, bekommen hier nochmals eine Chance wiederentdeckt zu werden.


Meine Lieblingsausdrücke aus dem Prättigauer Dialektwörterbuch sind: «An zwei Börder schnäggnä» (Verbotene Liebschaft anbahnen), «Är ischt nis abm Halb gchiit» (Er ist uns untreu geworden, steht nicht mehr zu unserer Sache) oder «Das ischt äso Chogen wie Lueder» (Das ist das eine wie das andere) und «Nanz het än zeehi Mälchi» (Andreas ist ein Rappenspalter).


Im Foyer des ersten Stockes flattert eine Schweizerfahne vor rotem Hintergrund, festgehalten auf Leinwand. Das Bild von Peter Knapp mit dem Titel «Kommst du im Morgenrot dahin» wirkt so plastisch, dass man meint, den Luftzug zu spüren, der durch das Stockwerk weht. Knapps Hintergrund erklärt das Augenmerk, das auf der textilen Qualität des Sujets liegt. Gewöhnlich verbinden wir die Schweizer Flagge eher mit Patriotismus und weniger mit der Modewelt: Seit den 60er Jahren arbeitet Knapp als Modefotograf für die führendsten Modezeitschriften. Zwischen 1959 bis 1977 war er künstlerischer Leiter der Elle. Er arbeitete für André Courrèges und Emanuel Ungaro, unterrichtete von 1983 bis 1994 an der Pariser École Supérieure d’Art Graphique E.S.A.G. Bildkonzeption und Fotografie, um nur einige Stationen seines immensen schöpferischen Wirkens aufzuzählen. Er widmet sich neben der Malerei ausserdem dem Zeichnen und der Bildhauerei.


Die im Wind flatternde Schweizerfahne erinnert mich an die Nationalfeiertage meiner Kindheit, an die Fackelumzüge, die ich jedes Jahr mit der gleichen Fackel, meinem pinkfarbenen Marienkäfer, bestritt, an die Zuckerstöcke und Raketen, die wir mit den Nachbarn teilten, an die langen Sommerabende, in denen wir bis zum Einnachten draussen spielen durften, bis das laute Pfeifen unseres Vaters meine Geschwister und mich dazu aufforderte nach Hause kommen. Wir Kinder vom Quartier studierten Zirkusvorstellungen ein, zu denen wir unsere Eltern einluden. Ich war meistens der Clown - oder wir spielten Verstecken. Damals roch die Luft nach Bratwürsten, gegrillter Cervelat mit Käse und Speck. Wir assen Reisssalat mit Curry, Kirschen, Ananas und Rosinen. Meine Geschwister und ich feiern alle im Sommer Geburtstag, daher war der Nationalfeiertag auch immer Teil einer langen Geburtstagszeremonie, die sich über Tage erstreckte, in denen wir viel Kuchen assen und schöne Geschenke erhielten. Ich erinnere mich beispielsweise an ein T-Shirt mit neonfarbenen Smileys drauf. Damals vor dreissig Jahren konnte noch niemand ahnen, dass diese nervigen Emoticons mal unsere tägliche Kommunikation bestimmen würden. In meinem textilen Erinnerungsspeicher nehmen diese Geschenke einen besonderen Raum ein, da ich als mittleres Kind meist die Klamotten meiner Schwester, schlimmer noch, des Cousins oder der Buben anderer Bekannten nachtragen musste.


Denke ich weiter über die Textilien meiner Kindheit nach, so erscheinen vor meinem inneren Auge flatternde Vorhänge, Tischtücher, Tagesdecken, Pfadfinderuniformen, Skianzüge, alles winzige Puzzlesteine in der Ausbildung des Sinnes für Ästhetik.

Das Verweilen im ersten Stock macht mir deutlich, wie vielschichtig unsere Erinnerungen sind. Wir können unsere inneren Datenbanken auf die unterschiedlichsten Aspekte hin abklopfen und erhalten so ständig neue Antworten. Dadurch wird Erinnerung beweglich, veränderbar in ihrer Bedeutung.


Wörter meiner Kindheit waren übrigens «hennä», «hölle» oder «hönnisch» für «sehr», «extrem», anstelle des verbotenen «huere». Auf dem Index stand natürlich auch das Adjektiv «geil», «cool» hingegen war erlaubt.


Die Sprache meiner Kindheit war geprägt von Jörg Schneiders Kasperli - wir hörten die Kassetten tagelang, obwohl wir längst ganze Passagen auswendig konnten, sie verband sich später mit den Liedern aus dem Pfadisongbuch von Mani Matter, vor allem von Mani Matter, später kamen die Songs von Züri West, Patent Ochsner und Stefan Eicher dazu.


Die Sängerin und Sachbuchautorin Penny McLean spricht davon, dass die Kindheit die wertvollste Zeit sei, um die Seele zu bebildern. Ein schöner Gedanke, dass sich die Seele Bilder sucht – auch Sprachbilder, um sich in der Welt zurechtzufinden und Gleichgesinnte zu finden.

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