«Wir hören Sie schon schreien, aber wir haben keine Zeit!»
Bild/Illu/Video: Einfach-geborgen Fotografie*

«Wir hören Sie schon schreien, aber wir haben keine Zeit!»

Angela** ist eine sehr ängstliche Schwangere. Grund dafür sind mehrere Fehlgeburten in der Vergangenheit sowie zahlreiche Beschwerden in der Schwangerschaft. Angela hat grosse Angst, auch dieses Kind zu verlieren. Die Geburt wird schliesslich 16 Tage vor dem errechneten Entbindungstermin wegen Verdachtes auf Schwangerschaftsvergiftung eingeleitet. Darauf platzt ziemlich schnell die Fruchtblase und die Wehen setzen ein. Diese werden immer stärker. Angela liegt ohne Hilfe im Gebärsaal und hat ohne Unterbrechung heftigste Wehen. «Einmal blickt eine Hebamme zu mir ins Zimmer und sagt nur: Wir hören Sie schon schreien, aber wir haben keine Zeit.», erzählt Angela. Ihr Puls schlägt heute noch höher, wenn sie an die Geburt ihres ersten Kindes zurückdenkt: «Als die Hebamme endlich kam, quälte sie mich mit schmerzhaften vaginalen Untersuchungen und Blutabnahmen. Sie war äusserst grob, hatte überhaupt kein Einfühlvermögen.» Angelas Tochter kommt schlussendlich wegen Geburtsstillstandes per Kaiserschnitt zur Welt.


Auch wenn kaum jemand offen darüber spricht und es darum keine gesicherten Fallzahlen gibt: Gewalt in der Geburtshilfe ist keine Seltenheit. Die deutsche Soziologin und Autorin des Buchs «Gewalt unter der Geburt» Christina Mundlos schätzt, dass fast jede zweite Frau betroffen ist. Auch in der Schweiz wird das Recht der Frau auf eine würdevolle Geburt regelmässig missachtet. Diese Erfahrung macht Monika Di Benedetto aus Winterthur in ihrem Alltag als professionelle Geburtsbegleiterin immer wieder. «Frauen werden während der Geburt oft unmündig behandelt», kritisiert die 41-Jährige. Vor über zehn Jahren selbst betroffen, setzt sie sich heute als Doula dafür ein, dass Frauen den nötigen Respekt in der sensiblen Zeit von Geburt und Wochenbett erhalten. Sie hat darum auch mit einer Kollegin vor zwei Jahren die weltweite Aktion gegen Gewalt und Respektlosigkeit in der Geburtshilfe «Roses Revolution» in die Schweiz gebracht:


Betroffene legen jeweils am 25. November eine Rose als Symbol ihrer Verletzlichkeit vor dem Kreissaal nieder. Einige schreiben auch noch ein paar Zeilen dazu. «Dieser stille Protest soll nicht die Ärzte oder das Spital an den Pranger stellen, sondern den Dialog zwischen den Eltern und dem Fachpersonal fördern», betont Monika Di Benedetto.

Die zweifache Mutter und Doula ist sich bewusst, dass Gewalt im Zusammenhang mit der Geburt ein starkes Wort ist. Verbale und körperliche Grenzüberschreitungen sowie Übergriffe in der Geburtshilfe seien in den seltensten Fällen vorsätzlich. Gründe dafür seien meistens Personalmangel und Kostendruck. Hinzu komme, dass Gewalt sehr unterschiedlich wahrgenommen werde. Nichtsdestotrotz: Das was die Frau als Gewalt empfindet, ist laut Monika Di Benedetto auch als solche wahrzunehmen. Verbale Gewalt können zum Beispiel Beleidigungen sein wie «Stellen Sie sich jetzt nicht so an, andere Frauen schaffen das auch.» oder Druck aufsetzen wie «Wenn Sie jetzt nicht machen, was ich sage, stirbt ihr Kind!». Als körperliche Gewalt gelten zum Beispiel unnötige vaginale Untersuchungen oder die schmerzhafte Dehnung des Muttermundes sowie andere medizinische Eingriffe, die nicht abgesprochen oder nötig sind. «Und das sind jetzt noch milde Beispiele», betont Di Benedetto.


In der Frauenklinik Fontana am Kantonsspital Graubünden wurden nach eigenen Angaben bisher noch keine Rosen niedergelegt. Trotzdem wird das Tabu-Thema Gewalt unter der Geburt ernst genommen. Demnach heisst es auf Anfrage: «Die Geburtshilfe ist ein sehr sensibler Bereich, der auch unbedingt so behandelt werden muss!» Die Frauenklinik lege darum grossen Wert auf eine gute Kommunikation mit den Frauen beziehungsweise Paaren. Die Frauenklinik Fontana bietet bei schwierigen Geburtsverläufen in der Vergangenheit Vorgespräche an, um die Frauen bei der kommenden Geburt besser begleiten zu können. Die Hebammen, Ärzte und das Pflegepersonal stehen zudem auch nach der Geburt für Gespräche zur Verfügung, um den Frauen zu helfen, traumatische Erlebnisse aufzuarbeiten. Die Frauenklinik Fontana betont, dass notwendige Massnahmen unter der Geburt mit dem Paar besprochen werden und deren Einverständnis erfordern, gibt aber auch zu verstehen, dass das in der Geburtshilfe nicht immer einfach ist, vor allem im Notfall.


Das Spital Grabs teilt auf Anfrage mit, dass zirka vor zwei Jahren eine Rose vor dem Gebärsaal niedergelegt worden war. Das Fachpersonal habe darauf die Frau kontaktiert und ein klärendes Gespräch mit ihr persönlich geführt. Im Anschluss habe das Spital Grabs einen Ausdruck, der als übergriffig empfunden wurde, aus dem Vokabular der Geburtshilfe gestrichen. Aufgrund der Roses-Revolution-Aktion hätten die Hebammen und Ärzte ausserdem das Thema Gewalt in der Geburtshilfe in verschiedenen Workshops vertieft. Es handle sich um ein sehr komplexes Thema, das oft im Zusammenhang mit einem unerwarteten Geburtsverlauf stehe, heisst es weiter: «Eine Geburt ist ein gewaltiges, lebensveränderndes und archaisches Ereignis, das keinen voraussehbaren Verlauf hat. Daher kann es trotz aller Bemühungen der Geburtshelfer dazu kommen, dass sich Frauen von der Geburt überrollt und entmachtet fühlen.» Das Spital Grabs betont daher - wie die Frauenklinik Fontana - dass eine gute Kommunikation vor, während und nach der Geburt entscheidend für die Einordnung und Verarbeitung des Geburtserlebnisses sei. «Und an dieser müssen wir unablässig arbeiten.»


Monika Di Benedetto würde mit ihrem heutigen Wissenstand anders auf die Übergriffe reagieren, die sie während der Geburt ihres ersten Kindes erleben musste. Sie hätte unter anderem eine andere Hebamme verlangt und zu dem einen oder anderen Eingriff «Nein» gesagt. Aber als Erstgebärende wusste sie damals nicht, was in der Geburtshilfe normal ist und was nicht – geschweige denn, was für Möglichkeiten sie gehabt hätte. Als Mitgründerin von Roses Revolution Schweiz ist es ihr darum sehr wichtig, Frauen darüber aufzuklären. Di Benedetto rät allen Schwangeren, ihre Wünsche klar vor der Entbindung zu kommunizieren und eine Begleitung zu wählen, die diese auch vertreten kann, falls «frau» im Ausnahmezustand der Geburt das nicht mehr selber kann. Das könne der eigene Partner oder eine andere nahestehende Person sein, aber auch eine professionelle Geburtsbegleiterin wie eine Doula. Betroffenen rät sie, das Gespräch mit dem Fachpersonal der Geburtsklinik zu suchen oder professionelle Hilfe zur Verarbeitung in Anspruch zu nehmen. Aber auch der Austausch mit Vertrauten und anderen Betroffenen kann laut Monika Di Benedetto hilfreich sein.


Zum Schluss noch ein paar eigene Gedanken zum Thema:
Ich würde mich nicht als Betroffene bezeichnen. Trotzdem empfand ich bei meiner ersten Geburt einen Arzt als übergriffig. Er untersuchte mich vaginal – aber im Gegensatz zu meiner Hebamme ohne jegliches Feingefühl und ohne die Wehenpausen abzuwarten. Diesen Schmerz vergesse ich nie mehr! Ich konnte meine Gefühle diesbezüglich nie richtig einordnen, bis ich per Zufall auf die Aktion Roses Revolution stiess. Erst da wurde mir bewusst: Ich empfand diesen äusserst groben Eingriff ohne jegliche Erklärung als Gewalt. Auch wenn sie bestimmt nicht vorsätzlich war und wahrscheinlich einen Grund hatte. Über diesen kann ich aber heute nur spekulieren, weil ich das Personal im Spital leider nicht darauf angesprochen habe. Ich war so glücklich über die Geburt unseres Kindes, dass es mir nicht in den Sinn gekommen wäre, mich über gewisse Massnahmen oder Eingriffe während der Geburt zu beschweren. Im Nachhinein wäre es meiner Meinung nach aber besser gewesen, meine Gefühle diesbezüglich auszusprechen. Ich hätte das Erlebte wahrscheinlich besser verarbeitet und der Arzt hätte seine Arbeit verbessern können – und sei es nur, indem er solche Eingriffe bei der nächsten Gebärenden besser erklärt und feinfühliger ist. Wenn wir bei diesem Tabuthema nicht das Schweigen für uns brechen, dann vielleicht für die anderen...


*Professionelle Geburtsbegleiterinnen, sogenannte Doulas, setzen sich dafür ein, dass bei der Geburt die Wünsche der Frau respektiert werden!


**Die betroffene Frau möchte anonym bleiben. Ich habe darum ihren Namen geändert.

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