Bild/Illu/Video: Yvonne Michel Conrad

Zwingli der Komponist

Als Moral-predigender Musikverächter ging er deswegen in die Geschichte ein. Zwar zeugen verschiedene von Huldrych Zwingli komponierte Lieder in den Kirchengesangsbüchern von der überaus musikalischen Ader des Kirchenmannes aus dem Toggenburg, seine ausgesprochene Liebe für die Musik geriet jedoch weitgehend in Vergessenheit.


Ein Mann der frühen Neuzeit der sechs Instrumente konzertreif beherrschte und der für die damalige Zeit solch moderne Musik schrieb, soll ein Musik-und Tanzgegner gewesen sein? Es ist anzunehmen, dass die nachfolgenden Zwinglianer zu Unrecht Zwingli als vorbildlichen Lustfeind interpretierten. Heute weiss man, dass dem nicht so war. Zwingli selbst war überhaupt kein Zwinglianer.


It’s Huldrych

Yves Theiler stösst an einem grauen Nachmittag im Zürcher Notenarchiv der Zentralbibliothek auf drei überlieferte Kompositionen des Reformators. Bald hält Theiler drei perfekt umgeschriebene Klavierauszüge in der Hand und legt los.  Nach kurzem Anspielen von «Herr, nun heb den Wagen selbst» folgt Erstaunen. Für die damalige Zeit scheint Zwingli spannende Musik, im Stil der sogenannten Hofweisen geschrieben zu haben. Theiler übersetzt diese in die heutige Zeit, findet Schnittstellen zwischen alt und neu, zwischen Klassik und Jazz.


Die Formation Yves Theiler Trio und Uwe Steinmetz arbeiteten gemeinsam das Cross-Over Projekt «It’s Huldrych!». Den drei Kompositionen Zwinglis sind zwei Lieder aus dem reformierten Kirchengesangsbuch sowie eine thematisch passende Eigenkomposition Theilers beigefügt. Die Kompositionen sind extra für den Klangraum einer Kirche geschrieben. Co-produziert würde die CD von Peter Bürli von SRF2 Kultur.


«It’s Huldrych» entführt Zuhörerinnen ins Mittelalter und befreit gleichzeitig von der vornehmlich reformiert-dominierten Pflicht ständig zu arbeiten. Musik ist doch der einzig irdische Weg in den göttlichen Garten. Man darf geniessen, schmunzeln und unsere Pflichten auf Erden für einen Moment vergessen.

Das Zürcher Theiler Trio hat die von Zwingli komponierten Lieder und Texte in die heutige Zeit übertragen - und zwar auf die CD «Huldrych».

Reinhören in das Werk könnt ihr hier.

Huldrych Zwingli - Komposition

Uwe Steinmetz - Sopransax

Yves Theiler - Klavier, Harmonium* & Komposition/Arrangements

Luca Sisera - Kontrabass

Lukas Mantel - Schlagzeug & Perkussion


Drei Fragen an Yves Theiler:


Wie würdest Du die Kompositionen von Zwingli mit Deinen eigenen Worten beschreiben?

Die Kompositionen Zwinglis sind für mich natürlich nur aus einer heutigen Sicht beschreibbar. Das heisst es ist wie so häufig bei alter Musik ein Wagnis. Aber ich kann wohl sagen, aus dem Vergleich mit anderen Komponisten, die auch im Stile der Hofweisen geschrieben haben, dass Zwingli für die damalige Zeit modernes zu Blatt brachte. Die Analyse beschränkt sich also auf das Tonmaterial, zu den Punkten Klang und Interpretation kann man natürlich nichts mehr sagen. Gefühlsmässig aus dem Material genommen kann ich sagen, dass seine Melodien einen klagenden Charakter haben!


Huldrych Zwingli ist auch nach 500 Jahren der geistige Vater Zürichs und der reformierten deutschsprachigen Schweiz. Versuchst Du mit der CD eine besondere Seite Zwinglis zu vermitteln?

Zumindest versuche ich zu sagen: Reformiert heisst wohl nicht nur und per se Kunst und kulturfern, freudlos, arbeitsam und so weiter.

Sondern auch damals war Zürich, wie man sieht, ein Ort und eine Gesellschaft die durchaus auch Musisches zu Stande brachte.

Und ausgerechnet Zwingli! Was mich persönlich stört ist, dass ich einer der ganz wenigen, wenn nicht der einzige bin, der davon spricht, schreibt und «singt». Eine These: manchmal wird ein «Ort» auch zu etwas gemacht, was er vielleicht gar nicht so sehr ist, wie man zeitweilens sagt und dokumentiert. Die Europäische Geschichtsschreibung ist ohnehin voll von Lügen, bewusstem Verschweigen und stark politischer Energie. So kann man sagen: Ja, ich zeige gerne ein kleines Fenster zur Musikwelt Zürichs auf ... oder zur Musikwelt eines Exponenten der reformierten Minderheit.


Was bedeutet für Dich Musik?

Musik ist ein Teil, bislang der grösste Anteil und die Ausdrucksform meiner Kreativität. Musik ist für mich eine Sprache um Stimmungen, Gefühle, Gedanken und Geschichten zu erzählen. Ein Spielplatz der Ästhetik.

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