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17'000 Hühner oder die Macht der Perspektive
Bild/Illu/Video: Stephanie Büchel

17'000 Hühner oder die Macht der Perspektive

Am Freitag 16. Juli 2021 ist laut den Schaffhauser Nachrichten durch die starken Niederschläge Wasser in die Stallungen des Betriebs eingetreten. Der Landwirt erhielt einen automatischen Alarm und rief sofort die Polizei, doch obwohl die Einsatzkräfte so schnell wie möglich zum Stall eilten, waren bei ihrem Eintreffen bereits 11'500 Hühner tot. Sie waren ertrunken. Die übrigen 5'500 Tiere waren so stark verletzt, dass sie von ihrem Leiden erlöst werden mussten. Sie wurden mit Kohlendioxid vergast. Die Hühner waren gerade einmal 18 Tage alt.


Es sind Szenen, die man sich kaum ausmalen mag. Was für ein Bild muss die Rettungskräfte erwartet haben, wenn 11'500 Hühner tot in einem Stall liegen? Ertrunken und begraben unter Wasser und Schlamm während 5'500 weitere verletzte Hühner verzweifelt auf den Toten herumirren und sich versuchen zu retten.


Dementsprechend ist auch die Anteilnahme gross. In den sozialen Medien häufen sich traurige Kommentare unter Artikeln und es wird sich gegenseitig von der grossen Katastrophe im Hühnerstall von Trasadingen erzählt. Nicht zuletzt, weil die 17'000 unschuldigen Hühner gerade einmal Küken waren. Nur 18 Tage waren sie alt und schon mussten sie ihr Leben lassen.


Der Vorfall ist grausam. Aber – und an dieser Stelle muss man vielleicht sein Pouletwurst-Sandwich kurz zur Seite legen und tief Luft holen – die meist unsichtbare Realität ist noch grausamer. Wenn ihr jetzt gerade fragend die Augenbrauen hochgezogen oder missbilligend das Gesicht verzogen habt, solltet ihr jetzt weiterlesen. Denn wir machen einen kleinen Exkurs in den Alltag dieser Hühner.

Beim betroffenen Hof handelt es sich um einen Mastbetrieb für Hühner. Dass dort 17'000 Tiere umgekommen sind, lässt keinen Zweifel daran, dass es sich dabei um Massentierhaltung handelt. Das ist keine Ausnahme. In der Schweiz leben die meisten Masthühner in Betrieben mit 8000 bis 18'000 Tieren. Im Schnitt sind es in der Mast in der Schweiz 7300 Tiere pro Betrieb. In diesen Haltungsformen bekommt ein ausgewachsenes Masthuhn mit circa 2 kg Körpergewicht gerade einmal etwa ein A4 Blatt Platz zugeschrieben.


Das Schlachtgewicht von etwas über 2kg erreichen die Tiere nach etwas mehr als 30 Tagen, in denen die meisten von Ihnen nie das Tageslicht sehen. Selbst wenn es Zugang zum Freien gibt, wird dieser erst nach 21 Tagen ihres kurzen Lebens und nur bei guter Witterung und warmen Temperaturen gewährt. In grossen Stallungen kann er, wenn überhaupt, nur von wenigen Tieren genutzt werden.


Durch Qualzucht wurden die Rassen so auf Wachstum getrimmt, dass die Küken innert dieser kurzen Zeit von etwa 30 Tagen von 60g auf über 2kg wachsen. Konkret bedeutet das für die 17'000 Hühner in Trasadingen: Sie wären in 14 Tagen sowieso alle getötet worden.


Nicht im Wasser, aber im Schlachthof. Wenn sie es denn bis dahin schaffen, denn ein Teil von Ihnen erliegt den Folgen der Zucht und Haltung. Die kleinen Körper ertragen den schnellen Gewichtszuwachs nicht gut. Vor allem die Brust ist beliebt und somit auf grossen Zuwachs gezüchtet. Viele Tiere haben Mühe zu stehen und kippen auf Grund des Gewichts der Brust vorne über. Auch das Herz-Kreislauf-System leidet unter den Bedingungen. Täglich gehen die Landwirte durch den Stall, um die Tiere, die durch Erschöpfung, Durst oder Herzstillstand verstorben sind, vom Boden aufzulesen. 2-3% Verlustraten werden in der Schweiz in der Hühnermast in etwa einkalkuliert. Das sind bei den über 7 Millionen Masthühnern in der Schweiz jährlich über 200'000 Tiere, die so verenden.


Die Ställe, in denen diese Tiere gemästet werden, sind auf diese Mastzyklen ausgerichtet. Gesäubert wird der Stall erst, wenn die Tiere geschlachtet wurden. Dazu werden sie in Plastikkisten gequetscht und auf Laster verfrachtet. Nach nur etwas mehr als 30 Tagen ihres Lebens sehen sie so - wenn sie Glück haben - ein erstes und letztes Mal das Sonnenlicht., kurz bevor sie dann im Schlachthof mit den Beinen in eine metallische Halterung eingehängt werden. Per Förderband werden sie so kopfüber hängend im Akkord in ein unter Strom stehendes Wasserbad befördert. Durch den Strom betäubt fährt die Maschine weiter in Richtung Halsschnittautomat, wo die Halsschlagader getrennt wird und die Tiere ausbluten. Neben der Elektrobetäubung sind auch Gasbetäubungen möglich, aber weniger üblich. Dort ringen die Tiere mit grosser Atemnot keuchend um ihr Leben, bevor sie das Bewusstsein verlieren.


So. Das ist keine aufgebauschte Horrorgeschichte, sondern trauriger Alltag. Und davon sogar nur eine kleine Übersicht der wichtigsten Eckpunkte. Wenn es uns traurig macht, wenn 17'000 junge Hühner in Wassermassen ertrinken, dann ist das völlig nachvollziehbar. Viel spannender ist jedoch, wieso wir trotzdem ohne mit der Wimper zu zucken zu Pouletbrust und Chicken Nuggets greifen. Es ist die Perspektive, die den Unterschied ausmacht. Sehen wir die Tiere, ist ihr Tod eine Tragödie. Sehen wir unser Essen, ist ihr Tod normal und notwendig. Denn wenn wir ganz ehrlich mit uns sind – und das braucht eine grosse Portion Mut, denn es kann weh tun – dann müssen wir uns bewusst machen, dass diese Tiere nur in diesem Stall waren, um zu sterben. Und zwar für uns.


Puh, ganz schön heftige Kost, ich weiss. Aber meiner Meinung nach ist es wichtig, dass wir uns getrauen, hinzusehen. Danke, dass ihr das eben getan habt, indem ihr bis hier hin gelesen habt.

Ich bin übrigens Alex und werde hier in Zukunft regelmässig Themen ansprechen, die gerne unter den Tisch gekehrt werden. Mein Herz trage ich auf der Zunge, auch wenn mein Kopf manchmal in den Wolken steckt. Und im Magen habe ich ganz viel Liebe, denn seit drei Jahren lebe ich vegan und habe in dieser Zeit viel Neues lernen dürfen. Genau das möchte ich mit euch teilen. Mit Empathie und Ehrlichkeit zeige ich euch hier in Zukunft wöchentlich, wie wundervoll die pflanzliche Küche sein kann, erkläre euch den Zusammenhang zwischen unseren Gabeln und Umweltkatastrophen, recherchiere für euch in den Tiefen der Tierschutzgesetze und Statistiken der Schweiz, erzähle euch, wieso ich früher sogar im Kreissaal Salami-Sticks gegessen habe und wie und warum sich das irgendwann plötzlich verändert hat und spreche das eine oder andere kontroverse Thema an.


Wer keine Woche warten möchte, darf mir natürlich auch auf Instagram folgen, oder meinen Blog besuchen. So oder so, ich freu mich auf euch.

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