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Bild/Illu/Video: Marcus Duff / cascadas

Betrachtungen über die Zeit

Eben: Haben Sie einen Moment Zeit? Zweieinhalb Minuten? Das Sie dies ja online lesen, starten Sie doch den Timer auf Ihrer Apple-Watch, vielleicht können Sie dann aufstehen, die Augen schliessen und ohne Zählen oder Sonstiges für zweieinhalb Minuten nur Atmen und Sein. Versuchen Sie nach genau zweieinhalb Minuten sich wieder hinzusetzen, natürlich dann erst auf den Timer blicken! ---- Und, wie lange war’s? Eine Minute, eineinhalb, zwei, oder genau zweieinhalb? Wie genau auch immer Sie das Zeitlimit getroffen haben mögen, wie ging es Ihnen dabei? Waren Sie sich sicher, dass Sie das schaffen würden? Oder hatten Sie irgendwann die zeitliche Orientierung verloren? Hatten Sie Stress?


Tag- und Nachtwechsel, die zirkuläre Natur der Jahreszeiten mit den punktuellen Ritualen des Jahres wie Geburtstagen, Feiertagen, Ferien und vielem mehr gaukeln uns Menschen einen linearen Ablauf von Zeit ausserhalb von uns selbst vor, als gäbe es eine Zeit, die unabhängig von uns, die wir den Ablauf wahrnehmen, vorbeizieht. Wir denken oft, Zeit sei etwas «Materielles», dass der Mensch über sie verfügen kann, sie gewinnen, sparen, verlieren, totschlagen. In Michael Endes Momo aus dem Jahr 1973 tauchen in der Welt graue Herren auf. Dies sind die glatzköpfigen Agenten der «Zeitsparkasse», sie sind von Kopf bis Fuss aschgrau angezogen und rauchen stets aschgraue Zigarren, sie sind in der Zeit ergraut. Sie versuchen, die Menschen dazu zu bringen, Zeit zu sparen, um sie angeblich sicher und verzinst aufzubewahren. Natürlich werden in Wahrheit die Menschen um ihre Zeit betrogen, denn sie vergessen, im Hier und im Jetzt zu leben und den Moment zu geniessen.


Dabei wissen wir nicht erst seit Einstein, dass Zeit relativ ist: die Zeit, die wir angenehm verbringen scheint relativ kurz, die Zeit, die wir im Zahnarzt-Stuhl verbringen relativ lang. Dies gibt die persönliche, psychologische Komponente eines Zeitkonzeptes wieder. Zeit hat jedoch einen Aspekt, der weit über die persönliche Sphäre hinausgeht. Unser täglicher Umgang mit Zeit ist nicht nur durch die «natürlichen Zeiten» und durch unsere Persönlichkeit geprägt, sondern hauptsächlich dadurch, dass Zeit auch und vor allem ein qulturelles Konzept ist. Qulturelle Konzepte charakterisieren sich stets dadurch, dass die Mitglieder einer Qultur davon überzeugt sind, dass ihre Sichtweise und ihr Zeitverhalten die «normale» Wahrnehmung, der normale Umgang mit Zeit ist, das heisst, der «richtige».


Aber was meinen wir, wenn wir von Qultur reden? Nicht die Unterscheidung von hoher und niedriger Qultur (Theater und hohe Literatur vs. Comics und Britney Spears), nicht die zweifelhafte Zuordnung zu Nationen oder Sprachen (die Qulturen in der Schweiz unterscheiden sich zwischen Tessin, Ostschweiz und Westschweiz grundlegend und die Qulturen in Grossbritannien und den USA sind trotz mehr oder weniger gemeinsamer Sprache und der Männerfreundschaft von Trump und Johnson diametral entgegengesetzt), sondern wir verstehen Qultur als ein offenes System von Werten, Normen und Praktiken, die von den Vertretern der Qultur weitgehend geteilt werden. Kleingärtner können ihre eigene Qultur haben, Snowboarder, IT-Spezialisten und Pädagogen sowieso. Darüber hinaus sind Qulturen keine Container, die sich klar abgrenzen lassen von anderen Containern, sondern eher Flickenteppiche, die leicht fadenscheinig an den Rändern übereinander liegen und verschiedene, manchmal unterschiedliche Normen gleichzeitig als richtig ansehen.


Und was heisst das jetzt für die Zeit? Grob gesagt, lassen sich zwei grosse Zeitkonzepte beobachten. Der erste Bereich ist die Wahrnehmung der Zeit als eine lineare Abfolge von Ereignissen, die wie Perlen auf einer Perlenkette aufgereiht sind und linear ablaufen. Das heisst, vor allem im Berufsleben, dass Tätigkeiten nacheinander durchgeführt werden, Störungen und Unterbrechungen sind unerwünscht, weil sie die Linearität stören. Pünktlichkeit ist aus dem gleichen Grund wichtig, bei Umfragen unter Studierenden in Chur sind Verspätungen von 0 Minuten die Norm der Erwartungen bei geschäftlichen Terminen, - und es wird auch erwartet, dass Geschäftspartner nicht völlig überraschend 2 Minuten zu früh auftauchen.


Diese Sichtweise der Zeit liesse sich als monochrones Zeitverständnis bezeichnen.


Dem gegenüber steht das polychrone Zeitverständnis, das Zeit als ein Lebenselement und eine Naturgewalt sieht und damit auch als immer gegenwärtig, aber nicht durch den Menschen zu beeinflussen. Jeden Tag gibt es aufs Neue 24 Stunden, daher wird die Zeit nicht als knappe Ressource betrachtet, sondern eher als Pool, aus dem man sich dann nimmt, wenn Bedarf herrscht. Im Geschäftsleben werden Tätigkeiten unterbrochen, um etwas anderes anzufangen oder Vorgänge werden gleichzeitig bearbeitet, je nach momentaner Wichtigkeit. Daher ist im Geschäftsumfeld dieses Kontextes Warten normal. Zeitangaben werden häufig durch «davor» und «danach», seltener durch genaue Uhrzeit ausgedrückt. Als amüsantes Beispiel mag Dieter Moors Buch «Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone», Hamburg: Rowohlt, 2009 dienen, natürlich nur, wenn Sie Zeit haben. Dort beschreibt er aus der Sicht eines Schweizers, wie sich zwei Brandenburger Bauern zu einem Gespräch am folgenden Tag verabreden und kontrastiert dies amüsant und amüsiert mit dem Prozess bei Schweizern untereinander. Schweizer brauchen eineinhalb Seiten, um den möglichst passenden, höflichen und beiderseitig akzeptabelsten Termin zu finden. Die Brandenburger: «Ick komm morjen mal rum.» «Jut.»


Beide Konzepte funktionieren in ihren eigenen Kontexten gut und effizient und bringen Resultate. Probleme gibt es jedoch, wenn Vertreter eines Zeitkonzeptes auf Vertreter des anderen Zeitkonzeptes treffen, was oft in multiqulturell zusammengesetzten Teams in Organisationen der Fall ist, aber auch, wenn neue Mitglieder in eine Familie eintreten, die aus dem anderen Zeitkonzept kommen, zum Beispiel wenn der neue Freund der Tochter unpünktlich zum Abendessen kommt. Und hier wird auch klar, dass Qulturen eben keine klar abgegrenzten Bereiche sind, sondern Schichten, die innerhalb einer Gemeinschaft übereinanderliegen können. Grund für Spannungen und eventuell Auseinandersetzungen in diesen Fällen sind jedoch nicht die unterschiedlichen Zeitkonzepte selbst, sondern die Erwartungen an die Mitmenschen, wie man selbst das «richtige» Zeitkonzept zu leben.


Die Zeit wird knapp, daher mal ehrlich: der eine setzt sich durch knappe Zeit unter Druck, die andere betrachtet sie als Ressource und wirkt entspannter, beides durch qulturelle Übereinkünfte zutiefst verinnerlichte Normen, und beides zutiefst persönlich. Aber wenn wir aus dem persönlichen Bereich des Zeitkontextes in den unserer gesellschaftlichen und sozialen Normalwelt eintreten, und denken, wir haben die Zeit im Griff, wir zeigen ihr wo’s langgeht, - ist es nicht ein wenig wie in der Geschichte der beiden, die durch den Park gehen: Einer trägt dem anderen sein verdauungstechnisch-entstandenes Geschäft in einem Plastiksack hinterher: Und wer ist hier der Chef?


Begegneten wir den grauen Männern aus Momos Geschichte heute, hätten wir dann eigentlich noch Zeit zum Eröffnen eines Kontos? Alle Zeit, die wir haben, muss doch genutzt werden. Dann ist die Zeit zwar abgenutzt wie ein alter Gabbeh, aber trotzdem wertvoll, weil wir sie nicht ungenutzt haben verstreichen lassen: Wir haben sie nutzbringend verwendet.


Aber was verstehen wir eigentlich unter «Nutzen»: etwas Persönliches, Wirtschaftliches oder Gesellschaftliches? Ich habe «Nutzen» gegoogelt und innerhalb von 0.41 Sekunden über 98 Millionen Nennungen des Begriffs gefunden, und, da ich nicht die Zeit hatte, alle anzusehen: ein schnelles Überfliegen zeigt, sie sind fast ausschliesslich aus dem Wirtschaftskontext. Zum Beispiel: «Unter Nutzen (englisch utility) versteht man in der Wirtschaftswissenschaft das Maß an Bedürfnisbefriedigung, das den Wirtschaftssubjekten aus dem Konsum von Gütern und Dienstleistungen entsteht.» (Wikipedia) Wir verbringen also unsere Zeit nur dann nutzbringend, wenn wir bedürfnisbefriedigend konsumieren. Der Nutzen für uns ist dabei umso grösser, unsere persönliche Befriedigung umso vollständiger, je mehr unserer Zeit wir mit wirtschaftlichen Transaktionen, also in diesem Falle «Kaufen und Konsumieren», verbringen. Und durch die digitale Möglichkeit zu online Käufen oder per Smartphone geht so ein Kauf immer schneller, braucht immer weniger Zeit, so dass heute mehr Käufe in die gleiche Zeitspanne als noch vor 10 Jahren passen. Wir müssen also, logischerweise, um unsere Zeit genauso nützlich und befriedigend wie noch vor 10 Jahren zu gestalten, mehr kaufen, mehr konsumieren.


Das verdient genaueres Hinsehen, allerdings nicht jetzt, denn ich muss los, meine Frau wartet schon seit 10 Minuten und wird sonst sauer ... Eine gute Zeit!

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