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Wie Fledermausgesänge aussehen würden
Bild/Illu/Video: Marcus Duff / cascadas

Wie Fledermausgesänge aussehen würden

«Bist Du religiös?» «Ja, ich bin Atheist.»

In Olga Tokarczuks Roman Gesang der Fledermäuse wird dieses Verstecken, das In-den-Hintergrund-Drängen von Straftaten zu einer neuen Literaturform, ja fast zu einer neuen Verschüttungs-Kunst erhoben. Janina Duszejko, die Hauptfigur des Romans, verbindet in sich einen fast unglaublichen Facettenreichtum von kulturellem Wissen, literarischer Bildung, Aberglauben, Horoskopbesessenheit, extremer Tierliebe und verschrobenen Eigenarten einerseits und einer Banalität der Weltsicht auf der anderen Seite, die mich als Leser manchmal den Kopf hat einziehen lassen in einem Anfall von Fremdschämen. Dieses ist noch eingebettet in Tokarczuks Schreibstil, der oft in blitzschnellem Wechsel von einer hochkomplexen Syntax bis hin zu einer Aneinanderreihung von simplen Hauptsätzen reicht, die auch von George W. Bush hatten stammen können, dessen durchschnittlich Satzlänge in allen seinen Reden bekanntermassen 7 Wörter nie übertroffen hat.


Wir sind auf einer Hochebene nahe der polnisch-tschechischen Grenze, Janina Duszejko scheint eine ältere Dame zu sein, die sich im Winter, fast allein in ihrem Dorf wohnend, um die leerstehenden Häuser kümmert und sich dabei Gedanken über Alles und Jedes, vor allem über die Stellung der Planeten im Sonnensystem und ihre Auswirkungen z. B. auf das Fernsehprogramm macht. Einer ihrer Nachbarn wird tot in seinem Haus aufgefunden, der Auftakt zum Tod des ermittelnden Kommissars und später noch zu weiteren mysteriösen Todesfällen. Sie hat die auf Indizien basierende Theorie, dass sich die Tierwelt an den Menschen rächt, an vorderster Front die Rehe, und sie stellt ihre falllösenden Informationen natürlich der Polizei in Form von ausführlichen Briefen zur Verfügung, die Ereignisse minutiös aus der Astrologie herleitend, allerdings, zu ihrer Überraschung, ohne dabei auf grosse Resonanz zu stossen.


«Die Realität unterliegt den gleichen Gesetzmässigkeiten wie jeder lebende Organismus, sie altert»

Janina Duszejko war in ihrem Leben Brückenbauingenieur und Englisch-, Geographie- und Handarbeitslehrerin und beschäftigt sich ausser mit der Auflösung von Morden begangen von Tieren wie gesagt mit Astrologie und, vor allem, mit der Übersetzung der Werke von William Blake, dem englischen Dichter, Maler, Mystiker und Erfinder des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Blakes Vision des Menschen auf dem Weg in die Apokalypse, die nur verhindert werden kann, wenn der Mensch es schafft, die Herrschaft seiner Psyche, die ihn vom Erkennen der Wahrheit abhält, zu überwinden, scheint sich in Duszejkos Besessenheit von der Astrologie, die scheinbar mathematisch exakte Berechnungen erlaubt, aber gleichzeitig auf eine Unterminierung des ordnenden Verstandes abzielt, um die Wahrheit zu erkennen, widerzuspiegeln.

Aber auch ausserhalb der Passagen über Blake strotzt der Roman von einer prallen Narrativität, die wie der beschriebene Frühling in Polen an einigen Stellen eine derart animalische Kraft enthält, dass sie fast an etwas Fleischliches, Tierisches erinnert. Der kriminologische Erzählstrang wird weitgehend zugedeckt, aber dies passiert eben nicht wie beim Tatort mit menschlichen Unzulänglichkeiten, sondern wie mit einem riesigen, künstlerischen Füllhorn, das mit unzähligen, einzeln verpackten Genüssen gefüllt ist. Es wäre leicht, dabei in den Irrglauben zu verfallen, dass diese wahllos und ungeordnet über den Kriminalfällen aufgehäuft sind und dass es demnach eigentlich egal sei, welche Süssigkeit man sich als nächste einverleiben sollte: weit gefehlt! Erst zum Ende hin wird deutlich, dass Leser*innen sich in einem fein-gesponnenen Labyrinth aus Erzählpassagen und -gängen befunden haben, die alle gezielt zur Auflösung führten. Diese Auflösung ist speziell und überraschend, obwohl – dann doch nicht so sehr, die Poirot’sche Aufdeckung erfolgt durch die drei Mitglieder der «Familie», die im Grunde zusammen mit den Leser*innen die gleichen Schlussfolgerungen zu machen in der Lage sind. Darüber hinaus liefert diese Kraterlandschaft an Themen und Geistessplittern ein Psychogramm, eine Landkarte der inneren Prozesse der Erzählerin/Protagonistin, die die sich kontinuierlich verändernden Grenzen und Überlappungen der einzelnen Karten- und damit Geistes-Bereiche zum Teil in fast wortwörtlichen Wiederholungen ganzer Textpassagen reflektiert. Sie deutet durch dieses erzähltheoretische Dilemma ebenfalls auf die Auflösung hin, denn eine Erzählerin kann immer nur das von einem Romancharakter erzählen, was sie über diese Person weiss. Und das wird ganz speziell, wenn Erzählerin und Romancharakter dieselbe Person darstellen.


«Personen, die schreiben sind gefährlich, sie rauben der Realität ihre Unausprechlichkeit»

Gesang der Fledermäuse ist ein solcher Cocktail von überraschenden Persönlichkeitsaspekten, literarischen und künstlerischen Juwelen gemischt mit Banalitäten, Stilbrüchen und postmodernen Bezügen zum Schreiben und Schreibenden selbst, dass ich beim Lesen des Öfteren habe einhalten müssen, einfach um zu staunen (natürlich nachdem ich meinen Kopf zwischen meinen Schultern wieder hervorgeholt hatte). Aber dann gab es auch Visionen wie von William Blake, die allein die Lektüre des Romans schon gelohnt hätten.

«Im Fallen durchkreuzt der [lebende] Funke die Bahn des Neptun und verliert sich in dessen nebeligen Dämpfen. Neptun gibt ihm dafür zum Trotz sämtliche Illusionen, ein irreales Wissen über Auswege, er gibt ihm Träume vom Fliegen, Phantasien, Rauschmittel und Bücher. Als nächstes versorgt ihn Uranus mit der Fähigkeit zur Rebellion. ... Der Funke saust nun am Mond vorbei und nimmt etwas Unfassbares mit: die Seele. Erst dann fällt er auf die Erde und wird sofort zu Fleisch, zu Menschen-, Tier- oder Pflanzenfleisch.

So sieht das aus.»


Welch wunderbares Bild und welch phantastischer Schluss-Absatz. Schade, dass er sich in der Mitte des Romans befindet.


Olga Tokarczuk, Gesang der Fledermäuse, Zürich: Campa, 2019

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