Die Mittelalterexpertin Doris Röckle
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Die Mittelalterexpertin Doris Röckle

«Das Mittelalter war eine Zeit des Umbruches, eine Zeit der Fehden, der Machtkämpfe zwischen Adel und Klerus und so weiter. Die vielen Burgen in unserem Tal sind Zeitzeugen davon und verdeutlichen, wie hart das Leben der einfachen Menschen hier gewesen sein muss. In meinen Büchern versuche ich genau dies aufzuzeigen und die Leibeigenen, Bauern und Handwerker zu Wort kommen zu lassen. Natürlich erfährt der Leser auch eine Menge über den Adel und deren Beziehungen untereinander.», erklärt die aus Vaduz stammende Autorin Doris Röckle. Obwohl sie selbst gerne Krimis liest, war eine Geschichte über das Hier und Jetzt zu schreiben für sie nie wirklich ein Thema.

Wenn die Fiktion einem nahe geht
«Das Leben der Menschen im Mittelalter war hart.», erklärt Röckle im Interview. «Ihr Arbeitsalltag begann bei Sonnenaufgang und endete bei Sonnenuntergang, das waren im Sommer gut und gerne 12-14 Stunden. Dass dabei schon Kinder mithelfen mussten, macht einem schon betroffen.» Auch wenn viel Magie in der Epoche steckt, verschliesst die Autorin in ihren Werken nie die Augen vor der Realität. «Das Kindheitsalter im Mittelalter endete mit 7 Jahren, danach galt ein Kind als Arbeitskraft. Das war auf dem Land nicht anders als in der Stadt.  2/3 der Kinder starben noch bevor sie das 7. Lebensjahr erreicht hatten. Krankheiten und Seuchen bedrohten den Alltag der Menschen ebenso wie die Angst vor der nächsten Hungersnot und die kam mit steter Regelmässigkeit.» Nicht nur für Kinder war das Mittelalter eine graue Epoche, auch Frauen hatten es laut der Geschichtsinteressierten doppelt so schwer. «Sie galten als schlaff, willenlos, launisch und dumm. Das war die Meinung des Klerus, der dies auch gerne von der Kanzel herunter predigte. Das ideale Heiratsalter einer Frau lag zwischen 12-16 Jahren und im Schnitt gebarten die Frauen damals so um die zehn Kinder.» Neben vielen negativen Dingen, gab es doch auch hin und wieder einen Lichtblick, denn «Die Einfachheit der Menschen, das Gefühl in der dörflichen Gemeinschaft aufgehoben zu sein, sich auf die Nachbarn verlassen zu können, waren schon schöne Dinge.»

Unterhaltungsliteratur mit Faktentreue
Doris Röckle will es genauer wissen und geht für ihre Werke gerne die Extrameile. «Ich stelle stets umfangreiche Recherchen über die Burgen, die Adeligen und ihr Leben an.  In Archiven findet sich umfangreiches Material aus dieser Zeit. Das Stöbern in solchen Akten fasziniert mich, entdecke ich doch immer wieder Details, die selbst mir nicht bekannt waren.» Doch nicht alles aus dem Mittelalter hat den Weg in die Archive gefunden. «Das Leben des einfachen Volkes ist kaum oder nur spärlich belegt und hier muss dann oft meine Fantasie herhalten.» Dass ihre Fantasie sie hin und wieder ziemlich beflügelt, zeigt schon der Blick auf ihre Romane, die allesamt über 600 Seiten dick sind. Auch wenn dies nach täglichem Schreiben riecht, verneint die Autorin. «Ich schreibe nicht täglich. Das geht schon wegen meinem Brotjob nicht. Allerdings funktionieren fixe tägliche Schreibstunden auch gar nicht. Eine Geschichte muss erst in meinem Kopf reifen. Ich spiele die einzelnen Szenen immer wieder in Gedanken durch, ändere sie bis es plötzlich Klick macht und ich sie einfach aufschreiben muss. Es ist dann kein Müssen im negativen Sinn, mehr eine Euphorie und ein Schaffensdrang, die Geschichte auf Papier zu bannen.» Diese grosse Motivation, die sie heute an den Tag legt, ist nicht selbstverständlich und spiegelt auch in den Tipps wider, die sie jungen Autorinnen und Autoren mit auf den Weg gibt. «Es ist wichtig, sich von Niederschlägen nicht aufhalten zu lassen. Durchbeissen, hartnäckig bleiben und an sich glauben, heisst die Devise. Auch ich musste eine Durststrecke hinter mich bringen, ehe es rund lief.»

Jede Burg hält noch Geschichten bereit
Rituale habe sie beim Schreiben keine, sagt Röckle, allerdings brauche sie beim Schreiben absolute Ruhe. Ihre Familie akzeptiere das und störe sie wirklich nur im äussersten Notfall. «Nicht, weil ich bärbeissig werden würde, sondern weil ich sie schlichtweg nicht höre. Beim Schreiben tauche ich so tief ins Mittelalter ab, dass ich alles um mich herum vergessen. Selbst essen und trinken. Dies merke ich besonders dann, wenn ich nach drei bis vier Stunden Schreiben wieder auftauche und frierend nach einem Glas Wasser greife.» Dass die Vaduzerin ziemlich gefesselt von den Burgen und Ruinen in der Region ist, zeigt nur schon die Antwort auf die Frage, wie viele Geschichten sie noch in ihrem Köcher hat. «Viele. Jede Burg verdient es in einem Roman erwähnt zu werden. Der Stoff geht mir also so schnell nicht aus, denn allein zwischen Sennwald und Sargans (auf beiden Seiten des Rheins) gibt es 13 Burgen und Ruinen.»

Die Literatur bleibt Hobby

«Ich hatte das Glück bei Droemer Knaur in München unter Vertrag genommen zu werden. Das ist ein renommierter deutscher Verlag, der von seinen Autoren keinerlei Gegenleistung fordert.», sagt Röckle und gibt zugleich offen zu, dass sie das Wagnis des Selbstveröffentlichen wohl nicht gewagt hätte. Das Schreiben mache sie glücklich und es sei nicht selbstverständlich, dass ihre Werke überall erhältlich seien. Von der Schreiberei zu leben sei nie ihr Antrieb gewesen. «Ich glaube die wenigsten Autoren können von ihren Büchern leben, es sei denn, man lebe ein so bescheidenes Leben wie die Menschen im Mittelalter.» Und doch hat auch die 56-Jährige noch Wünsche. «Natürlich träume auch ich von einem Bestsellerroman, das gebe ich gerne dazu, aber träumen ist ja erlaubt.»

Das neue Buch «Die Spur der Gräfin» ist als E-Book gestern erschienen. Das Taschenbuch erscheint am 3. Februar.

Kurzbeschrieb der Geschichte
1341: Kurz nach seiner Vermählung muss Graf Albrecht, Herrscher der Grafschaft Werdenberg-Heiligenberg, erkennen, dass seine Gemahlin, Gräfin Mechthild, an einer seltsamen Krankheit leidet. Als die junge Frau eines Tages spurlos verschwindet, reist der Graf in seiner Verzweiflung an den Bischöflichen Hof in Curia. Doch statt ihm, wie erhofft, zu helfen, nutzt der Bischof die Gelegenheit den Grafen loszuwerden, und schickt ihn im Auftrag der Rosenkranzbruderschaft auf eine Pilgerreise ins Gelobte Land, von der er nicht mehr lebend zurückkehren soll.

Doch das Glück ist Graf Albrecht hold, und er erfährt nicht nur von dem Mordkomplott gegen ihn, sondern lüftet bei einem alten Templer das Geheimnis um das Grabtuch Christi, welches die Bruderschaft fälschen möchte, um die Ungeheuerlichkeit, die die Reliquie zeigt, zu verbergen.

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