Veronica Fusaro und das Livespielen
Bild/Illu/Video: Christian Imhof

Veronica Fusaro und das Livespielen

Eigentlich war ich am Samstag schon fast durch mit den Interviews am Musikfestival FL1 Life in Schaan. Nach dem ersten Tag mit Seven, der ziemlich ausführlich und sympathisch Rede und Antwort stand, freute ich mich sehr auf die weiteren Interviews am Samstag.


Status Quo stand auf dem Programm und ich wollte mir diese Chance nicht entgehen lassen mit dem Gründer Francis Rossi zu sprechen, auch wenn es nur zwei, nennen wir das Kind beim Namen, eher unmotivierte und angepisste Minuten waren. Irgendwie konnte ich die Legende auch ein wenig verstehen, da die Österreichische «Kronenzeitung» ihn mit belanglosen Fragen nur so gelöchert hat. Sie nahmen frech 15 Minuten für sich, was ich als ein wenig anstandslos gegenüber den anderen Medienschaffenden empfand. Rossi’s Laune erreichte den absoluten Tiefpunkt, als dann noch mein Ex-Arbeitgeber Radio L mit zwei selbsternannten «Vollprofis» antanzte und die erste Frage ein: «Do you remember me?» war... Aber das ist ein anderes Thema.


An eben diesem zweiten Festivaltag durfte ich auch schöne Interviewmomente mit tiefsinnigen Gesprächen erleben. So hatte ich beispielsweise mit der sehr sympathischen Rahel Oehri-Malin ein Interview über ihren Jubiläumssong geführt, welches lustig und interessant zugleich war. Nach dem knappen und nicht gerade so wahnsinnig tollen Intermezzo mit dem Status Quo-Gründer hatte ich irgendwie fast keine Lust mehr weitere Interviews zu führen. Ein Journalist ist meiner Meinung nach, immer so gut, wie seine Fragen und diese brauchen auch eine gewisse Vorbereitung.

Doch dann stand die Life-Presseverantwortliche Natascha Marxer plötzlich mit der wundervollen Thuner Musikerin Veronica Fusaro auf der Matte. Sie würde sich Zeit nehmen für ein Interview und so begrub ich meine schlechte Laune, welche vor allem durch egozentrisches Verhalten von Berufskollegen hervorgerufen wurde und bereitete mich gewissenhaft auf das Gespräch vor.


Wie es der Zufall wollte, bin ich der Künstlerin im vergangenen Jahr bereits schon mal begegnet. Mein allererster Auftrag für die Zeitung Werdenberger & Obertoggenburger war nämlich ein Konzert von ihr im Fabriggli Buchs. Ich, der damals meine ersten Gehversuche mit der frisch erworbenen Spiegelreflexkamera wagte, hatte bei ihrer Show massiv Mühe damit, den automatischen Blitz auszuschalten. Da der Verkäufer des neuen Spielzeugs (Gilbert Piaser) zu später Stunde bereits eingeschlafen war und nur seine Frau ans Telefon ging, blieb mir nur eins übrig: Ich blitzte Veronica etwa vier bis fünf Mal frontal ab, was mir schon währenddessen enorm leidtat, mir aber auch einigermassen passable Bilder für die Zeitung bescherte. Fabriggli-Booker Flavio war meine missliche Lage aufgefallen und er griff mir unter die Arme, nach dem er mich gebeten hatte, doch bitte endlich damit aufzuhören die Sängerin abzublitzen.

Wie würde die talentierte Dame wohl auf diesen gemeinsamen Einstand reagieren? Würde sie sich noch knapper als der Status Quo-Mensch fassen oder es vielleicht sogar mit Humor nehmen?


Wir schüttelten Hände und die Zweifel waren sofort wie weggeblasen, als ich ihr von meinem Fauxpass im Fabriggli berichtete. Sie lachte nur und sagte «Ah, das warst du.» Es sei doch besser mit einer gemeinsamen Anekdote ein Interview zu starten, als überhaupt keine Parallelen zu finden. Wir nahmen Platz beim Medienecken im SAL und ich liess mein Aufnahmegerät einfach so mitlaufen.  



Du veröffentlichst relativ gerne EPs. Bist du nicht so der Albummensch?
Doch, eigentlich schon. Ich bin grosser Albumfan und ich glaube auch sehr an das Album als Konzept und Medium. Ich finde dies megaschön. Ein Album braucht einfach recht viel Überlegungen dahinter, vor allem wenn es ein Debütalbum ist. Dies ist, ich würde es so nennen, sicher ein richtiger Meilenstein.


Aber du bist schon auf dem Weg zu diesem Meilenstein?
Im September kommt die dritte EP raus. Heutzutage ist es so und auch mein Team arbeitet darauf hin, dass das Album ein wartendes Publikum und auch die Aufmerksamkeit findet, die es verdient, weil du investiert so viel Zeit und Geld in die Songs. Als Independentkünstler hast du eben nicht den Goldesel zu Hause und da musst du einfach aus den wenigen Mitteln das Beste rausholen. Also das Debüt-Album kommt, aber es braucht noch etwas Zeit.


Mit den EPs hast du natürlich die Möglichkeit viel mehr zu veröffentlichen. So bist du sicher immer aktueller, als wenn du ein Album produzierst mit 15 Tracks… Ist vielleicht auch ein wenig das der Grund dafür?

Es ist eben schon ein bisschen traurig, wenn du 15 Songs auf einmal veröffentlichst, dann sind sie in der Welt des Internets morgen schon wieder out… Natürlich ist das ein wenig krass überzeichnet. Aber wenn du einzelne Songs rausbringst, hast du mehr zum Erzählen. In dieser schnelllebigen Welt, in der so vieles kommt und wieder geht, ist es schwierig als Künstler diese Kontinuität zu haben und die Musik einfach weiterhin zu machen, ohne dass es eben einfach nur ein Machen wird.


Arbeitest du noch nebenbei oder machst du «nur» Musik?

Ich bin effektiv nur am Musikmachen.


Wie schwierig ist es so zu überleben?
Ich habe den Vorteil, dass ich noch zu Hause wohne und dies hilft mir natürlich enorm dabei gewisse Sachen zu machen und in sie zu investieren. Es ist ziemlich cool, sein Geld anderweitig ausgeben zu können als für die Miete. Ich habe das grosse Glück, dass es irgendwie recht gut funktioniert und ich so viele Konzerte spielen kann. Im letzten Jahr haben wir 36 Konzerte gespielt, in diesem Jahr sind wir auch nicht schlecht dran, dass es viele werden. Das gute Team um mich herum vereinfacht vieles.


Apropos Konzerte, im letzten halben Jahr warst du sicher mindestens drei Mal in der Region zu Gast. Kannst du dir erklären, warum die Menschen in der Region dich so gerne haben?

Das ist eine schöne, aber auch schwierige Frage. Es hat sich sehr wahrscheinlich einfach so ergeben… Wir müssen vor den Konzerten immer abklären bei den Veranstaltern, ob es okey ist, wenn wir in der Nähe spielen… Aber es ist heute einfach die Realität, dass die Leute, besonders in der Schweiz, durch den Überfluss an Festivals im Sommer nicht unbedingt bereit sind in eine andere Stadt zu reisen, um ein Konzert zu sehen. Tendenziell wird so oder so der Künstler zu ihnen kommen, wenn wir die Schweiz anschauen. Von dem her hat sich dies organisch ergeben und es ist auch nicht etwas, das wir explizit so fokussiert haben. Aber es «fägt» hier draussen zu spielen. (lacht)

Ja, in der Wildnis, in den Bergen, bei den Eingeborenen…
Nein, nein. In Thun haben wir auch Berge.  Es ist fast ein wenig wie daheim. Wirklich, es ist alles so nahe und wenn du raus in die Welt gehst, merkst du, alles ist so dermassen riesig im Vergleich zu der Schweiz.

Wie sieht es bei dir mit Auslandambitionen aus?
Im ersten Schritt ist es ein Wollen – man muss es einfach machen. Irgendwann muss man einfach anfangen. In der Schweiz bin ich irgendwann auch gestartet und das nicht vor 100 Leuten. (lacht)
Im Oktober habe ich ein paar Konzerte in Deutschland und eins in Belgien, wenn ich mich nicht täusche.


Ist es dort in dem Fall auch ein Erspielen der Fangemeinde, wie du es hier machst?
Man hat vielleicht das Gefühl, dass man durch das Internet nicht mehr rausgehen muss, aber das stimmt nicht. Für meine Musik oder auch mir persönlich ist es wichtig, dass ich die Menschen mit Livemusik abholen kann. Der persönliche Kontakt ist eben immer noch etwas anderes, als einfach online auf Spotify einen Song zu hören. Es ist cool und ich habe sehr viel Spass daran live zu spielen.


Ein wichtiger Teil deiner Liveshows ist der Einsatz der Loopstation. Ist sie ein wenig dein Markenzeichen geworden?
Ja, es ist einfach «gäbig». Seit Anfang an praktiziere ich das so. Erst gerade am letzten Wochenende habe ich am Glastonbury in London gespielt. Ich bin dann an das coole Festival mit meinem Looper und konnte alles machen. Es funktioniert einfach sehr gut mit Gitarre, Piano und Looper, dass dies auch weiterhin in meinen Shows einen Spot erhalten wird.

Eine Frage, die sich mir bei Berufsmusikern immer aufdrängt. Wie viel ist Talent und wie viel ist intensives Üben?
Das ist noch schwierig zu sagen. Es ist extrem viel Übung dabei. Das bedeutet nicht alleine im Kämmerlein zu repetieren, sondern das Sammeln von Erfahrungen, in dem man viel auf der Bühne steht und dabei auch hin und wieder einen Fehler macht.

Wenn ich Songs schreibe, dann spiele ich enorm viel Gitarre und Klavier – also begleitend und nichts von Mozart oder so.

Du machst es einfach. Meistens sehe ich es gar nicht als Üben, sondern mache es einfach. Durch dieses stetige Spielen wirst du automatisch besser. Alles was man bewusst macht, nach dem du das Musizieren oder das Singen entdeckt hast, ist eigentlich üben. Von dem her ist es schwierig zu sagen, wie viel Zeit ich genau dafür aufwende.

Man sagt ja auch: Ein Konzert bringt so viel Übung wie drei Proben oder so.
Das stimmt definitiv. Das auf der Bühne ist Gold wert. Das ist auch immer cool gewesen, dass ich immer schon viel live gespielt habe. Da war es auch irgendwie egal, ob jetzt zehn oder 100 Menschen zugesehen haben. Mir hat das Livespielen immer extrem geholfen. Zusätzlich hat es auch meine Entwicklung stark beeinflusst.


Du bist eine der fleissigsten weiblichen Schweizer Liveacts momentan oder täuscht das?
Wir haben wirklich viel gespielt. Das stimmt. Ich wüsste die Zahlen der Anderen gerade nicht, aber bei den Schweizer Künstlern sind wir ziemlich oben mit dabei, wenn es um die Anzahl der Konzerte geht, was mich schon ein wenig stolz macht. Aber es ist eben auch so «gäbig», wenn ich alleine spielen will, kann ich das auch in jedem Ecken der Schweiz. Es ist irgendwie auch «part of it». Es ist auch spannend aus den zum Teil schwierigsten Voraussetzungen trotzdem noch das Beste herauszuholen.


Wie ist es zu switchen zwischen 20 und 300 Zuhörern?
In der Schweiz sind wir recht verwöhnt, da überall wo wir spielen es immer Menschen gibt, die zuhören. Im Ausland ist es mir bewusst, dass ich dort noch ziemlich am Anfang bin. Von dem her kennen mich die Leute noch nicht.  Aber das ist völlig normal. Darum gehen wir ja dorthin und spielen, damit wir irgendwann wieder dort auftreten können. Beim zweiten Mal sind immer mehr Personen dort.


Wie ist es eigentlich als Frau in der Musikszene? Viele Positionen in dem Business sind ja immer noch von Männern besetzt.
Hat es auch schon den Moment gegeben, dass man dich als Quotenfrau gebucht hat oder du anderweitig auf Ablehnung gestossen bist?

Auf Ablehnung eigentlich nicht. Ich war schon früher immer bei den Jungs dabei, wenn es um Fussball oder anderes ging. Das war für mich nie ein Problem.


Heute finde ich, auf die Schweiz bezogen, stimmt es nur noch semi. Es hat sehr viele gute Schweizer Künstlerinnen. Hier fällt mir gerade noch ein passendes Beispiel ein. Am Glastonbury, wo ich gespielt habe, waren drei von vier Schweizer Künstler, die dort auftreten durften, Frauen. Das ist doch recht cool, aber von dem redet irgendwie niemand.


Also ist es vielleicht nur ein von den Medien gemachtes Thema mit den Frauenquoten in der Musik?
Nicht falsch verstehen, es ist mega wichtig, darüber zu sprechen. Aber ich wehre mich strikt gegen eine Frauenquote. Ich möchte wegen der Musik und nicht weil ich eine Frau bin, gebucht werden. Mir ist es wichtig, dass die Musik den Menschen gefällt. Alles andere wäre einfach…


Der falsche Ansatz?
Ja, das würde sich recht beschissen anfühlen, wenn ich es so sagen darf. Girlpower, das ist wichtig. Aber ich sehe mich, da ich schon auf der Bühne stehe, ein wenig als ein Vorbild für die «Modis» oder junge Frauen selbst auch Musik zu machen. Meine Vorbilder Amy Winehouse, Adele, Beyoncé, Rhianna, Janis Joplin, Billie Eilish – all diese Künstlerinnen höre ich, weil sie geile Musik machen und nicht weil sie Frauen sind. Es ist wichtig darüber zu reden, aber eine Quote ist keine Lösung.

Das heisst, du möchtest eher als motivierende Künstlerin wahrgenommen werden?

Auf jeden Fall. Wobei auch hier möchte ich mich nicht einschränken. An alle Jungs und Mädels da draussen: Musikmachen ist eine gute Sache. Man kann eine Gitarre in die Hand nehmen und loslegen. Macht, was ihr gerne macht. Die Welt ist sonst schon ein genug dunkler Ort. Wenn ich ein Vorbild sein kann, in dem was ich am liebsten mache, dann ist es absolut cool für mich.


Nach dem Interview genoss ich gemeinsam mit gut 500 anderen Zuschauern ihr Konzert auf dem Vorplatz des SALs in Schaan.


Wie wichtig für Veronica Fusaro der persönliche Kontakt zu den Fans ist, zeigte sich durch ihr Auftauchen beim Merchandisestand, wo sie fleissig Autogramme schrieb und mit ihren neuen und alten Fans plauderte. Irgendwie sympathisch und auf dem Boden geblieben. Von ihr wird man in Zukunft sicher noch einiges hören.    


Die neue Single von Veronica Fusaro findet ihr hier.

Weitere Konzertdaten von ihr findet ihr auf ihrer Webseite.

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