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Etwas ist faul im Staate Island
Bild/Illu/Video: Marcus Duff

Etwas ist faul im Staate Island

Kalmann jagt Schwarzkopf, den Blaufuchs, der gar nicht blau ist. Kalmann, der zweitbeste Gammelhai-Produzent Islands, gleich nach seinem Grossvater, aber der macht nichts mehr, der sitzt nur noch im Seniorenheim und wartet auf den Grossen. So ist die Natur, das ist ein Gesetz und dann muss man das halt so lassen.


Kalmann isst am liebsten Hamburger im Restaurant an der Tankstelle an seinem Tisch, an seinem Tisch! Und wenn dort jemand anderer sitzt, wenn er einmal die Woche hereinkommt, dann wird Kalmann wütend: und das geht nicht gut. Allerdings meistens für ihn selbst und für seine Möbel in seinem kleinen Haus in Raufarhöfn, einem kleinen Dorf im Nordosten von Island, circa 2 km vom Polarkreis entfernt. Er kratzt sich die Hände blutig, schlägt sich auf den Kopf, zerreisst seine Kleidung. Aber so ist das eben, das ist ein Naturgesetz, und dann muss man das akzeptieren. Also, Kalmann wird wütend, wenn jemand an dem nur für einen selbst reservierten Tisch sitzt, an dem man seinen Hamburger essen möchte. Denn Jungs mögen Hamburger. Kalmann ist zwar schon 33 Jahre alt (fast 34!), aber er hat die Seele eines ganz jungen Menschen, und eines ganz weisen.


Aber treten wir perspektivisch einen Schritt zurück, obwohl das auf Island gar nicht so einfach ist, ohne sich sofort nasse Füsse zu holen. Wie gesagt: Kalmann jagt Schwarzkopf und dabei trifft er nahe beim Arctic Henge auf eine grosse Blutlache am Boden. Es könnte alles Mögliche passiert sein, sogar ein Eisbär aus dem Norden könnte die 400 km von Grönland herübergeschwommen sein, und dann sind Eisbären sehr hungrig, das weiss Kalmann genau, denn es ist schonmal vorgekommen, auch wenn alle nur sagen, es wären wahrscheinlich doch Schafe gewesen. An mehr kann sich Kalmann nicht erinnern, denn er ist gut im Verdrängen, das war immer schon so und ist ein Naturgesetz.


Kalmann erzählt im Dorf trotzdem davon und setzt damit für das kleine Dorf Raufarhöfn ungewöhnliche Umtriebe in Gang: die Polizei erscheint, Suchtrupps werden ausgeschickt und alle Unterkünfte sind voll wie nie, alle Dorfbewohner in Aufruhr und das Hotel ist überbelegt und im Chaos, ausser natürlich Nadja, eine Litauerin, die für Kalmann wie immer ein Lächeln übrig hat. Aber der Dorfkönig Róbert McKenzie, der seit Kurzem vermisst wird, wird nicht gefunden. Die Polizistin Birna leitet die Untersuchungen und, obwohl sie nicht aus Raufarhöfn ist, mag Kalmann sie irgendwie.


Es geht um einen vermuteten, dann bestätigten Todesfall in nordisch-kühlem, aber keineswegs dörflich-sturem Ambiente. Die Menschen sind spezielle Charaktere, vom Dichter Bragi mit den schwarz-lackierten Fingernägeln, Magga, die Gammelhai zum Sterben gern hatte, bis zu Kalmanns einzigem Freund Nói, mit dem er sich allerdings nur per Internet unterhält, und den er, um der Wahrheit Genüge zu tun, noch nie gesehen hat, naja, ausser seinen Pullover auf dem Bildschirm, und auf dessen Brust «You Shall Not Pass» aufgedruckt ist – nicht hinterwäldlerisch eben, nur anders, wahrscheinlich auch für isländische Verhältnisse anders.


Was an diesem Buch fasziniert, ist nicht nur das Spannende an dem Roman: was ist denn nun mit McKenzie passiert, gibt es eine litauische Drogenmafia? Sondern was die Gesamthandlung umgibt ist der so ungemein seelen-erfrischende Aufzug der Menschen: die Akteure sind so normal-anders, so warmherzig in ihrem Zusammensein und doch so wie mit einer Kettensäge aus Bündner Arvenholz geschnitzt. Und dies wäre keine Überraschung, stammt der Autor doch vom Heinzenberg. Auch Kalmann ist normal-anders, er scheint mit Trisomie 21 geboren worden zu sein – «die Räder in Kalmanns Kopf [laufen] manchmal rückwärts», – aber die Innensicht aus seiner Perspektive schafft ein Gefühl der Normalität, die wärmt und horizontverschiebend ist.


Ich habe beim Lesen kein Bedauern mit Kalmann gespürt, das wäre auch völlig überflüssig gewesen, weil alles, das Schüchtern-Sein, das Selbstverletzen, damit niemand anderes verletzt wird, das Brüllen, das Möbelzerlegen, das Bestehen auf DEM Tisch im Restaurant, weil man da immer sitzt: und das ist ein Naturgesetz, so normal ist, so zum Leben gehört, so einfach eben so ist. Und es weitet den Kosmos des Normalen zu solchen Galaxien aus, dass sogar meine Normalität, mein Merkwürdig-Sein, meine Macken und Launen darin aufgehen können. Ich werde dankbar zum stillen Bürger von Raufarhöfn. Korrektomundo.


Joachim B. Schmidt, Kalmann, Zürich: Diogenes, 2020

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