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Bild/Illu/Video: Christian Imhof

«Ich hatte den Nachhaltigkeitsgedanken schon immer»

Es ist eine ganz spezielle Geschichte, wie es die gelernte Floristin Rita Limacher vor über 20 Jahren aus dem Luzernischen in die Region verschlagen hat. «Viele haben das Gefühl, dass ich wegen der Liebe hier her gekommen bin, doch die Wahrheit ist, dass ich einfach mal nach ‘freistehenden Ladenlokalen’ gegoogelt habe.» Damals sei dies noch nicht so alltäglich gewesen, wie sie mit einem Schmunzeln auf den Lippen erklärt. Sie sei dann in Bad Ragaz gelandet, wo sie in einem alten Gebäude zwischen Coop und Hauptstrasse über acht Jahre hinweg ihre Kundschaft begrüssen durfte. Doch dann habe Amor doch noch zugeschlagen. Sie habe ihren Mann kennengelernt und sei mit ihm auf die andere Seite des Rheins gezogen. «Es hat sich ergeben, dass wir Ende 2010 hier am Stutz 4 unser neues Zuhause gefunden haben.»

Upcycling ist keine Modeerscheinung
Es sei schon nochmals ein Neustart gewesen in Maienfeld, da sie neben den neuen Räumlichkeiten 2010 und 2013 zudem auch noch Mutter geworden sei. Doch viele ihrer Stammkunden seien mitgekommen, was wahrscheinlich daran liege, dass ihre feilgebotenen Produkte allesamt Unikate sind. «Viele meiner Kunden suchen nach etwas Einzigartigem, was sie nicht an jeder Ecke kaufen können und hier kann ich wirklich sagen, dass nicht ein Produkt gleich wie das andere ist. Logisch gibt es Überschneidungen und meine Handschrift ist auch spürbar, aber jedes Stück gibt es so nur ein Mal auf der Welt.» Das Wiederverwenden statt Wegwerfen von alten Dingen, welches ja inzwischen ziemlich trendy ist, hatte Rita Limacher schon immer. «Ich hoffe, dieses Upcycling ist etwas, was nicht eine Modeerscheinung bleibt, sondern sich verfestigt im Alltag. Ich hatte den Nachhaltigkeitsgedanken schon immer, denn man kann mit dem, was schon da ist, so viel erschaffen. Immer alles wegwerfen, ist einfach nur schade.» Ihre Ressourcen-schonende Arbeit spiegelt sich natürlich auch in ihrem Atelier wieder. Dort liegen neben alten Bälkenhaltern, aussortiertem Besteck und vielem mehr auch die Kränze, die am Weinfest noch die Brünnen von Maienfeld geschmückt haben. «Ich weiss, viele würden so etwas wegwerfen, doch ich finde praktisch für alles eine Wiederverwertung. Oft kaufe ich auch auf Flohmärkten Dinge, von denen ich nicht weiss, wie ich sie brauchen kann, doch bis jetzt fand jedes antike Ding irgendwo einen Weg ein Werk stimmig zu vollenden.»  


Entdecken und erinnern
Viele der nicht gerade alltäglichen Dekorationsgegenstände erzählen laut Limacher eine Geschichte. Es sei für sie immer spannend zu sehen, wie Menschen vor ihren Werken stehen, dabei Botschaften zwischen den Zeilen entdecken oder gar Erinnerungen aufkommen. «Ich bin immer auf der Suche nach so speziellen Dingen, die früher zum Alltag gehörten, heute aber kaum noch in Gebrauch sind. Das weckt dann bei vielen Kunden nostalgische Gefühle und sie werden ganz emotional, was ich immer sehr schön finde.» Vom Bergwerk Gonzen hat Limacher beispielsweise alte Stromleiterdosen erhalten, die sie in neuartige Kerzenständer umfunktioniert hat. «Unterbewusst spielt das vielleicht auch ein wenig auf die Energiekrise an und soll uns alle mahnen, wieder bewusster mit Strom umzugehen.» Hin und wieder schafft Limacher es mit ihren Werken aber auch, einem auf eine falsche Fährte zu locken. Beim Tisch direkt beim Eingang des Geschäfts wird nämlich suggeriert, dass ein Restaurant unzählige Röhrli spendiert hat, dabei sind die Dinge, die den Tisch zusammenhalten aus alten Telefonbüchern, nämlich von jedem Schweizer Kanton eines, zusammengesetzt. Da dieses ab dem nächsten Jahr nicht einmal mehr gedruckt wird, könnte es sein, dass sich dieser Tisch zu einem Stück Geschichte wird und mit den Jahren sogar noch an Wert gewinnt.

Immer arbeiten oder nie
Doch Rita Limacher geht es nicht primär um das grosse Geld, das man mit solchen Kuriositäten verdienen könnte. Das zeigt auch die Coronazeit, in der sie ihr Atelier ein wenig hintenangestellt hat und lieber darauf schaute, wie ihre Kinder zuhause mit dem Homeschooling zu Recht kamen. Wichtig sei, dass ihre Kunden etwas Einzigartiges mitnehmen können, was ihnen noch lange Freude bereite. Sie sei dankbar mit ihren Leidenschaften dem Gestalten und Kunstwerken ein Einkommen zu generieren. Aber so richtig, wie arbeiten fühle sich das nicht an. «Die Leute fragen mich immer, woher ich die ganze Energie nehme, da sage ich immer, dass ich einen Job gefunden habe, bei dem ich zwar immer am Arbeiten bin, es sich aber nie wie arbeiten anfühlt.» Das Ergebnis dieser Leichtigkeit zeigt sich im Untergeschoss des Gebäudes, wo Limacher ihre aktuelle Ausstellung aufgebaut hat. Obwohl die Werke nicht total auf den Advent oder Weihnachten zielen, vermitteln sie einem ein besinnliches Gefühl. Während im Hintergrund traditionelle Hackbrettmusik erklingt, erinnere ich mich dank dem stimmigen Gesamtbild persönlich zurück an schöne Zusammenkünfte mit der ganzen Familie. Und ist es nicht genau das, was wir gegen Ende Jahr zu alle tun sollten? Dankbar zurückschauen, innehalten und uns erfreuen an unseren Liebsten? Bei mir hat die Ausstellung von Rita Limacher genau das ausgelöst und deshalb kann ich sie allen nur wärmstens empfehlen.

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