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In und aus der Raumkapsel
Bild/Illu/Video: Alice Gabathuler

In und aus der Raumkapsel

Also greife ich auf das zurück, was mir schon letzten November den Hintern gerettet hat: ein textliches Selfie, eine Momentaufnahme vom Hier und Jetzt. In diesem Hier und Jetzt lese ich die Druckfahnen der vier neuen da bux-Bücher, die im Herbst 2022 erscheinen werden. Prüfe den Satz auf Zeilenfehler, Absätze, Abstände und andere Formalitäten. Das Korrekturlesen wird unsere neue Korrekturleserin Jutta Wilke übernehmen, denn ich bin zu nahe an den Texten dran, um noch irgendwelche Tipp- oder Rechtschreibfehler zu finden, und wenn, dann sind es Zufallsfunde. Morgen treffe ich mich mit meinem Verlagskollegen Tom Zai, der den Text gesetzt hat, zu einer Satzkonferenz, in der wir gemeinsam ausbügeln, was noch nicht satztauglich daherkommt.


Was das mit einer Raumkapsel zu tun hat? Nun ja, ich fühle mich gerade wie in einer, und zwar einer, die mit viel zu hoher Geschwindigkeit in die Erdatmosphäre eintritt und zu Verglühen droht, weil mir die Deadlines auf den Fersen sind wie eine Horde ausgehungerter Aliens auf der Suche nach was Essbarem (mir).

Auf das Bild der Raumkapsel bin ich nicht selber gekommen; mich hat ein Buch darauf gebracht, das ich in der letzten Kolumne vorgestellt und in den Ferien gelesen habe: Wie man eine Raumkapsel verlässt. Ich habe nachgeschaut, wie das Buch im Original heisst, und war beinahe ein wenig enttäuscht. What I leave behind. Für einmal gefällt mir der deutsche Titel wesentlich besser als der englische, nicht zuletzt, weil David Bowie und sein Space Odditiy mit dem Spruch «Ground Control to Major Tom» eine entscheidende Rolle spielen. Hier entlang geht’s zum Reinhören und Reingucken.


Das Buch umfasst hundert Kapitel à je hundert Wörter. Ich liebe ja solche Experimente beim Schreiben, in denen Form und Inhalt die perfekte Symbiose eingehen, und genau das tun sie im Buch von Alison McGhee. Ich habe die Wörter verschlungen, mich über rasiermesserscharfe Sätze gefreut (regelmässige Leser*innen dieser Kolumne wissen, wie wichtig die für mich sind) und bin voller Mitgefühl dem sechzehnjährigen Will gefolgt, der den Selbstmord seines Vaters vor drei Jahren nie wirklich verarbeitet hat, und der den Schmerz über das, was seiner Freundin Playa passiert ist, fast nicht aushält. Deshalb läuft Will. Durch die Gegend. Zur Arbeit. Irgendwohin. Aber nicht überall hin. Weil es Orte gibt, die zu sehr wehtun. Er trifft Menschen, hilft ihnen, ohne etwas dafür zu wollen und verändert dadurch nicht nur ihr Leben, sondern auch seins. Denn: Auf immer und ewig kann kein Mensch in seiner Raumkapsel bleiben. Irgendwann muss man sie verlassen.


Das gilt auch für mich. In ein paar Stunden wird meine Raumkapsel knapp vor der Deadline mehr oder weniger sanft landen, ich werde diese Kolumne abschicken und morgen vorbereitet zur Satzkonferenz fahren.

PS: Im Bild zur Kolumne sehen Sie das Buch «Wie man eine Raumkapsel verlässt» und einen Einblick in meine Arbeit als Satzprüferin. Ich hoffe, ich kann meine Kommentare morgen noch lesen.


PPS: Ich hätte die heutige Kolumne auch «Wie man ein perfektes Maisfladenbrot hinbekommt» nennen können. Wenn Sie wissen möchten warum, werden Sie wohl oder übel in das Raumkapselbuch reinlesen müssen. Hier geht’s zur Leseprobe: https://www.buchhaus.ch/de/buecher/jugend/ab12/detail/ISBN-9783423640718/McGhee-Alison/Wie-man-eine-Raumkapsel-verl%C3%A4sst?bpmctrl=bpmrownr.1%7Cforeign.523452-1-0-0#r499837-0-531649:509225:361832

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