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Nehmen uns Fotos die wahre Erinnerung?
Bild/Illu/Video: Stefan Schwarz

Nehmen uns Fotos die wahre Erinnerung?

Die Performance der Vorband kommt ihnen ewig vor, mit den gezückten Handys warten sie auf das Erscheinen ihres Idols. Als er dann endlich auf der Bühne steht, haben sie den Moment fast verpasst, da sie verkrampft versucht haben, die beste Bühnenaufnahme hinzubekommen. Sie kümmern sich jedoch nicht weiter darum, da die Stimmung fantastisch ist. Es bleibt ja noch genug Zeit ein perfektes Video für die Instagram Story hinzubekommen. Das Konzert war super, doch im Nachhinein mussten sich beide eingestehen, dass sie zu wenig mitbekommen haben. Die beiden Freundinnen waren die ganze Zeit damit beschäftigt, das perfekte Video hinzubekommen.


Kommt dir das bekannt vor? Bei einem total aufregenden oder einfach schönen Moment versuchst du verkrampft, das beste Foto oder Video für die sozialen Medien oder für dein Fotoalbum hinzubekommen? Danach hast du das Gefühl, den Moment gar nicht richtig erlebt zu haben oder er kam die besonders kurz vor. Egal, immerhin hast du einen interessanten neuen Beitrag für deine Social Media Accounts! Doch schon nach ein paar Wochen oder sogar Tagen merkst du, dass du die Videos sowieso nicht mehr beachtest und sie mit hunderten weiteren deinen Speicherplatz füllen. Nach einigen Jahren wirst du sie vielleicht sogar aussortieren. War es nun wirklich wert, durch den Drang, das Erlebnis als Erinnerung festhalten zu wollen, den eigentlichen Moment zu verpassen? Dafür, dass die festgehaltene Erinnerung gar nicht dem entspricht, was du wirklich erlebt hast?


Mir ging es einst sehr ähnlich wie den zwei Mädchen in dem obigen Beispiel. Es handelte sich auch um ein Konzert. Ich habe das Konzert zwar genossen, jedoch meistens nur durch die Kamera den Sänger verfolgt. Dann hätte ich mir auch eine Aufnahmen aus dem Internet ansehen können! Am Ende war ich also irgendwie unzufrieden, da ich feststellen musste, dass ich die Eindrücke, die ich an diesem Konzert erhielt, niemals genauso festhalten konnte und die Videos sowieso eine miserable Qualität hatten. Ich schwor mir, beim nächsten Mal weniger Aufnahmen zu machen. Das Resultat: Ich konnte das nächste Konzert richtig geniessen.


Manchmal habe ich das Gefühl, dass es heutzutage nur darum geht, das beste Bild als Erinnerung zu bekommen. Dabei verpasst man den eigentlichen Moment. Keinen Sonnenuntergang, keine Partystimmung, keine romantische Stimmung kann man mit einem Bild genauso einfangen, wie es in Wirklichkeit war. Die Erinnerungen leben in unseren Gedanken, unseren Köpfen. Dort sind sie sowieso am buntesten und detailliertesten. Kann man sie jedoch nicht in vollen Zügen geniessen und erleben, wenn sie geschehen, dann wird man sich später auch nicht mehr gut daran erinnern können. Wenn man im Moment des Geschehens mit der Kamera beschäftigt ist, ist es fast nicht möglich, alles was geschieht mit vollem Bewusstsein zu erleben. Es hat ja einen Grund, weshalb das Hochzeitspaar einen Fotografen anstellt und nicht selbst mit der Kamera herumläuft.


Fotos sind zwar eine tolle Erfindung und haben ihren Zweck, jedoch ist es auch mal schön, ein Ereignis zu geniessen, indem man voll und ganz präsent ist. Ich persönlich sehe mir auch total gerne Fotos an, dies möchte ich nicht komplett schlecht reden, nur werde ich mir immer öfter bewusst, dass die Fotos mich in zwanzig Jahren wahrscheinlich nicht mehr interessieren werden. Es hilft mir, zu überlegen, was mir mehr wert ist: Den Moment zu erleben oder das perfekte Foto zu schiessen.

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