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Tintenpatrone
Bild/Illu/Video: Lucas J. Fritz

Tintenpatrone

Bevor Schreiberling X tatsächlich zu schreiben beginnt, gönnt er sich eine selbstgedrehte Zigarette. Als der Entschluss gefallen ist, dass in den nachfolgenden Augenblicken des aktuellen Hier und Jetzt eine Geschichte entstehen soll, steht er von seinem alten Holzstuhl vom Tisch am Fenster auf, dreht sich um seine eigene Achse, langsam, mit aller Würde, die einem Schreiberling zugute kommt, und greift von dem einzigen kleinen Regal an der Wand seine Drehutensilien. Xavier setzt sich und beginnt sich eine Zigarette zu drehen. Die Abfolge der einzelnen Augenblicken ist vorherbestimmt von der Unendlichkeit der Wiederholung. Vor jedem neuen Text ist es das Gleiche, wobei er sich in zunehmender Anzahl von Momenten fragt, ob er nicht besser nach dem Vollenden der Geschichte seine Zigarette drehen und rauchen möchte. Soll es Teil der Geschichte sein, als Vorbereitung auf den eigentlichen Akt des Schreibens oder möchte er lieber die Zigarette und den Akt des Schraubens als Belohnung für den eigentlichen Akt, die Geschichte sehen. Führten nicht beide Zigaretten, davor oder danach zum gleichen Resultat? Um das herauszufinden müsste Xavier sich selbst und alles was lebt, davon überzeugen einen einzigen Tag lang sich gleichermassen zu wiederholen. Das Einzige, was er dann verändern würde, wäre dass er am ersten Tag gewohnheitsmässig seine Zigarette vor dem Schreiben konsumierte und am zweiten Tag, wieder der unendlichen Wiederholung dieses Aktes die Zigarette nach dem Schreiben zu konsumieren. Wie sollte er dies bewerkstelligen? Dafür durfte er doch nicht einmal selbst wissen, das der vorherige Tag sich wiederholte. Denn sonst würde alles anders werden. Im Unwissen der Antworten auf alle seine Fragen hielt er inne mit dem Schreiben, schloss seine Augen und atmete tief ein, so tief er nur konnte. Als Lunge und Bauch vor lauter Atemluft zu bersten drohten, stiess er sie aus, in einem einzigen Schwall. Genug von den Fragen, dachte er sich, damit konnte er doch keine Geschichte aus dem Hut zaubern. Und weil er sich selbst genug war, begann er darüber zu schreiben wie er ist, wenn er schreibt. Wo und wann er ist. Wieso er ist, war nicht wichtig. Das Warum einer Geschichte zerstörte immer die Geschichte selbst, der Autor ist nicht befugt das warum zu definieren, ihn hat allein hat die Geschichte zu interessieren. Nicht einmal der Ablauf der Gesichte hat den Schreiberling X und alle anderen Schreiberlinge der Welt zu interessieren. Sie alle sollen eine Geschichte in den besten ihnen zur Verfügung stehenden Worten verfassen und das Warum in Gottes Namen dem Leser überlassen.


Seine Haltung beim Schreiben ändert sich von Abschnitt zu Abschnitt ständig. Er verändert sich gewissermassen mit der Geschichte, die aus ihm entsteht. Gefühl und Gedanke um den Rhythmus beherrscht sein gesamtes Wesen im Schreiben. Ist die Geschichte, die da eben aus ihm heraussprudelt ruhig und voller Fragen so liest sie sich langsam und bedeutend. Seine Haltung beim Schreiben gleicht völliger Objektivität der Geschichte selbst gegenüber. Subjektiv sind nur die Worte, die er zur Erfassung der Geschichte für menschliche Sinne verwendet. Sein Blick ist manchmal minutenlang auf das immer neu geschriebene Wort gerichtet. Sein gesamtes Sein war für diese Momente von Augenblick zu Augenblick keiner Veränderung unterzogen. Und doch verändert er sich beständig, ganz so wie sich die Geschichte von Satz zu Satz verändert. Im war dies nicht bewusst, und doch war ihm als ob die gesamte Welt für ebendiese Augenblicke stillgestanden hätte. Seine Ohren sind taub, während er schreibt und die Geschichte mit aller Konsequenz aus sich heraussprudeln lässt. Er hört nichts ausser das Krazen des Füllfederhalters auf dem Papier. Sein Geruchssinn ist noch da, wenn auch begrenzt. Es konnte noch so gut nach Essen riechen aus dem Küchenfenster der Wohnung von der gegenüberliegenden Strassenseite. Er würdigte dem Geruch keinen Moment seiner Aufmerksamkeit, weder mit der Nase, noch wandte er den Blick von den eben geschriebenen Worten ab. Die Ewigkeit war jetzt, jetzt war die Ewigkeit. Würde er für immer so weiterschreiben können, hätte ihn Unsterblichkeit erfasst. Nur ein Problem gab es, die Tintenpatrone, die schon halb leer war. Dann hatte die Zeit also doch nicht stillgestanden? Er hatte auch die Tintenpatrone keines Blickes gewürdigt, hatte nur gespürt, wie der blaue Saft mit jedem neuen Wort, das er schrieb weniger wurde, langsam herauströpfelte auf die weissen Seiten. Er erinnerte sich der Zigarette, die er vor Beginn der Geschichte zuerst hatte rauchen wollen. Wo war sie geblieben? Hatte er sie überhaupt geraucht? Noch würde er es nicht wissen können, die Geschichte liess ihn nicht den Blick von den Worten abwenden. Die Geschichte, die durch ihn heraus aufs Blatt sprudelte, hatte sich selbst noch nicht erzählt, und bevor dies nicht geschehen ist, durfte er nicht nachsehen, ob er die Zigarette schon geraucht hatte oder nicht. Eine Erinnerung daran hatte er nicht. Was jetzt zählte war die Geschichte.


Ohne zu ahnen, dass die Geschichte anders werden würde, als alle Vorherigen, wurde er sich bewusst, dass nur noch wenig Tinte in der Patrone verblieb. Er fühlte sich wie ein Soldat im Krieg, dessen Vorrat an Schüssen langsam schwand, während er den Feind noch nicht niedergestreckt hatte und nicht wusste, wie viel Schuss dem anderen verblieben. Schwäche konnte er nicht zeigen, schiessen musste er, sonst hätte der andere seine Schwäche erkannt und hätte sich näher an ihn herangewagt, ständig von Deckung zu Deckung huschend, bis er schliesslich vor seiner Nase gestanden hätte, selbst mit leerem Magazin und ihm das Messer zwischen die Rippen gestossen hätte. Doch noch war es nicht soweit. Schreiberling X hatte noch keine Schwäche gezeigt, hatte beständig weitergeschossen. Es war alles ein einziger Bluff, und die Patrone als Schreiberling und das Magazin als Soldat war Wort um Wort, Schuss um Schuss leerer und leerer geworden, bis schliesslich nur noch genug Farbe für zwei Sätze blieb:

Hatte er die Zigarette schon geraucht oder war es ihm heute gelungen, gestern mit einer Veränderung zu rekonstruiren? Hatte er dem Universum ein Schnippchen geschlagen?


Was Xavier nicht mehr niederschreiben konnte, weil ihm die Farbe ausgegangen war und wir trotzdem wissen wollen: Ja, die fein säuberlich vorgedrehte Zigarette lag unangetastet auf dem Tisch und während diese Zeilen gelesen werden, ist der besagte Schreiberling schon dabei sie wegzurauchen. Was er sich wohl dabei denkt?

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