Verschwörungsmythen im Test
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Verschwörungsmythen im Test

In den USA herrscht in Wirklichkeit der Deep State, der «Staat im Staate» und bekämpft den gegenwärtigen Präsidenten, weil seine «Reformpolitik» den geheimen Kräften wie Geheimdiensten, Sicherheitsbehörden und allgemein den Ministerialbeamten, die alle ihre eigenen Agenden verfolgen, ihren Einfluss entziehen würde. Oder auch nicht: Trump hat ja im März Mike Pompeo, den Chef des State Departments, also des Aussenministeriums, zurück ins Deep State Department geschickt.


Was allen diesen Verschwörungen gemein ist, sind zwei Punkte, die bereits in der Überschrift zu erkennen sind: «Mythen» und «die»!

In seinem neuem Buch Verschwörungsmythen geht der Autor Michael Blume, seines Zeichens baden-württembergischer Regierungsbeauftragter gegen den Antisemitismus, diesem ja gar nicht neuen Phänomen fundiert, sachlich und erschreckend gegenwärtig auf den Grund. Allerdings werden diese Konzepte meistens als «Verschwörungstheorien» bezeichnet, einem Begriff, den Blume gleich zu Beginn als inkorrekt und voll von unrechtmässiger Anerkennung entlarvt: Theorien sind Gedankenkonzepte, die sich wissenschaftlich-rationaler Untersuchung unterwerfen und verifiziert oder falsifiziert und dann den Ergebnissen angepasst werden. Verschwörungstheorien tun dies eben gerade nicht, sie sind eher «Verschwörungsfantasien», die ihre vermeintliche Glaubwürdigkeit aus «schierer Verbreitung und le-diglich gefühlter Plausibilität» schöpfen.


Die erste der grossen Fehlannahmen, mit denen sich Blume beschäftigt, ist die, dass dieje-nigen, die Böses tun eben «zu wenig nachgedacht» hätten und dass «Denken immer gut» wäre. Dem widerspricht, dass mehr als die Hälfte aller Teilnehmer der Wannseekonferenz 1942 zur sogenannten «Endlösung der Judenfrage» einen Doktortitel trugen und 41% der SS-Offizieren eine Universitätsausbildung genossen hatten (die Zahlen sind aus George Bowders Buch aus dem Jahr 1996).


Aber was ist es denn, dass auch Hochgebildete, Intellektuelle solch im Grunde simplen Verfolgungsmythen auf den Leim gehen können? Blume sieht dazu als eine Wurzel das Platonische Höhlengleichnis mit der impliziten Idee des Retters oder Messias, der die Verblendeten aus der Täuschung führen wird (Jair Messias Bolsonaros zweiter Vorname ist hier sicher Programm). Man ist entweder gefesselt und verblendet oder man erkennt die eine Wahr-heit, es gibt entweder «sie» oder «uns». Und es ist leichter, Ereignisse Akteuren im Dunkeln zuzuschreiben – gute Dinge unterbleiben, nicht weil sie einfach und zufällig nicht passieren, sondern weil jemand sie aktiv und böswillig verhindert: Luzifer, der Böse, mein Nachbar, die andere Partei.


Blume erzählt eine interessante Geschichte: Lily und ihr Vater gehen spazieren und einkaufen, dabei sehen sie wiederholt einen Mann mit Sonnenbrille und roter Baseballkappe. Als der Vater Lily etwas erklären will, ist Lily verschwunden und der Mann mit Sonnenbrille auch. In der zweiten Version der Geschichte gehen beide wieder einkaufen, niemand fällt ihnen auf. Nachdem sie die gesuchten Cornflakes gekauft hatten, gehen sie nach Hause und bleiben eine glückliche Familie.


Welche Geschichte fanden Sie spannender? Welche würden Sie gern weiterlesen?


Wieso finden wir Geschichten packender, die unsere Ängste ansprechen und in denen wir Feinde definieren können? Die Antwort liegt in unserer, durch unsere menschliche Entwicklungsgeschichte ausgeprägten Aufmerksamkeitspräferenz für Böses: es ist besser, tausendmal einen Busch für einen wilden Bären zu halten als einmal einen wilden Bären für einen Busch.


Damit wird die dauernde Suche, die permanente Ausrichtung auf mögliche Gefahren zur sinngebenden Komponente: Gutes kann nicht ohne Böses funktionieren und ein Leben bekommt einen Sinn, wenn es sich von Bösem umgeben fühlt. Sherlock Holmes ohne Moriarty? Batman ohne den Joker, Superman ohne Lex Luthor, Gilead ohne die restlichen Staaten der ehemaligen USA? Es ist schon fast eine Selbstzerfleischung, wenn Hawkeye bei den Avengers fragt: «Wen rächen wir eigentlich?»


Gibt es denn in uns selbst kein Gewissen, keine Instanz, die uns darauf aufmerksam macht, dass wir dabei sind, in einem sektiererischen, wahnhaften Sumpf zu versinken? Doch, gibt es, sogar anatomisch-physiologisch nachweisbar: den dorsolateralen anterioren cingulären Cortex (kurz: dACC). Dieser Teil in unserem vorderen Hirn erzeugt ein angenehmes Gefühl, wenn er eine Übereinstimmung zwischen unserem Denken und unserem Handeln feststellt und macht uns unruhig, wenn dem nicht so ist. Leider lässt er sich leicht umgehen, was allerdings eine aktive Denkarbeit voraussetzt: wir müssen den Grund für unser Handeln, die Schuld an der Tat, nur umkehren. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger hat daher der «Judenschaft» in Deutschland zu der Zeit vorgeworfen, das «Prinzip der Zerstörung» selbst zu verkörpern, ihre Verfolgung und die Untaten, die sie zu erleiden hatten, selbst hervorgerufen zu haben.


«Nicht ich habe Stromstösse verabreicht, die bis zum Tode führen können,» sagten mehr als 65% der Teilnehmer an Stanley Milgrams internationalem Experiment zum Gehorsam gegenüber Autoritäten, «sondern ich habe nur die Anweisungen ausgeführt. Ich würde so etwas von mir aus ja nie tun.»

Der dACC war zufrieden.


Ein weiterer Irrtum wäre anzunehmen, dass dies inzwischen überholt sei, wir heute aufgeklärter, selbst-bewusster geworden sind: weit gefehlt. Als unrühmliches Beispiel dafür mag die vorgebliche Musikkritik von Helmut Mauró gelten, die am 16. Oktober 2020 in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. Sie beginnt mit einem zwar fragwürdigen, aber möglicherweise noch akzeptablen Vergleich der Legato-Fähigkeiten des Pianisten Igor Levit mit denen von Trifonov. Danach verlässt der Musikkritiker aber den Musikbereich und wird persönlich. Auch wenn man Levits politische Äusserungen nicht teilen kann, und mir geht es manchmal so, dann ist es doch wichtig, dass er seine Stellungnahmen gegen Rechtsradikalität und Antisemitismus äussern kann. Sie als «Opferanspruchsideologie» zu bezeichnen, er nähme ein «ein opfermoralisch begründbares Recht auf Hass und Verleumdung» in Anspruch, zeigt immer noch die gleiche Verdrehung wie bei Heidegger.


Wolf Biermann treibt dies 1990 in seinem Lied für seinen Freund Robert Havemann polemisch auf die Spitze, wenn er singt: «Jetzt weiss ich: Sie haben uns alles verziehen, was sie uns angetan haben.»

Zwei Erkenntnisbereiche haben sich mir nach der Lektüre dieses wertvollen Buches aufgetan:

Einerseits brauchen wir alle Schuldige dafür, dass uns Schlechtes widerfährt, einfach «shit happens» ist uns im Normalfall nicht genug Erklärung. Andererseits schützen Bildung und Intelligenz nicht vor der Falle des Dualismus, vor dem «Die anderen sind doch selbst schuld»! Verschwörungsmythen geben einer immer komplexeren, säkularer werdenden Welt einen einfachen Sinn.


«Die tatsächliche bittere Wahrheit ist, dass weder Selberdenken noch Technologie, formale Bildung oder sublime Hochkultur vor dem Bösen schützen, in dem wir uns selbst verlieren,» schreibt Blume.

Die Zerstörung von Mythen macht das Leben nicht leichter, sie macht die Flucht aus einem inhaltsleeren Leben in einen Kampf gegen imaginäre, internationale Komplotte unmöglich und sie zwingt zu einem kontinuierlichen Hinterfragen eigener Haltungen und Handlungen: «liegt das Böse wirklich ausserhalb von mir?» – eine ungeheure Anstrengung, die aber letztendlich ihre eigene Belohnung in sich trägt.


Michael Blume, Verschwörungsmythen, Ostfildern: Patmos Verlag, 2020

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