«Westminster Abbey»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Westminster Abbey»

«Latte Macciato haben wir im Angebot, mit Vanillearoma gratis dazu, 3 Euro.» Sie sah ganz anders aus als Nora, aber ihre Augen blitzelten. Er überlegte zu lange, sie legte den Kopf schief. «Ja, ja, bitte!» «Wollen Sie auch die Eiskarte?» Er zuckte zusammen. «Nein, vielen Dank.» Er versuchte, ihr nicht hinterher zu schauen. In einen Latte gehört keine Vanille, aber heute war alles egal. Das war sein Tag. Er überlegte, ob Nora eingeschaltet hatte. «In einer Minute sind wir auf Sendung», sagte der Lange mit dem Kopfhörer.


Die Woche zog an ihm vorbei.

Montag. Nora saß in ihrer Glaskapsel. Das Rot in ihren Haaren war noch kräftiger als sonst, und auch die Tätowierungen schauten irgendwie grimmiger als letztes Mal. «Ich kann Dir kein Geld geben. Nicht einfach so. Du weißt das. Es sind jetzt 32’000. Auch der Boss wird Dir nichts geben. Du hast schon den grössten Dispo im Ort.» Er kam jeden Montag in die Volksbank, um sich nach seinem Dispo zu erkundigen und um ein bisschen mit Nora zu reden. Sie lächelte, nicht mal traurig. «Bis dann!» «Ja, bis dann!»

Am Mittwoch hatte er dann gewonnen. Es war um 7:12 Uhr gewesen. Gegenüber der Volksbank hatte das Plakat gestanden, und es stand immer noch da. «Wir zahlen Ihre Rechnung. Bis 40’000 Euro. Zehn nach Sieben – Hitradio.» Am nächsten Tag hatte er ein paar Mal angerufen gehabt. «Hallo, wer ist da in der Leitung?» «Rüdiger hier, Rüdiger Alles!» «Sie heissen Alles? Na, dann wollen wir doch mal sehen, ob Sie alles kriegen.» Er ließ es geschehen. «In welcher Kirche heiratete…» «Westminster Abbey!» Der Moderator schnappte nach Luft. Rüdiger lächelte. Er liebte es. Neun Fragen später, von denen der Moderator nicht alle zu Ende lesen musste, hatte er gewonnen.


«Das machst Du nicht!» Nora hatte noch nie so böse geguckt. Ihre Tätowierungen schauten eher unentschlossen heute. «Rüdiger. Damals die Erbschaft. Bums, Schulden weg. Ein Jahr später waren es schon wieder 70’000. Einfach für nichts, die besten Restaurants, Hotels, Bars. Privatinsolvenz, alles abgeschüttelt, toll. Und jetzt hast Du 32’000. Wenn Du das jetzt machst, weisst Du, was passiert.» Er starrte sie an. «Bist Du noch ganz dicht? DIE ZAHLEN MIR DIE SCHULDEN! BIST DU BLÖD?» Nora stand auf einmal neben ihm, das hatte sie noch nie gemacht. «Rüdiger» (Er hasste es, wenn sie das so sagte). «Du hast Dich zweimal Deiner Schulden entledigt. Jetzt das dritte Mal. In einem halben Jahr stehst Du doch an derselben Stelle. Du musst langsam mal anfangen, wieder zu arbeiten. Mach Dein Eis. Du könntest Millionär sein. Die Leute kamen aus Berlin dafür, Du weißt das doch.» Sie guckte ihn ganz komisch an. Die Decke der Volksbank hatte ein seltsames Grün. «Rüdiger. Versteh‘ doch. Nimm es als Investition. Aber dafür würden wir Dir ja auch Geld geben, sofort. Mach‘ wieder Deine Eisdiele. Dann hast Du das in sechs Monaten wieder raus. Du machst das beste Eis bis Berlin.»


«Achtung, noch 20 Sekunden, bitte!» Die Braunhaarige stellte ihm den Latte hin, das Glas war mittelgross, der Schaum sackte langsam nach unten. «10 Sekunden, bitte!» «Und hier sind wir jetzt in Borcherts Cafe, mit dem Gewinner unseres großen Gewinnspiels «Wir zahlen Ihre Rechnung». Und jetzt sitzt er mir tatsächlich gegenüber – der Mann, der alle Antworten vor der Frage wusste.» Der Vollbart schüttelte sich vor Lachen. «Rüdiger – ich darf doch Rüdiger sagen – Sie haben jetzt 10 Sekunden Zeit, um uns die eine grosse Rechnung zu benennen, die wir zahlen werden.» Ein Jingle ertönte: «Bis zu VIERZIG – TAUSEND – EURO!» Von draussen drückten sich Leute gegen das Schaufenster. «Rüdiger – das ist Ihr Moment. Die 10 Sekunden laufen – jetzt!» Eine Kunstpause. «Der Latte Macciato hier kostet 3 Euro. Wenn Sie den bitte zahlen könnten?» Es war sein Moment. Er sandte einen Wunsch ab, diesmal an das Universum, nahm einen Schluck, schob den Gedanken beiseite, wie viel der Schluck wohl wert wäre und überlegte, ob Nora eingeschaltet hatte.



















Markus Witte, Deutschland

www.the-moment.com

Lesungen - Prosa und Lyrik. * 1975 in Mecklenburg-Vorpommern. Lebt in Hannover und Brandenburg.  Jurist (unter anderem Norddeutscher Rundfunk / Rundfunk Berlin-Brandenburg / seit 2009 in Niedersachsen). 2005 – 2008 nebenberuflicher Dozent an der Hochschule für Musik und Theater, Hamburg (Studiengang Kultur- und Medienmanagement). Mitautor eines Sachbuchs bei C.H. Beck, München.  Veröffentlichungen unter anderem in «Kensington Chelsea & Westminster today», London.

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