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Achtung, Rasurkontrolle! #2
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Achtung, Rasurkontrolle! #2

positiv


Kameradschaft

Im Militärdienst entstanden neue Freundschaften. Neue Kulturen und Religionen konnte ich kennenlernen, weil ich gezwungen war Zeit mit Menschen zu verbringen, mit welchen in im zivilen Leben keinen Kontakt gehabt hätte. Alle Gesellschaftsschichten, Kulturen und Religionen wurden durchmischt. Daraus galt es Erfahrungen zu machen und toleranter zu werden. Rassismus war selbstverständlich tabu, weil die Kameraden aus allen Teilen der Welt kamen.


Mindestens zwei Freundschaften konnte ich bisher schliessen, welche über die Militärzeit hinaus halten werden. Die Qualen, welche man durchleben muss, verbinden. Im Militär verbringt man den Grossteil des Tages in der Gruppe, dadurch lernt man seine Kameraden unglaublich schnell wahnsinnig gut kennen. Man konnte die Idioten und Wichtigtuer schnell von den wahren Freunden unterscheiden.


Erfahrung

In der Armee lernte ich wie klein und unbedeutend ich bin, ebenso lernte ich was ich mit Wort und Tat bewirken konnte. Ich wurde ausdauernder, geduldiger und leider in gewissem Masse gefühlstaub. Die Schweizer Milizarmee besteht zum allergrössten Teil aus Männern. Und mit den Frauen, welche ich kennenlernte konnte ich nicht normal sprechen, weil sie ranghöher waren. Ich habe früher gelernt, dass Frauen gefühlsvoller als Männer sind. Sie zeigen öfters und lieber ihre Gefühle als Männer. Der Berner Eremit Christoph Trummer sagte einmal in einem Interview mit SRF: «D Frauui si äifach ä schritt nächer am Herzi aus mir Manne.» Und weil die Frauen dem Herzen näher sind, können sie ihre Gefühle besser ausdrücken. Der Mangel an Personen des anderen Geschlechts im eigenen Leben macht das Leben eintönig und anstrengend. Mit Frauen muss man sorgsamer umgehen, wir Männer gingen verbal eher grob miteinander um. Das stumpft ab. Ich bemerke wie meine Gefühle durch den Militärdienst abgestumpft wurden. Es wird hart werden die Gleichgültigkeit gegenüber vielem und Abgestumpftheit zurück in Liebe und Einfühlungsvermögen zu verwandeln. Doch die Zeit heilt alle Wunden.


Die Armee als Materialsponsor

Als Infanterist erhielt ich von der Schweizer Armee folgende Dinge, welche nach meinem Dienst in meinen privaten Besitz übergehen: drei Paar Kampfstiefel, ein Paar Wanderschuhe, zwanzig Militär-T-Shirts, Vliesjacke, lange Thermounterwäsche für oben und unten, eine hochwertige Sonnenbrille und einige Kleinigkeiten. Ebenso würde ein Sturmgewehr dazugehören, doch da ich mich entschlossen hatte waffenlosen Dienst zu leisten, musste ich mein Gewehr zurückgeben.


Kantine und Fresspäckli

Das Essen in der Zürcher Kaserne war meist gut. An manchen Tagen jedoch ass ich lieber nichts, als den Frass der Küche hinunterzuwürgen. Schlechtes Essen war weniger die Schuld von dilettantischer Zubereitung, sondern eher das Produkt von Sparsamkeit desjenigen, welcher das Essen bestellt hatte. Nie würde ich ein Wort gegen meine Küchenkameraden erheben. Immer schätzte ich es nach einem harten Tag etwas Warmes zu essen zu erhalten. Doch die Mengen an Nahrungsmitteln, welche man im Militär zu Mittag oder Abend erhält, sind völlig unzureichend. Ich hatte schon Abende auf dem Feld, da erhielt ich als Vegetarier Käsesalat mit drei Chicken-Nuggets. In solchen Momenten fragt man sich, weshalb man sich den ganzen Militärdienst antut. Jedermann ist auf Fresspäckli der Verwandten und Freunde angewiesen. Ohne Fresspäckli hätte ich im Militär statt vier Kilo, eher um die sieben oder acht Kilo abgenommen. Mit der Zeit erkannte ich, dass ich bei Firmen ebenso um ein Fresspäckli anfragen konnte. Daraufhin meldete ich mich bei Rivella, Coop, Migros und vielen weiteren Firmen und tatsächlich erhielt ich einige Fresspäckli. Im Ganzen erhielt ich 15 Literflaschen von Rivella, Warengutscheine von Coop, einige Liter Bier von Feldschlösschen und Heineken für meine Kameraden und Wurstwaren von Bell für die Kasernenkatze Dölf. Es ist kein Verlust von Stolz, wenn man bei Firmen um Nahrung anfragt. Wie ich mich gefreut habe, als die Pakete eintrafen. Jedes Fresspäckli freute mich. In der Not frisst der Teufel sogar Fliegen…

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