Das Pflegen der Musse
Bild/Illu/Video: Marcus Duff

Das Pflegen der Musse

Dieses Pflegen der Musse war für ihn – und ist es für die meisten von uns – harte Arbeit: allerdings eine, die auf einen sehr freudvollen, lohnenswerten Weg führen kann.


Viele haben heute 10 oder mehr Wochen Quarantäne hinter sich, haben Home Office, Pflegeaufgaben und andere systemrelevante Aufgaben erledigt, haben sich um Kinder und Haustiere gekümmert, manche waren aber auch einen grossen Teil des Tages mit einer ungewohnten Leere konfrontiert, einer Leere, die Chance, Spielraum oder Bedrohung sein konnte. Nichts tun, nicht Nichtstun, ist eine Herausforderung, eine Erschütterung gewohnter Strukturen und damit der daraus abgeleiteten Identität, der Idee, wer wir sind.


Die Reaktionen darauf, wie ich bei mir und in meinem Umkreis festgestellt habe, waren vielfältig:

Reaktion 0: Listen machen

Reaktion 1: Leere mit Aktivitäten zuschütten (Lesen von on-line Magazinen, Aufräumen,           Basteln, Gartenarbeit, Fitness)

Reaktion 2: Meditation – «Meditieren ist immer noch besser als Rumsitzen und nichts tun»

Reaktion 3: Depression (Hamlet: Den Monolog auswendig lernen)

Reaktion 4: Digitale Kommunikation

Reaktion 5: Aufschauen und Staunen

Reaktion 6: Die eigene Familie kennen lernen («Scheinen nette Leute zu sein ...»)

Reaktion 7: Nichts tun


«Und, was machen Sie?», die Standardfrage bei Kennenlernen schlechthin. Was antwortet man darauf im Lockdown? Ausser bei den systemrelevanten, aber trotzdem schlechtbezahl­ten Tätigkeiten sind wir alle zu Hause, haben nicht nur Zoom, Cisco WebEx und Jitsi kennengelernt, sondern auch die anderen in der Familie und sogar ein wenig uns selbst. Aber unser Job als Definitionskrücke unseres Selbst hat in dieser Situation wenig geholfen. «Ich bin Professor», «Ich bin Anwalt», «Ich bin Buschauffeur» war nicht genug, und dann war da auch noch diese Leere, diese Langeweile, die wir als so unproduktiv, also negativ wahrnehmen. Auch wenn wir Schweizer in den letzten Jahren auf der Skala der Genussorientierung recht hochgestiegen sind, gibt es doch immer noch die starke calvinistische Strömung, in der Langeweile als Unproduktivität, fast als teuflisch, fast als Sünde gesehen wird.


Eine «lange Weile», viel Zeit, über die wir uns doch eigentlich freuen sollten, weil wir sie endlich einmal haben. Aber was oder wer blickt uns aus dieser Lücke zwischen den Taten entgegen? ... Vielleicht Freude, Optimismus und Lächeln, vielleicht aber auch Zweifel, Konflikte, Aggressionen, vielleicht denken wir nach langen Meditationen und Ayurveda-Retreats: «Ich bin einfach ein wütender Mensch» und sehen das als unser wahres Ich. Vielleicht sind wir nur irgendwann in Verhaltensmuster gerutscht, die sich verankert haben, weil die Menschen um uns herum dies provoziert haben. Und durch diese Erkenntnis unseres «wahren» Kerns, eben als wütender Mensch, beschränken wir uns darauf und berauben uns unseres Wachstumspotentials. Die Welt um uns herum ist tatsächlich auch voll von Zweifeln, Konflikten und Aggressionen. Aber wir könnten alles andere sein, nicht nur wütend.


Wir lieben Kontinuität, wir brauchen Verlässlichkeit. Wenn ich morgens aufwache und mein linkes Knie und meine rechte Hüfte tun mir weh, dann weiss ich: «Ah, ich bin’s» und ich hoffe, ich gehe davon aus, dass ich der gleiche bin wie am Abend zuvor, mit den gleichen Ansichten, Haltungen und Ritualen am frühen Morgen. Menschen brauchen Gewissheit mehr als Akku und Brot, Netflix oder den Pizza-Service. Nur wenn ich noch derselbe bin wie gestern: Nur dann gibt es einen Sinn. Aber wenn ich mit Leere, mit nichts Tun eine Bresche in die Panzerung meiner identitätsschaffenden Aktivitäten schlage, was passiert dann? Ich finde zu meinem wahren Selbst? Kaum. Die Idee eines stabilen, stetigen, einigermassen kontinuierlichen Selbst ist für mich genau das: ein Gespinst unseres Hirns. Heraklits «Alles fliesst» bezieht sich für mich nicht nur auf alles um uns herum, sondern auch auf uns selbst:  meine wahres Ich spielt Golf. 6 Monate später spielt meine wahres Ich doch lieber mit dem neuen SUV und dann habe ich mich bei der Ayurveda-Kur in Goa gefunden: Eat, Pray, Love mit McErleuchtung garantiert.


Also, wie war das mit der Musse? Musse ist gepflegte Langeweile, ist Geniessen der langen Weile, ist Loslassen, nichts Tun ohne Suche nach Selbst, Erwachen, Erkenntnis. Musse ist nicht «Müssiggang», ist nicht «aller Laster Anfang», es ist nicht müssig, über Musse zu reden. Musse ist eine Kerbe im Panzer unseres hoffentlich existierenden Ichs, ein genussvolles Auftauchen aus dem Fluss der Zeit. Musse ist einfach sein. Danach können wir dann wieder so tun, als gäbe es uns.

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