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Fühle den Rhythmus
Bild/Illu/Video: Lucas J. Fritz

Fühle den Rhythmus

Wir verlieren unsere Gelassenheit und geben zu viel Zeit für Belangloses her. Wir fühlen den Rhythmus unseres Lebens, unserer Existenz und den unserer Umgebung nicht mehr.


Über die letzten Tage hinweg las ich das Buch «Wanderer durch die Zeit – Eine Entdeckungsreise durch den Grand Canyon» von Colin Fletcher. In seinem Buch schreibt Fletcher unter anderem darüber den Rhythmus des Lebens an einem Ort oder in einer Umgebung zu fühlen. Er schreibt darüber in ein Stück Land der Erde einzutauchen und es fühlen. Zu fühlen wie es lebt, in welchen Zeitabständen was geschieht und das Land kennen und verstehen zu lernen. Diesen Rhythmus des Lebens konnte ich schon einige Ma-le verspüren, konnte ihn bereits einige male mit Herz und Verstand fassen. Doch da es ein der der Un-möglichkeit zu sein scheint diesen Rhythmus in unserer so lauten Welt über längere Zeit zu fühlen, verlor ich das Gespür wieder. Es ist wie eine Suche nach einem gutgehüteten Geheimnis. Und schwer in Worte zu fassen, da es nichts mit logischem Denken gemein hat. Es ist eine reine Gefühlssache.


Seit wir begonnen haben riesige Städte zu errichten und uns unaufhaltsam von unserer ursprünglichen Umgebung entfernen, desto künstlicher wir unser Leben. Wir hören auf den Rhythmus zu fühlen. Was ist dieser Rhythmus, wie drückt er sich aus? Ein Beispiel: Du läufst durch den Wald. Seit einiger Zeit schon. Zu Beginn deines Spaziergangs hingen deine Gedanken noch an der anstehenden Arbeit oder an Problemen und Sorgen. Doch irgendwann nimmt dich der Wald in sich auf, und du wirst eins mit ihm. Die Geräusche der Fahrzeuge, der Menschen nimmst du irgendwann nicht mehr war, oder sie verschwinden einfach, weil du schon so weit gelaufen bist. Du hörst den Wind durch die Blätter der alten Baumriesen wehen. Du fühlst wie der Wind durch deine Haare und deine Kleidung fährt. Das Kies, die Erde knirscht unter deinen Schuhen. Du hörst deinen eigenen Atem. Langsam oder schnell. Deine Augen sehen den Weg, die Bäume, den Boden und Tiere. Du siehst ein Eichhörnchen, das an einem Baum hängt. Du hältst inne und schaust dem Tier zu. Vielleicht hast du Glück und erblickst einen Fuchs mit Jungtieren. Vielleicht ein Reh, einen Hirsch oder anderes Getier. Versuche dich in diese Tiere hineinzuversetzen und du wirst die Welt mit anderen Augen sehen.


Du wirst verstehen, warum die Tiere Angst vor uns Menschen haben, warum sie fliehen, wenn sie die Schritte eines lärmenden, selbstverliebten, zerstörungswütenden Zweibeiners hören.

Anders als wir Menschen, leben die Tiere in Einklang mit ihrer unmittelbaren Umgebung. Wie soll es ein Tier auch sonst tun? Wir Menschen haben mit dem Bau von Grossstädten und endlosen Betonlandschaften unsere eigene Umgebung erschaffen. Und weil wir ständig in unserer Blase leben, fühlen wir unsere Umgebung, unsere ursprüngliche Heimat; die Wiesen, Wälder und Berge nicht mehr. Unsere Wahrnehmung der Natur verändert sich.


Ohne Zweifel hat auch die Stadt ihren ganz eigenen Rhythmus. Immer geschieht irgendetwas. Wo ist die Szene? Wo läuft was? Vor allem für junge Menschen hat die Stadt eine ungemein grosse Anziehungskraft. Das Dorf auf dem Land wird von den jungen Städtern häufig als langweilig wahrgenommen. Die jungen Dörfler zieht es – so wie ich das sehe – eher in die Stadt hinein. Dort gibt es etwas zu erleben. Kann ich gut verstehen, muss ich mir selbst allerdings nicht antun. Die Stadt stresst mich. Durch den ganzen Lärm um nichts und wieder nichts, höre ich die Stimme meines Herzens nicht mehr. Und doch brauche ich manchmal den Kontrast zwischen Stadt und Land, Land und stillen Orten in der Natur, um mich erneut daran zu erinnern, weshalb ich die Stille so mag.


Der Rhythmus des Waldes, der gewaltigen Berglandschaften weit ab jedes anthropogenen Lärms ist viel sanfter. Um ihn zu fühlen, brauche ich lediglich meinen Rucksack zu packen, passendes Schuhwerk anzuziehen und loszulaufen, bis ich irgendwann lange genug in der Stille der Natur unterwegs war, um voll in ihr aufzugehen und eins zu sein mit ihr. Lebt man im Einklang mit der Natur, verliert alles an Bedeutung.

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