10 Wilson 10 Hendrik Freischlader 10 Maramber
Gedankenaustausch, Album-Review und Interview mit Gimma
Bild/Illu/Video: zVg

Gedankenaustausch, Album-Review und Interview mit Gimma

Vorgeschichte

Vor mir liegt der PR Text der neuen Scheibe, zudem habe ich alle Texte und die Songs bekommen. Den Namen «Gimma» habe ich, wie wahrscheinlich alle Schweizer, schon im Zusammenhang mit Bündner Rap gehört. Ich selbst wusste aber bislang nicht, dass er auch schon zwei Mundart-Bücher geschrieben hat. Dem PR-Text entnehme ich weiter, dass er selbst immer wieder mit Depressionen zu kämpfen hat und auch darüber schon Vorträge und Lesungen in Kliniken und Rehas gemacht habe. Gimma kenne sich mit dem Thema aus, nicht nur von Jugendarbeit und Pflegerseite aus, sondern auch von der Patientenseite. Ziemlich heftig, wie es klingt. Ich überfliege seinen Wikipediaartikel, schaue mir kurz das frühere Interview auf Qultur an und überlege mir tagelang, wie ich dieses Thema am besten angehen soll. Da ich selbst aus eigener Erfahrung auch bestens beide Seiten der Medaille kenne, merke ich, dass dieses ewige Zögern genau ein Symptom einer Depression wäre. Natürlich eines von vielen. Man denkt in Spiralen, in den meisten Fällen abwärts, ohne auch nur einen kleinen Schritt weiterzukommen, sondern im Gegenteil. Diese Hamsterrad im Kopf saugt einem die letzte Energie aus, braucht jegliche Kapazität, die man sonst zum klaren Denken hätte. Am Schluss macht man etwas gar nicht oder verpfuscht es, aus lauter Niedergeschlagenheit. Doch ich selbst habe mittlerweile verschiedene Ausbruchs-Strategien aus dem inneren Gefängnis entwickelt oder gelernt, die bei mir manchmal funktionieren, natürlich tun sie das auch nicht immer. Also fasse ich mir ein Herz, beginne einfach einmal, und stelle Gimma, ohne dass ich ihn kenne, aufs Geratewohl einfach schriftlich ein paar Fragen am Stück und schaue einfach einmal, was daraus wird. Einfach machen, nicht zu lange rumstudieren, denke ich mir.


Schriftliches Interview mit Gimma
Die Fragen habe ich fett gekennzeichnet, Gedankengänge kursiv.

Hallo Gimma. Soll ich Gimma schreiben, oder im Interview lieber den richtigen Namen? Kann ich Du oder soll ich Sie sagen?
Gimma passt wunderbar. Es geht schliesslich um Musik.


Ich habe vorher die Strategien angesprochen, die ich selbst habe, um nicht wieder monatelang mit einer Art geistigem Vollgas, aber von Kopf bis Fuss blockiert, wie mit angezogener Handbremse, abgeschnitten von allem, im Bett liegen zu müssen. Hast Du Strategien, die Dir persönlich nützen?
Ja. Diverse. Ich orientiere mich primär stoisch im Leben. Das hilft, um Abgrenzung im Griff zu haben. Dann stehe ich früh auf, esse sehr gesund, bewege mich täglich, lese über meine Probleme Fachartikel und Bücher und habe allgemein sehr strukturierte Tage.


Respekt, daran arbeite ich.

Es ist auch wichtig, beruflich Dinge zu tun, die ich gern tue. Es gäbe noch mehr, aber ich will weder Therapeut spielen noch so tun, als hätte ich den Laden zu 100 % im Griff.


Meine eigenen Strategien klingen vielleicht trivial, aber das A und O, zugleich auch der schwierigste Schritt war respektive ist für mich immer überhaupt das Rausgehen, raus aus der Wohnung. Sonne, Soziale Kontakte, Bewegung, vernünftige Ernährung, vielleicht auch eine gewisse Grundgelassenheit, dass eh alles vergeht.
 Aber Aussenstehende, auch wenn sie Verständnis aufbringen, können selten verstehen, dass das so schwierig sein soll, denke ich für mich.

Ist das ein Grund für Deine Texte zum Thema, das Unverständliche verständlich zu machen?

Nein. Der Grund für meine Texte ist, dass sie Themen und Welten behandeln, von denen ich Ahnung habe. Der Rest ist eher Zufall. Die nächste Platte wird mit einem völlig anderen Thema zu tun haben. Ausserdem wird mir nachgesagt, dass man meine Texte oft nicht verstehe, was wiederum mich darin bestärkt, dicht und kryptisch zu bleiben.


Ich höre mir gerade Song eins an. Schwarze Rucksack. Geil produziert, gefällt mir vom ersten Ton an, groovige echte Drums.

Im Stück höre ich verschiedene «Eigenmedikamentationen», wie es im Fachjargon heisst, heraus. Was weisst Du über Ayahuasca?
Mehr als die Polizei.


Liebe Leser, wer es noch nicht wusste: Das ist verboten, nur unter medizinischer Aufsicht erlaubt. Und wenn ihr es trotzdem widerrechtlich macht, pfeift Euch nicht einfach etwas rein, informiert euch gründlich darüber, macht es nicht alleine, achtet auf die Dosis, schaut auf Set und Setting und so weiter.

Welche Substanz heilt Dich am schnellsten, wenn überhaupt?
Mich heilt keine Substanz. Sie helfen. Da du es eben angesprochen hast:
Wenn wir schon von einem «medizinischen» gesundheitlichen Nutzen sprechen wollen, ist Psylocibin über lange Zeit in Mikrodosis eine matchverändernde Erfahrung. Aber das gilt für mich persönlich, niemanden sonst. Wie du selbst schreibst, ist es illegal und ich bin ausserdem dafür vorbestraft. Keine gute Basis für Selbstversuche der Leserschaft.


Und das Gegenteil: Welche Substanz zieht Dich am schnellsten ins Loch?
Komische Frage.


Ich persönlich bin der Meinung, dass es besonders bei psychotropen Substanzen schwierig zu generalisieren ist, und dass eben jeder Mensch, je nachdem, welche Stimmung er hat, wie und was er denkt, die gleichen Substanzen komplett anders, manchmal auch gegenteilig wirken können.


Ähnliches beschreibt auch der Neurologe Oliver Sacks über die europäische Schlafkrankheit und Parkinson. Er spricht auch die ungeheuren Schwierigkeiten bei der Dosierung an.

Was hältst Du von Psychopharmaka?
Deine Wortwahl ist einengend. Du schreibst «was hältst du von», als ob sich diese einordnen liessen durch Meinung. Dringlichkeit, persönliche Erfahrungen, Notwendigkeit… Jede Person sieht dieses Thema im eigenen Licht und dieses kann sich in 5 Minuten ändern. Das liegt an der Sache des Nutzens.


Haben Deine Depressionen mit dem Tumor angefangen, oder spielen da verschiedene Ursachen mit rein?

Verschiedene Ursachen.


«Äs isch schu ok» handelt anfänglich von einem Mädchen, das abstürzt, aber immer sagt, es sei ok. Bist Du häufig im Nachtleben?

Ich nur noch selten, und wenn ja, dann zielorientiert. Ich bin Tag und Nacht unterwegs. Einfach nicht besonders kreativ bei der Wahl meiner lokalen Lokale.


Auch Nummer drei hat einen echten Drumbeat, mit welchem das Stück beginnt. Ich lese, dass SAD der Produzent sei und viele gute Musiker auf der Platte mitspielen. Wer spielt die Drums?

Drums: JJ. Flück, Piano: Benjamin Külling, Bass: A. Schiavano.


Warst Du selbst dabei bei der Erstellung der Tracks, oder läuft das alles digital?

Das würde jetzt im Detail den Rahmen sprengen, aber Musik und Texte sind räumlich voneinander getrennt entstanden und erst beim Recording zusammengekommen. Leider habe ich die Musiker kein Mal getroffen, was jetzt ironischerweise mit denselben Musikern schon zum zweiten Mal passiert, denn bei «Mensch si» waren sie teilweise auch schon dabei. Die Platte hiess auf meinem Rechner bis letztes Jahr auch «Mensch si 2». Aber es hat sich dann textlich anders entwickelt.


Bin bei Nummer vier. Das Piano gefällt mir auch sehr gut, es spielt sehr schöne, nicht ganz alltägliche Licks. Hier wird die Akkordfolge sogar richtig aufbauend, von unten herauf ins Helle. «Öpis för mi». Das ganze Album ist bis jetzt sehr natürlich gehalten. Man hört die Seele von echten, guten Musikern.

Gimma, bist Du ein Einsiedlerkrebs, oder ist das nur in Depressionszeiten?
Ich bleibe oft für mich, was aber nicht bedeutet, dass ich nicht einen grossen Freundes- und Bekanntenkreis hätte. Ich gehe einfach nicht so oft raus wie alle anderen, mache lieber Musik und schreibe Texte. Zu Hause steht ein geiles Homestudio und lesen geht im Ausgang schlecht.


Was mir selbst unglaublich schwer fiel,, war ja das Auftreten, wenn es mir nicht gut ging. Pianomeditationen oder so gehen, aber so richtige Power-Auftritte auf der Bühne sind dann für mich der absolute Horror, ansonsten liebe ich sie. Wie sieht es bei Dir aus?
Meine einzigen Auftritte habe ich mit der Jazz Band momentan und da wir alle vier frei improvisieren, ist der Druck bei mir völlig weg. Diese Auftritte lösen in mir ganz andere Dinge aus. Auftritte mit auswendig gelernten Parts muss ich mir zuerst wieder schmackhaft machen. Mache ich keine zur Zeit. Lampenfieber hatte ich nie. Aber ich war einfach lieber unterhaltsam als exakt. Falls wir mit SAD & Gimma Shows spielen, kann ich dir die Frage genauer beantworten.


Ich höre gerade Nummer 6. Es geht wieder um Tod, um Melancholie. Süss säuselt die Stimme des Wahns, mit einem Flanger- oder Phaser-Effekt: es klingt wie mit Weichzeichner, betäubt den Schmerz über den Verlust, wenn ich das so frei interpretieren darf.

Was geschieht nach dem Tod?
Nichts. That’s the whole point, isn’t it?


«Du bisch äs Rätsel», der nächste Song, erstaunt mit ungewöhnlichen Akkordfolgen und einem plötzlichen Wechsel. Hast Du hier zuerst gerappt, und sie haben dann die Musik dazu gemacht?
Nein. Ich schreibe ja neuerdings öfters an Musicals mit und da war es nur konsequent, einen Song in Richtung Musical zu drehen. Bitzli übertreiben: Kinderchor, female Vocals (Any Sabadi), Beat mit 6 Parts, Pre-Chorus: keine Ahnung was alle diese Wörter bedeuten, aber das ist bewusst ein Kinofilm geworden. Für geile Videotreatments zu diesem Ding bin ich empfänglich. Der Song erwähnt auch die Statue auf dem Cover.


Gehe ich richtig in der Annahme, dass Deine Psyche Dir selbst auch ein Rätsel ist?

Nein. Ich kenne meine Psyche extrem genau und gut.


In meiner eigenen Laienpsychologie sind die Ursachen von sogenannten psychischen Erkrankungen (auch vielen körperlichen) in der Regel in fehlendem Urvertrauen zu suchen. Etwas, das meiner Meinung nach schon im Mutterleib und dann ganz früh gebildet oder erst gestärkt wird. Hat man das nicht, gibt es auch bei jeder Beziehung viel grössere Probleme, als andere haben. Möchtest Du etwas dazu sagen? Verlustängste?
Ich bin kein Psychiater und kein Psychologe. Aber was die Wissenschaft zu diesem Thema 2022 sagt, scheint mir Hand und Fuss zu haben.


Ich bin bei Nummer 8. Hier ist manches im Beat programmiert, passend zum Text, der aggressiv, auch mit Chören gedoppelt, teilweise hinausgeschrien wird. Es sei wieder Zeit für Depressionen. Diese Wut halte ich schon für ein besseres Zeichen, als diese verdammte völlige Gleichgültigkeit, die man ganz zu unterst spürt. Wut ist Energie. Besser, als keine. Stimmt meine Aussage? Und: Worüber ärgerst Du Dich derzeit am meisten?
Ich ärgere mich selten. Kleine Aufreger gibt es da wesentlich öfter. Aber wie gesagt, ich halte mich an die stoische Distanz zu Dingen, die ich nicht beeinflussen kann.


Der nächste Song, «Hey», erinnert mich anfänglich an Peter Fox, frag mich nicht, warum. «Alles Neu», oder so. Was ist Deine letzte Platte, die Du aktiv gehört hast?
Wie geil! Und Peter Fox erinnert mich an Claud, der wiederum erinnert mich an SAD und jetzt ist der Kreis geschlossen. Meine letzte aktiv gehörte Platte war «7» von Paul Kalkbrenner. Darauf habe ich ein Sample gesucht. Und gefunden.


Im Song fragst Du, ob noch jemand im Körper sei, ob noch eine Menschlichkeit da drin sei. Nach dem Buddhismus oder auch anderen Philosophien gibt es kein «ich». Was meinst Du dazu? 

Ok?


In diesem Song sprichst Du davon, dass Satan ein Fass öffnet und dass einen auf einmal dann alle hassen. Sorry, nochmal, weil mir dieser Satz förmlich ins Ohr springt: Wie ist Dein spirituelles, religiöses Weltbild?

Es ist mir bewusst, dass die Frage Bücher füllen könnte. Aber ich denke kaum, dass jemand, der Depressionen erleidet und Drogenexperimente macht, ein rein materielles Weltbild, wie es gerade Mode ist, aufrecht erhalten kann.
Holy moly hahahaha da hat’s dich aber getriggert, was?


Also ich bin römisch-katholisch aufgewachsen, war Ministrant und im Kloster. Aber das bin ich nicht mehr. Mein Glaube hat sich ego-zentriert. Zuallererst muss ich an mich selbst glauben, dass ich eine Produktionsmaschine wie mich überhaupt 25 Jahre am Laufen gehalten habe. Das hat aber alles mit Zielen und Träumen zu tun, wenig mit Religion. Ich orientiere mich nicht am Glauben, ich fokussiere meine Energie und Zeit auf Dinge, die mir taugen.

Oder Menschen.


Glaubst Du an dämonische Besessenheit?
Diese Frage habe ich im «Maska» Buch beantwortet.


Denkst Du, diese Platte könnte der berühmten letzte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt, und im Worst Case Szenario jemanden, der sowieso am Abgrund steht, zum letzten Schritt bewegt?

Falls das jemand vorhat: Rufe vorher auf jeden Fall jemanden an! Zum Beispiel 143, die Dargebotene Hand.
Ehrlich gesagt, kann ich den Gedankengängen hier nicht mehr ganz folgen.


Der letzte Song erklingt aus meinen Boxen. Fast ein bisschen poppig heisst es da im Refrain: «Irgendwenn, am Endi vo dä Regeböga, gsehn mer denn es Liacht oder nüt...» Am Anfang sicher ein Licht, nur schon durch den DMT-Ausstoss beim Tod. Habe ich irgendwo aufgeschnappt. Aber dann, was dann? Was ist Deine Angst?
Darüber singe ich ja, in diesem Song. Nein. Keiner kann das.

Wenn wir nicht Bücher füllen wollen, würde ich es hiermit mit den Fragen enden lassen, obwohl es natürlich auch extrem spannend wäre, solche Themen nächtelang in verschiedenen Zuständen live zu diskutieren. Möchtest Du selbst noch etwas loswerden?
Nö.

Ach ja: Wann ist denn die Plattentaufe? 
Keine geplant, wir diskutieren einen Spaghettiplausch.

Herzlichen Dank für die spannenden und teilweise auch sehr amüsanten, «fadegraden» Antworten.  Gimma.
Gerne.


Albumrezension
Mein persönliches Fazit zur Platte: SAD als Producer und auch die Musiker haben einen sauberen, einfühlsamen Job hingelegt, und die Musik passt hervorragend zu den depressiven Texten, die regelrecht zum Philosophieren einladen. Ich werde mir die Songs mit Sicherheit wieder einmal anhören. Sie gefallen mir ganz gut, hinterlassen jedoch gewollt eine bedrückende, beklemmende Stimmung im Zuhörer. Doch manchmal kann in Melancholie schwelgen auch dem eigenen Wunsch entsprechen, und soll auch bisweilen wohltuend sein. Viele würden es sogar anraten, sich auch mit den Schattenseiten zu beschäftigen, will man überhaupt weiterkommen.

Themenverwandte Artikel

Die neue Perlensammlung «Kartellmusig»
Bild/Illu/Video: zVg.

Die neue Perlensammlung «Kartellmusig»

Musikperlen: «OBK -America is back!» (2008)
Bild/Illu/Video: Cover

Musikperlen: «OBK -America is back!» (2008)

Nohgfrogt bim Gimma
Bild/Illu/Video: Livia Mauerhofer

Nohgfrogt bim Gimma

«-muat» im Soundcheck
Bild/Illu/Video: Cover

«-muat» im Soundcheck

Auf musikalischer Entdeckungsreise
Bild/Illu/Video: Marcus Duff / cascadas

Auf musikalischer Entdeckungsreise

Empfohlene Artikel