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«-muat» im Soundcheck
Bild/Illu/Video: Cover

«-muat» im Soundcheck

Das neue Album von Milchmaa beginnt mit dem Track «Dabi», auf dem ein Künstler gastiert den ich seit 15 Jahren abfeiere und mit dem ich auch schon das Glück hatte zusammen zu arbeiten: Everboy oder eben Immrbuab aka Tama Carigiet. Während dieser sanft im Hintergrund mit seinem warmen Timbre Atmosphäre schafft, legt Goran los, als gäbe es kein Morgen mehr. Die amüsante Aufzählung zeigt, dass die Gesellschaft von einer Vielfältigkeit profitiert und es durchaus spannend sein kann, dass eben nicht alle in die gleiche Schublade passen.  


«Amuat» handelt vom Alltag der arbeitenden Schicht und stimmt einem doch recht melancholisch. Das von einem Balkansample geprägte Stück geht hart mit dem Kapitalismus ins Gericht und regt zum Nachdenken an. Irgendwie fragt man sich beim Hören schon ein wenig, wann wir den Blick für das Schöne verloren oder besser gesagt gegen das Anhäufen von Besitztümern und Geld eingetauscht haben…


Auf «Tam shli» zeigen King Fäbs und Milchmaa, wie man sich als Rapper weiterentwickelt und trotzdem selber treu bleibt. Einzig schade bei dem sehr unterhaltsamen Stück ist der Umstand, dass der Berner Baze nur einen Refrain und nicht auch noch einen Part beigesteuert hat. Das hätte dieses Gipfeltreffen sogar noch spektakulärer gemacht. Wann veröffentlicht King Fäbs eigentlich endlich mal ein Soloalbum?


«Subito» in der Hannes Barfuss Version ist starker Tobak. Vulović erzählt darin offen, wie er als Immigrantenkind in der Schweiz behandelt wurde. Das fährt unter die Haut, wenn man hört, wie ihm viele direkt ins Gesicht sagten, dass er ja zurück gehen könne, wenn es ihm hier in der Schweiz nicht gefalle. Wichtig, dass Milchmaa hier klare Fronten schafft und aufzeigt, dass man es Nationalisten gar nie wirklich Recht machen kann. Ich hoffe, dass durch solche Lieder die Hörerschaft nicht nur zum Umdenken animiert wird, sondern dass auch mehr Personen in solchen leider alltäglichen Situationen eingreifen und Zivilcourage beweisen. Ich möchte nicht wissen, wie es in der Schweiz heute aussehen würde, wenn wir nicht Immigranten gehabt hätten, die sich gerne die Finger dreckig gemacht haben für uns.


«#undiarso?» feat. Hannes Barfuss handelt von einem Bewerbungsgespräch, bei dem ein wenig online nachgeforscht wird. Das ist auf der einen Seite sehr amüsant, auf der anderen Seite eine klare Kritik am Vorzeigen und Protzen in den sozialen Medien. Schon irgendwie wahnsinnig wie viel Zeit wir jeweils online verbringen, während um uns herum das echte Leben tobt.


Auf «Exponat» feat. Hannes Barfuss setzt Milchmaa zur grossen Medienkritik an. Er erzählt darin, dass er nicht der Vorzeigejugo sei, den die Schreibenden gerne in ihm sehen würden. Im Interview mit Radio Südostschweiz hat er ja auch bereits betont, dass die Berichterstattung zum Debütalbum ihm damals zu persönlich wurde. Zu kurz kamen dabei die Lieder und deren Produktion. Gut, dass er hier eine Antwort auf dieses ganze Thema in Form eines Songs erschaffen hat, der keine Fragen offenlässt. Übrigens, das Zusammenspiel zwischen Hannes und Goran gefällt mir sehr gut. Der Churer Musiker gibt mit seiner Stimme den Milchmaa-Songs eine zusätzliche Farbe, die einem sofort in den Bann zieht.


«Mishima» ist ein Mördertrack, bei dem Milchmaa mit seinem Schützling ALI zeigt, wie viel den meisten Rappern in der Schweiz eben doch noch fehlt bis zur Krone. Die Kombination aus einem entspannten Beat und den beiden Rappern, die hier mächtig Feuer spucken, ist grandios und bleibt hoffentlich nicht die letzte Zusammenarbeit der beiden Kings.


«Wehmuat» ist das zweite titelgebende Stück auf dem Album. Milchmaa nimmt die Hörerschaft mit auf eine Reise zurück in die Vergangenheit. Die Nostalgie ist omnipräsent und lädt zum Verweilen ein. Am schönsten ist eben schon an dem Ort, an dem die Träume laufen gelernt haben.


Beim Song «Montenegro» geht’s nochmals ein wenig weiter zurück in der Historie des Rappers. Der Familienepos geht mächtig unter die Haut, denn Vulović nimmt kein Blatt vor den Mund und geht mit seinen Vorfahren und ihren Taten hart ins Gericht. Während man auf dem vorherigen Stück Hoffnung und Freude zwischen den Zeilen spürte, stösst man hier eher auf Enttäuschung, Verzweiflung und einen Fluch, der auf ihm und seinen Ahnen liegt. Das Lied ist keine leichte Kost, aber durchaus packend wie ein Thriller.  


«SETI» ist auch ein Lied, das es in zwei verschiedenen Versionen gibt. Die Olen Blackbird Version pumpt anständig aus den Boxen und ist genau das, was ich mir unter echtem Rap vorstelle. Es ist eine Hymne an seine Kunst, die er hier genauer beleuchtet. Den Ansatz statt auf Kommerz, lieber auf das Berühren von handerlesenen Zuhörern zu setzen, zeigt Grösse und ist definitiv nachahmenswert.

Es ist wieder Zeit für ein einzigartiges Sample, wie es nur Milchmaa verwendet. «Balkan-Nathan» ist ein Banger mit starker Hook, einer Kritik an den ebenfalls aus dem Balkan in die Schweiz immigrierten Mitmenschen. Eigentlich gehört ein Mann wie Vulović in die Politik, da er zum friedlichen Miteinander, Integrationsfragen und Bildung bessere Inputs als mancher Regierende in Bern hat…


«Subito» in der Olen Blackbird Version hat trotz dem gleichen Text einen ganz anderen Vibe und ist ein fetter Kopfnickertrack geworden. Spannend, wie Milchmaa aus einem Lied zwei so verschiedene Tracks produzieren kann. Cool!

«Keiler» ist ein Fronter, bei dem Milchmaa dermassen rasant rappt, dass sich ein mehrmaliges Hören des Liedes auf jeden Fall empfiehlt. Man hört es sofort, diesem Mann macht niemand was vor und er hat unzählige Stunden in seine Kunst investiert. Episch!

Etwas sanfter, aber nicht weniger angriffig ist «Barabbas». Der Churer weiss genau was er will und was auf jeden Fall nicht. In seinem Fall ist er lieber der Geheimtipp schlechthin als für etwas Unechtes wie eine aufgesetzte Ballermannnummer oder gar für etwas Gestohlenes gewürdigt zu werden. Gogo ist unbestechlich und deshalb auch real.


«Tartuffe» feat. Vlada ist verdammt nah am Zeitgeist dran und wirft einen tristen Blick auf die Weltpolitik. Hier werden unter anderem Kinder von Immigranten porträtiert, die sich online gegenseitig bekriegen. Es wird gezeigt, dass die alten Konflikte im Balkan leider immer noch aktuell sind und unterm Strich wenig zur Lösung dieser unternommen wird.  


«SETI» in der Hannes Barfuss Version lebt von einem elektronischen Sample und gefällt ausserordentlich gut. Gut, dass er jeweils beide Versionen auf das Album gepackt hat von diesem und dem «Subito»-Song. Das zeigt eine Aufgeschlossenheit und Experimentierfreude, die dem zweifachen Vater sehr gut steht.


Der Kreis wird mit dem Track «Demuat» feat. Hannes Barfuss geschlossen. Ein letztes Mal steigt der Rapper empor und beweist mit vielen Metaphern, wie man einen krönenden Schlusspunkt für ein einzigartiges Werk zaubert.  


Schlussfazit:

«-muat» von Milchmaa ist ein aussergewöhnliches Album, welches noch sehr lange nachhallen wird. Das Werk besticht durch eine packende Bildersprache, zeitlose Themen und eine immer wieder überraschende Musikalität. Es ist ein sehr kurzweiliges Album und trotz der langen Produktionsdauer klingen die 17 Lieder stets frisch und brandaktuell. Die Texte von Vulović sind nicht nur für Lyriker eine Offenbarung, sie haben zusätzlich eine Tiefe, die zum Nachdenken anregt. Da Milchmaa regelmässig für mehr Aufgeschlossenheit und ein friedlicheres Miteinander wirbt, könnten seine Lieder somit durchaus einiges Positives in Gang setzten. Es ist ein stimmiges, zeitloses Meisterwerk, welches für mich persönlich jetzt schon zu den Klassikern der Bündner Musikgeschichte gehört.

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