Ich wär’ so gern ein Huhn?
Bild/Illu/Video: Afra Ramió

Ich wär’ so gern ein Huhn?

Klar, man kann. Und ich kann diese Denkweise vollkommen nachvollziehen. Auch ich habe 30 Jahre lang so gedacht. Aber wenn ich wirklich ehrlich bin, habe auch ich beim Eierkauf öfter mal ein Auge zugedrückt und im Supermarkt einfach zu dem gegriffen, was grad da war. Heute alles undenkbar für mich. Und in diesem Beitrag möchte ich euch erklären, wieso.


Grundlegend wird die Hühnerwelt von uns Menschen in zwei Zuchtlinien getrennt: «Legehennen» für die Eierproduktion und «Masthühner» für die Fleischproduktion. Beide Zuchtlinien müssen unterschiedliche Anforderungen erfüllen. Während Masthühner möglichst schnell viel Gewicht zulegen sollen, wird von Legehennen natürlich das Legen von vielen Eiern erwartet. Während sich die beiden Linien auch optisch stark unterscheiden, ist bei den Legehennen vor allem ein Aspekt fatal: Die männlichen Küken sind gänzlich überflüssig und müssen «entsorgt» werden, denn sie werden dennoch geboren. Es werden zwar mittlerweile «Zweinutzungshühner» gezüchtet, bei denen die männlichen Küken besser zur Mast einsetzbar sind. Diese Züchtungen sind aber tatsächlich kaum verbreitet.


Was passiert mit den männlichen Küken?

97% der männlichen Küken in der Schweiz werden noch am Tag ihres Schlüpfens vergast. Dies entspricht ca. drei Millionen frischgeschlüpften Küken jährlich – auch für Bio Eier. Früher wurden sie lebendig geschreddert. Das ist seit 1. Januar 2020 in der Schweiz verboten, in vielen Nachbarsstaaten jedoch noch erlaubt und so gelangen auch viele Eier aus solchen Haltungsbedingungen durch Import (zum Beispiel in verarbeiteten Produkten) in die Schweiz.


Aber ist das Vergasen wirklich so viel besser? Das Schicksal des Tieres bleibt dasselbe. Es stirbt kurz nach dem Schlüpfen. Ist denn der Tod durch Vergasung ein sanftes Einschlafen? Wenn wir an Menschen denken, die in Gaskammern getötet wurden, dann ist jedem klar, dass das kein schöner und sanfter Tod ist. Naturschutz.ch schreibt dazu: «Die Bibeli springen auf, ringen nach Luft und sterben nach einem minutenlangen Todeskampf qualvoll. Bei Vögeln dauert dies länger als bei Säugern, weil ihr Lungensystem und Gefieder mehr Luft speichert.»


Drei Millionen Baby-Tiere jährlich mit Gas zu töten, weil sie überflüssig sind, ist weit entfernt von Tierschutz. Es ist nur eine minimal weniger grausame Art, ihnen das Leben zu nehmen.

Es gibt auch noch andere Initiativen, die das Töten von männlichen Küken in der Eierindustrie beenden wollen. So wird beispielsweise versucht, das Geschlecht schon während dem Brüten zu bestimmen. Ziel dabei ist, die männlichen Küken noch im Ei zu identifizieren und dann noch vor dem Schlüpfen zu töten. Oder es wurde auch die Initiative «Henne und Hahn» gegründet, bei der die männlichen Küken ebenfalls leben dürfen. In Realität werden sie aber schon nach 10 Wochen (also nur 70 Tagen!) getötet.


Zudem ist die Geschlechtsbestimmung im Embryo ist noch nicht ausgereift und die Henne und Hahn Initiative ein Nischenprodukt. Die Schweizer Eierbranche bleibt diesbezüglich sehr zurückhaltend und sieht noch viele ungelöste Probleme.

 

16cm Sitzstange pro Tier in Bio-Haltung

Aber selbst wenn das Kükentöten ein Ende hätte, bleiben noch zahlreiche andere Probleme in der Eierindustrie. So zum Beispiel die Haltung. Selbst in Bio-Betrieben dürfen in der Schweiz bis zu 4000 Tiere gehalten werden. Im Stall dürfen dabei bis zu 15 Tiere pro Quadratmeter leben. Diese müssen zwar Zugang zum Aussenklimabereich haben (wo 5 Tiere pro Quadratmeter erlaubt sind), aber wenn so viele Tiere gemeinsam gehalten werden, sind sie oft zu verstört und eingeschüchtert, um diesen zu nutzen. Wohlgemerkt: Ich spreche hier nur von den Bio-Suisse Vorgaben. In der konventionellen Haltung sind die Vorgaben noch viel schlimmer.


Bodenhaltung, Käfighaltung, Freilandhaltung?

Die Käfighaltung ist in der Schweiz verboten. Dennoch werden jährlich viele Eier aus dieser Haltung in der Schweiz konsumiert, obwohl diese in der Schweiz als Tierquälerei eingestuft wird. Denn ein Grossteil aller in der Schweiz verzehrten Eier werden aus dem Ausland importiert und für Backwaren und Fertiggerichte verwendet. Dasselbe gilt natürlich für bereits verarbeitete Eier in Produkten wie Nudeln, Keksen, Saucen, etc. Für all diese Eier besteht keine Deklarationspflicht.


In der Schweiz selbst gibt es Bodenhaltung und Freilandhaltung. In der Bodenhaltung wird den Tieren nicht viel Platz gewährt. Auslauf ist gesetzlich nicht vorgegeben, bis zu 17 Hühner dürfen pro Quadratmeter gehalten werden und nur 20% des Bodens müssen eingestreut sein. Da oft mehrere Tausend Tiere zusammengehalten werden, kann keine natürliche Hackordnung entstehen. Die Tiere sind gestresst und überfordert und es kommt zu Problemen wie Federpicken und Kannibalismus. Um das zu verhindern, werden nicht die Bedingungen geändert, sondern Schnäbel gestutzt (Immerhin ist hier nur das Touchieren und nicht das Coupieren in der Schweiz erlaubt).


In der Freilandhaltung muss zumindest Auslauf gewährt werden. Aber auch da sind grosse Herdengrössen mit bis zu 18’000 Tieren erlaubt und üblich. In der Schweiz leben 60% der Legehennen in Betrieben mit 4000 bis 18000 Tieren. Nur 5% der Hennen leben in Betrieben mit unter 50 Tieren. Und auch die restlichen 35% der Tiere leben grössenteils in Betrieben mit über 500 Tieren.


Ausgedient – Der Kreislauf des Lebens?

Nach ca. einem Jahr setzt bei den Hennen die Mauser ein. Das ist eine natürliche Legepause von sechs bis acht Wochen. Das Gefieder wird in dieser Zeit erneuert und der Legeapparat kann sich erholen. Wirtschaftlich lohnt sich diese Phase nicht. Denn die Hühner kosten in dieser Zeit zwar Ressourcen, legen jedoch keine Eier und schaffen somit für den Betrieb keinen Mehrwert. Sie werden darum in fast allen Betrieben geschlachtet, sobald sie in die Mauser kommen. Dabei hätten Hühner eine Lebenserwartung von bis zu 15 Jahren und die Mauser ist keine Krankheit, sondern ein natürlicher Prozess.


Aber nicht nur die Mauser, sondern auch die Wirtschaft gibt den Takt für das Schlachtalter der Legehennen vor. Der Handel verlangt den Jahresumtrieb. Denn die Bedarfsspitzen für Weihnachtsgebäck und Ostern wollen genau geplant werden. Praktisch alle grossen Betriebe befolgen deshalb den jährlichen Wechsel der Tierbestände, der von der Wirtschaft diktiert wird.


Jeden Tag ein Ei?

Doch was, wenn all diese Probleme eliminiert werden können? Wenn man nur Eier von den glücklichen Hühnern vom Nachbarn isst, die ein riesiges Gehege geniessen, deren männliche und weibliche Küken alle leben dürfen, bis sie eines natürlichen Todes sterben und für vorbildliches Futter gesorgt ist?


Abgesehen davon, dass auch beim noch so netten Nachbarn die männlichen Küken meist nicht leben dürfen und die Haltung auch nicht immer artgerecht ist, bleibt bei jeder Haltung von Legehennen dasselbe Grundproblem bestehen. Denn das Uhrhuhn, von dem die heutigen Legehennen abstammen und auf Eierproduktion gezüchtet wurden, hat mit dem heutigen Legeverhalten nichts mehr gemeinsam. Dieses hat damals 2-3x pro Jahr 1-12 Eier gelegt. Also ca. 2 bis 36 Eier pro Jahr. Heute legen sie bis zu 300 Eier pro Jahr, also fast 1 Ei pro Tag. Wie sehr diese enorme Beschleunigung des Zykluses einen Organismus belastet, kann sich jede Frau vorstellen, die sich ausmalt, ihr Körper müsste 300 anstatt ca. 12 Menstruationszyklen pro Jahr durchmachen.


Eier zu legen und somit die Grundlage für neues Leben zu schaffen, verlangt dem Körper viele Ressourcen ab. Wir Menschen brauchen eine ganze Schwangerschaft, um neues Leben zu schaffen und die dafür nötigen Nährstoffe bereit zu stellen. Bei Vögeln ist das anders. Sie legen Eier, in denen alle lebensnotwendigen Nährstoffe für den Embryo auf einen Schlag enthalten sind. Wer die Grösse eines Eis mit der Grösse einer Legehenne vergleicht, sieht schnell, wie viel Energie und Nährstoffe es kosten muss, ein Ei zu produzieren. Ein Ei hat durchschnittliches ca. 55g, eine Legehenne ca. 1,75kg. Wenn man dies zum Vergleich auf eine 65kg schwere Frau hochrechnet, wäre das ein 2kg schweres Ei vollgepackt mit Nährstoffen, dass der Körper fast täglich produzieren müsste. (Im Vergleich dazu: eine Plazenta hat bei der Geburt nur ca. 650 Gramm).


Neben den im Ei enthaltenen Nährstoffen, fordert die Eierproduktion auch einen beträchtlichen Anteil an Calcium für die Eierschalen, die dem Hühnerkörper anschliessend fehlen. Knochenbrüche und Osteoporose sind die Folge davon. Aber auch andere Mangelerscheinungen und Erkrankungen des Legeapparats kommen häufig vor. Im Endeffekt ist also allein die Überzüchtung der Hühner schon Qual für die Tiere. Sie sind durch ihre Rasse gezwungen, so viele Eier zu legen, dass ihr Körper daran zugrunde geht. Es muss also versucht werden, den Hennen die verlorenen Nährstoffe wieder zurückzugeben, also ihnen die gelegten Eier wieder zu verfüttern, oder ihren Zyklus durch einen Eingriff zu unterbinden, damit sie erst gar keine Eier mehr legen.


Aber mein Frühstücksei ist lecker!

Ja, das streitet niemand ab. Ob sie gesund sind oder nicht, darüber scheiden sich die Geister. Ich möchte hier auch keine Studien-Schlacht eröffnen. Klar ist, dass Eier naturgemäss viele Nährstoffe enthalten – vielleicht von manchen auch zu viele. Wie bei allen Ernährungs-Themen ist es jedoch auch hier: Wir brauchen keine Eier. Wir brauchen generell keine Lebensmittel, sondern Nährstoffe. Und die in Eiern enthaltenen Nährstoffe, lassen sich spielend auch pflanzlich abdecken.


Wer sein Ei unverzichtbar lecker findet, sollte sich aber vielleicht auch einmal Gedanken darüber machen, was ein Ei eigentlich ist. Denn wenn ein Huhn ein unbefruchtetes (oder gerade bei Kleinbauern mit Hähnen manchmal auch befruchtetes) Ei ausstösst, dann nennt sich das «Eier legen». Wenn ein Mensch das tut, nennt sich das «Menstruieren». Guten Appetit.


Quellen:

Bio Suisse

BLW

Planet Wissen

Vier Pfoten

Versteckte Käfigeier

Zürcher Tierschutz

BLV

Infosperber

Umweltnetz Schweiz

Naturschutz

SRF

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