«Nachtblau» im Soundcheck
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«Nachtblau» im Soundcheck

Als «Intro» fungiert ein Zitat, welches den Namen des Longplayers umschreibt und von einem düster klingenden Beat umrahmt wird. Es kann also losgehen.


«Mi Hustle» ist feinster Boom Bap-Sound und erzählt vom Balanceakt zwischen Rapmusik und dem Arbeitsalltag. Auch wenn viele immer noch die Illusion haben, dass Bekanntheit auch gleich Reichtum bedeutet, zeigen die Jungs, dass dem eben nicht so ist. In der Schweiz bleibt Musikmachen für einen Grossteil ein Hobby, welches eher selten Geld in die Kasse spült. Es ist trotzdem cool zu hören, dass die Beiden ihren Weg auch ohne grosse Vorschüsse der Plattenindustrie weiterfolgen und Rap aus Überzeugung und Liebe zur Materie machen.


Der Titeltrack «Nachtblau» nimmt die Hörerschaft mit zu den Bahngleisen. Es herrscht eine mystische Atmosphäre, die genauer hinhören und einem in der Dunkelheit versinken lässt. Es ist ein Stadtmärchen, welches leider kein Happyend kennt und ziemlich viele melancholische Metaphern bereithält. Den fühle ich ziemlich!


«Ig wünsches dir» startet wie eine Pop-Rock-Nummer und hat den Charme von den frühen Züri West. Der sozialkritische Track ist sehr beschwingt und zeigt, dass es neben der Norm oder dem was von allen akzeptiert ist, immer einen alternativen Lebensweg gibt. Es ist der musikalische Soundtrack zum Sprichwort «jedem Tierchen sein Pläsierchen», welcher mir sehr gut gefällt.


Im Lied «Stadt» wird ein düsteres und fast auch ein wenig hoffnungsloses Bild des Lebens in der Schweiz nachgezeichnet. Die Stadt saugt die Energie der Kinder und hält sich so am Leben. Fast schon gruselig, wie Migo und Iroas hier die immer grösser werdende Kluft zwischen Arm und Reich beschreiben. Es herrscht eine fast erdrückende Stimmung wie in einem Science-Fiction-Film, mit dem kleinen Unterschied, dass dieses Stück näher an der Realität angesiedelt ist, als es den meisten Menschen wohl lieb ist.


Das kurze Intermezzo «Übergang» klingt nostalgisch angehaucht und leitet auf dem Album gekonnt weiter zum nächsten Lied. Gut gemacht, Buzz. Oh, die Schranke der Bahn geht runter…


«Kolleg» zelebriert den Untergrund und die erfolgreichen Früchte, die er inzwischen dank ihrer Crew trägt. Ich mag das Gefährliche, welches hier zwischen den Zeilen durchschimmert. Die beiden Sprechgesangskünstler zeigen hier eindrucksvoll, dass sie auch ohne Chaostruppe im Rücken einiges zu erzählen haben und weiterhin für ihre Werte einstehen. Gelungen!


Das moderne Märchen «3 Hänsel» ist ein echter Kopfnickertrack, der sofort alle Hände in die Höhe schiessen lässt. Es ist ein sehr hörenswerter Battletrack, der trotz dem zurückgelehnten Beat enorm viel Energie ausstrahlt und wunderbar bounct.


«Odyssee» nimmt einem mit auf eine Reise durch die Biografien der Protagonisten und stellt zusätzlich noch den gut zum Konzept passenden Gast Malek vor. Die Hymne für diejenigen, die sich fehl am Platz fühlen, hätte mir in meiner Jugend viel Hoffnung und Zuversicht geschenkt und wahrscheinlich einige Situationen einfacher gestaltet.

«Gloria» ist ein klarer und schonungsloser Blick auf den Alltag. In diesem Lied wird der ewige Twist zwischen Kunst und Kommerz porträtiert. Die Jungs sehen sich dabei vor allem in der Rolle der arbeitenden Unterschicht und spotten über die Reichen hinter den Mauern. Sie scheinen doch irgendwie zufrieden zu sein mit ihrem Leben und auch wenn es hin und wieder schwierig ist, lohnt sich der Kampf für die eigene Leidenschaft doch irgendwie. Grosses Kino!


«Outro» geht nochmals harsch mit dem Kapitalismus in die Kritik und zeigt, dass auch die beiden Rapper nicht immer eine Lösung für jedes Problem haben. Die Revolution braucht einen langen Atem und ich wünsche mir, dass die beiden Berner diesen auch in Zukunft haben und weitere solche Tonträger veröffentlichen.


Schlussfazit:
Das Album «Nachtblau» von Migo, Iroas und Buzz ist der perfekte Soundtrack für eine durchgezechte Nacht. Philosophische Gedanken mischen sich mit melancholischen Alltagsbeobachtungen und irgendwie würde man sich als Zuhörer ganz gerne zum Trio an die Geleise gesellen. Die Platte ist ein nachdenklicher Trip mit einem stimmigen Konzept und trotz der vielen blauen Noten und Metaphern spürt man zwischendrin immer eine gewisse Aufbruchsstimmung und die Hoffnung, dass die Welt doch noch irgendwie zu retten ist. Wären doch mehr Rapper in der Politik, dann würde vielleicht auch mal wirklich was verändert, anstatt immer nur versprochen.

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